20 Jahre Hospiz Trier: Ein Gast schlief monatelang auf der Terrasse – umgeben von Heizstrahlern
20 Jahre Hospiz Trier Ein Gast schlief monatelang auf der Terrasse – umgeben von Heizstrahlern
Trier · Acht Betten, 400 Anfragen im Jahr: Im Trierer Hospiz zählen die Wünsche der Sterbenden. Seit 20 Jahren begleitet das Haus in der Ostallee Menschen auf ihrem letzten Weg – ein Schutzraum für das Leben bis zuletzt.
01.09.2026 , 07:02 Uhr
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20 Jahre stationäres Hospiz in Trier
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Foto: Katja Bernardy
Wer im Trierer Hospiz in eines der acht Zimmer zieht, kommt, um zu sterben. Im Schnitt bleiben die Gäste knapp zwei Wochen – manchmal aber auch deutlich länger. Gäste, so werden die schwer kranken Menschen hier genannt, die zu Hause nicht mehr versorgt werden können. Rund um die Uhr gibt es palliativmedizinische Betreuung. Wichtig sind vor allem die individuelle Pflege und die Begleitung.
Wir sitzen im Wohnzimmer. Ein großer, lichtdurchfluteter Raum mit langem Esstisch, Küche und Sofaecke. Bodentiefe Fenster öffnen den Blick auf die Terrasse und den gepflegten Garten. An den Wänden hängen bunte Bilder, die regelmäßig wechselnde Künstler ausstellen, wie Ruth Krell erklärt. Sie war 30 Jahre Intensivkrankenschwester und 15 Jahre in der ambulanten Hospizarbeit. Sie ist Mitgründerin und Vorstandsvorsitzende des Hospiz Verein Trier e.V.
Das Wohnzimmer ist voller Leben: Gärtner gehen durch. Eine Pflegekraft kocht Tee. Eine Frau mit Rollator und Sauerstoffgerät besichtigt mit ihrer Familie das Haus, in dem sie ihre letzten Tage, Wochen oder Monate verbringen wird. Sie stellt sich vor – und schaut weiter.
Leben und Sterben im Hospiz Trier: So groß ist der Bedarf
Seit 2019 ist Christoph Paulus stellvertretender Leiter des stationären Hospizes. Er berichtet, dass in den vergangenen zwei Jahrzehnten etwa 2.500 Menschen aus Trier und dem Landkreis Trier-Saarburg hier bis zu ihrem Tod begleitet wurden. Das Team zähle 28 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – von der Palliativpflegekraft über die Hauswirtschafterin bis hin zum Psychoonkologen. Rund 100 Ehrenamtliche unterstützten. Darunter auch die, die Blumen gießen oder sich um Autos kümmern, betont Krell.
Jedes Jahr gebe es etwa 400 Anfragen, sagt Paulus. Doch nur rund 120 Gäste könnten aufgenommen werden. Der Bedarf sei seit der Eröffnung im Oktober 2006 kontinuierlich gestiegen.
Für die Aufnahme seien drei Kriterien entscheidend: Aufgenommen wird, wer erstens eine fachärztliche Diagnose hat, zweitens voraussichtlich bald sterben wird und drittens zu Hause nicht mehr versorgt werden kann. 80 Prozent der Gäste litten an Krebs, die übrigen an internistischen oder neurologischen Erkrankungen. Die Aufnahme sei unabhängig von Konfession, Alter und Krankheit.
Die Geschichte der Hospizbewegung – und so ging es in Trier los
Ein Blick in die Geschichte: Hospize gab es schon im Mittelalter, damals als Zufluchtsorte für Alte und Kranke. Im 20. Jahrhundert griff man die Idee wieder auf. Der medizinische Fortschritt hatte viele Menschen einsam im Krankenhaus sterben lassen. Die Hospizbewegung wollte dem entgegenwirken – Orte schaffen, an denen Menschen bis zuletzt ganzheitlich betreut werden. Die moderne Hospizbewegung begründete Cicely Saunders 1967 in London mit dem St. Christopher’s Hospice. Das erste deutsche Hospiz eröffnete 1986 in Aachen.
In den 1990er-Jahren setzte sich auch in Trier eine engagierte Gruppe für ein Hospiz ein. Eine treibende Kraft war Ruth Krell, die Vorstandsvorsitzende des Hospiz Verein Trier. Der Verein gilt als Keimzelle der Hospizarbeit in der Moselstadt. Krell erinnert sich: „Uns war wichtig, ein Hospiz mitten in der Stadt zu errichten, nicht auf der grünen Wiese.“ Sterben und Tod sollten als Teil des Lebens sichtbar bleiben, enttabuisiert werden.
Der Zufall half. Krell blickt zurück: Eine Villa in der Ostallee 67, mitten in der Stadt, stand zum Verkauf. Die Herbert und Veronika Reh Stiftung erwarb das Gebäude. Mit Unterstützung des Hospiz Verein Trier, mit der großen Spendenaktion „Da-Sein“ des Trierischen Volksfreunds und weiteren Mitteln wurde die Villa umgebaut. Wichtig waren beispielsweise bodentiefe Fenster in den Gästezimmern, die vom Bett aus den Blick ins Grüne ermöglichen. Dass medizinische Geräte hinter bunten Bildern verschwinden, um kein Krankenhausgefühl aufkommen zu lassen. Dass die Zimmer rund um einen großzügigen Flur liegen. So fänden sich die Gäste, wie Ruth Krell sagt, auch ohne Leitsystem gut zurecht.
2004 gründete man eine Trägergesellschaft für das stationäre Hospiz, heute die Hospiz- und Palliativgesellschaft für die Stadt Trier/Landkreis Trier-Saarburg gGmbH. Am 6. Oktober 2006 öffnete das Hospiz an der viel befahrenen Ostallee, mitten in der Stadt, seine Türen. Seitdem hat sich die Zahl der Betten nicht verändert. „Bewusst“, sagt Ruth Krell, „um die familiäre Atmosphäre zu bewahren.“
Für das Leben: Warum das Hospiz Trier assistierten Suizid ablehnt
Und nach wie vor stünden die Bedürfnisse und Wünsche der Gäste im Mittelpunkt, betont die Vorstandsvorsitzende. So schlief ein Gast monatelang auf der Terrasse, umgeben von Heizstrahlern. Ein Gast bekam sein erstes Tattoo, andere feierten Hochzeiten, Taufen oder genossen ihr Lieblingsessen aus Kindheitstagen. Sogar eine Ballonfahrt wurde organisiert.
Die Hälfte der Arbeit im Hospiz sei Arbeit mit den Angehörigen, sagt Krell. Sie könnten auch im Zimmer des Gastes übernachten oder im Ruheraum.
Die Kosten für die stationäre Hospizversorgung werden zu 95 Prozent von der Kranken- und Pflegekasse finanziert, steht auf der Internetseite des Hospizes. Den verbleibenden Anteil decke das Hospiz durch Spendengelder.
Was hat sich in 20 Jahren verändert? „Der medizinische Fortschritt fordert die hospizliche Haltung heraus“, sagt Krell. Die hospizliche Haltung sei eine Geisteshaltung, erklärt Christoph Paulus. Dazu zähle, den Menschen in seiner Einzigartigkeit zu sehen – mit all seiner Würde und im Respekt vor seiner Selbstbestimmtheit.
Dazu gehöre auch die Ablehnung des assistierten Suizids, sagt Krell. Hilfe beim Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. „Der Druck ist gestiegen“, sagt sie. „Doch das Hospiz ist ein Schutzraum. Wir stehen für das Leben bis zuletzt.“ Seit nun 20 Jahren.