13. August 1961: Der Tag, an dem eine Mauer Hans-Jürgen Fischbecks Familie trennte
Stand: 10.08.2026, 17:50 Uhr
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Der Bau der Berliner Mauer in der DDR greift brutal in das Leben Tausender Familien ein. Auch ein junger Physikstudent aus Ost-Berlin steht am 13. August 1961 vor der Frage: Gehen oder bleiben?
Berlin – „Ein so singuläres Ereignis, nicht zu vergleichen mit anderen“: Hans-Jürgen Fischbeck steht wenige Tage vor dem 65. Jahrestag des Mauerbaus vor dem Berliner Tränenpalast. Der 87-Jährige erinnert sich an den Tag, an dem sich sein Leben grundlegend änderte, seine Familie auseinandergerissen wurde. Der Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße ist bis 1989 als DDR-Grenzübergangsstelle zwischen Ost- und West-Berlin für viele Menschen ein Ort des Abschieds ohne Wiedersehen. Heute wird dort über die Teilung der Stadt informiert.
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Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Am Morgen des 13. August 1961 hört Fischbeck im Radio vom Bau der Mauer quer durch Berlin. Er ist 22 Jahre alt, studiert in Ost-Berlin Physik an der Humboldt-Universität. „Am selben Tag habe ich mich noch mit meiner damaligen Freundin und jetzigen Frau in Adlershof getroffen“, erzählt er: „Wir sind von dort mit der S-Bahn zum Bahnhof Köllnische Heide gefahren.“

Stacheldrahtrollen an der Grenze
Dort im Südosten Berlins stehen die beiden dann in einer Kleingartenkolonie vor Stacheldrahtrollen. Diese trennen schon den Ostteil Berlins vom Westteil, eine Mauer ist noch nicht gebaut. „Wir standen beide vor der Frage, ob wir nicht gleich einen Satz machen sollen“, sagt er. Schließlich entscheiden sie sich dagegen: „Wir wollten einfach nicht unsere Eltern von heute auf morgen verlassen.“
Fischbecks Schwester und Bruder wohnen Anfang der 60er Jahre im Westteil der Stadt. Er selbst ist dort regelmäßig zu Gast, singt im Westen in einer Studierendenkantorei. „Ich war viel in West-Berlin“, erzählt er: „Das wurde natürlich durch den Mauerbau brutal unterbrochen.“ Seine Eltern leben damals in Stendal und werden wenige Jahre später als Rentner in die Bundesrepublik ausreisen. Die Mutter seiner Freundin lebt in Ermsleben im Harzvorland der DDR.
„Tatsächlich hat die Mauer dann unsere Familie ganz und gar getrennt“, erzählt Fischbeck: „Ich bin der Letzte, der zurückgeblieben war.“ Und Reisen ins nicht-sozialistische Ausland waren aus dem Osten Deutschlands kaum möglich
Reise nach Schottland
Als promovierter Physiker an der Akademie der Wissenschaften erhält Fischbeck, mittlerweile Familienvater, dann 1968 eine Reisegenehmigung zu einem Kongress in Schottland. Der fällt in die Zeit des Einmarsches von Truppen der Warschauer Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei. Er kehrt zu seiner Familie nach Ost-Berlin zurück. Das war es dann lange mit dem Reisen gen Westen.
1988 darf er „wegen dringender Familienangelegenheit“ zum Geburtstag seiner Mutter in den Westen reisen. Das ist auch das einzige Mal, dass Fischbeck den Tränenpalast betreten muss.
Die fehlende Reisefreiheit begleitet ihn bis zum Ende der DDR. Der im ostafrikanischen Tansania geborene Sohn von Bethel-Missionaren engagiert sich früh in einer evangelischen Kirchengemeinde. Mitte der 80er Jahre setzt er sich für eine kritische Bestandsaufnahme der Abschottungspolitik der DDR gegenüber der Bundesrepublik ein.
Ein Antrag in der Teil-Synode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg zur „Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung“ und ein Auftritt vor der in Dresden tagenden Ökumenischen Versammlung machen Fischbeck auch in Westdeutschland bekannt. Im Osten wird er Mitbegründer der Bürgerrechtsbewegung „Demokratie Jetzt“ und einer der bedeutenderen Akteure der friedlichen DDR-Bürgerbewegung, die schließlich zum Fall der Mauer am 9. November 1989 führt.
„Brutstätten der friedlichen Revolution“
Fischbeck nennt die Kirchengemeinden in der DDR „die Brutstätten der friedlichen Revolution“. „Da sammelten sich die Initiativgruppen, Friedenskreise“, sagt er. Und als Physiker habe er das große Glück gehabt, im Zentralinstitut für Elektronenphysik der Abteilung Theoretische Physik arbeiten zu können. „Das war eine Abteilung von Gleichgesinnten, eine Enklave“, erzählt er. Dort habe es keinen Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Stasi gegeben: „Man fand eben keinen IM, der theoretische Physik gekonnt hätte.“
Auch nach der Wiedervereinigung bleiben die Folgen von Mauer und Teilung auf die Psyche der Ostdeutschen für ihn ein Thema. Unter anderem ist er bis 1992 Mitglied der Bündnis90-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Dann wird er Studienleiter an der Evangelischen Akademie in Mülheim an der Ruhr. Zudem engagiert er sich in Wissenschaftlervereinigungen. Für sein Engagement erhält er 1997 das Bundesverdienstkreuz. Auch im hohen Alter bleibt er aktiv. Als kritischer Beobachter der Zeitläufe stellt sich Fischbeck auch heute noch Debatten, wenn es um die DDR und die Zeit nach der Wiedervereinigung geht.