"23.000 Leben" bei Netflix: So gut ist der Seenotretter-Film


Louis Hofmann in 23.000 Leben
Foto: 2024 Netflix, Inc.

„23.000 Leben“ basiert auf der wahren Geschichte der Hilfsorganisation „Jugend Rettet“. Wird das deutsche Netflix-Drama seinem brisanten Stoff gerecht?

Wie soll das bloß im Lebenslauf aussehen? Will man nicht lieber etwas „Richtiges“ aus seinem Leben machen? Die Konflikte und Fragen in „23.000 Leben“ sind bisweilen banaler, lächerlicher bis zynischer Natur. Das ist kein Problem des Films, sondern eines der Menschen und der Gesellschaft, die er zeigt. Regisseur Markus Goller inszeniert in dem Netflix-Drama die Geschichte eines jungen Mannes namens Lukas, gespielt von Louis Hofmann.

Lukas ist noch in einer Selbstfindungsphase seines Lebens. Er engagiert sich ehrenamtlich in der Versorgung Geflüchteter. Während sein Umfeld zum Studium übergeht, entschließt sich der Junge aus wohlhabendem Haus zu einer politischen Mission. Er will mehr Menschen helfen. Es ist das Jahr 2015. Gemeinsam mit anderen Jugendlichen gründet er also eine Organisation, um Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken zu bewahren. Der Film adaptiert damit die Geschichte der Crew des Schiffes „Iuventa“, die zahlreiche Personen gerettet hat. 2017 wurde das Schiff beschlagnahmt und erst nach mehreren Jahren und einem teuren Strafverfahren zurückgegeben.

Szenenbild aus 23.000 Leben bei Netflix
Foto: 2024 Netflix, Inc.

„23.000 Leben“ erzählt die wahre Geschichte der NGO „Jugend rettet“

„23.000 Leben“ ist am spannendsten, wenn er die Vorbereitung und Planung der Mission zeigt. Wie finanziert man das Projekt? Wie verkauft man sich öffentlich am besten? Welche Rollen und Aufgaben werden an wen verteilt? Wie kann man zur Hilfe eilen, wenn ringsherum Ignoranz, Verdrängung und Zurückhaltung regieren, auch auf politischer Ebene?

Wenn der Film die Verwaltung und Organisation betrachtet, dann sind das interessante Szenen, weil man sie stilistisch so oder so ähnlich auch aus zig anderen neoliberalen Filmmärchen über Menschen kennt, die anpacken, gegen alle Widrigkeiten Karriere machen, ihre Träume verwirklichen, sich entwerfen. Inspirierend, mitreißend soll das alles sein. Nur, dass es hier in dem NGO-Alltag um eine interessante widersprüchliche Beziehung geht, die sich einerseits zum Lauf der Dinge querstellt, auch zu dessen Kapitalinteressen und wie diese staatlich gesichert werden.

Zugleich geht es genauso um eine Anpassung an die Regeln und Machtverhältnisse, die man unterwandern will, um selbst damit im Leben durchzukommen. Und dabei stehen noch ganz praktische Fragen an: Wo bekommt man etwa das Boot her? Ein reiches Ehepaar wird Abhilfe schaffen und investieren, gespielt von Ulrich Matthes und Corinna Harfouch. Wenn die beiden auf der Bildfläche erscheinen, dann wabert kurz ein Hauch von Schauspiel-Grandezza durch den Film. Neben ihnen gehören unter anderem Frederick Lau und Katja Riemann zu den prominenten Nebenrollen.

Die Strapazen der Seenotrettung im Mittelmeer

Schwierig wird es aber dann, wenn das ganze Vorgeplänkel nach einer halben Stunde überstanden ist. Dann, wenn es auf hohe See und um all die Probleme bei der eigentlichen Arbeit geht und wie diese zu Wasser und zu Land sabotiert wird. „23.000 Leben“ ist engagiertes Filmemachen, das einige Aspekte im Migrationsdiskurs geraderücken will. Den Mythos etwa, professionalisierte Seenotrettung sei ein sogenannter Pull-Faktor, um noch mehr Menschen anzuziehen. Es geht um Fremdenfeindlichkeit und so weiter und so fort. „23.000 Leben“ stellt dem konkrete Schicksale und Realitäten gegenüber. Der Film lässt mehrere Figuren schildern, aus welchen Verhältnissen sie geflohen sind, warum sie die lebensgefährliche Reise auf sich nehmen.

Das Problem ist nur, dass der Film darüber hinaus selbst vor allem Phrasen und ganz viel Rührseligkeit übrig hat. Er lässt eine Figur entrüstet klagen: „Es gibt doch schon lange kein ‚Wir schaffen das‘ mehr!“. Der Protagonist darf zudem noch einmal aufsagen: „Helfen ist kein Verbrechen. Es ist ein Akt der Menschlichkeit.“ Das ist eine gute Moral, aber der künstlerische Reiz dessen hält sich in Grenzen.

Foto:2024 Netflix, Inc.

Katastrophen im Streaming-Format

Dazu gibt es ganz viele glatte, weichgespülte Bilder zu sehen. Not und Elend bleiben konsumierbares Entertainment. Katastrophen und Spannungen sind kurzer Natur. Es darf mal wieder nicht zu ungemütlich werden, um den Streaming-Genuss nicht zu verderben. Im Hintergrund spielen Streicher und Klavier, um das Publikum zu berühren. Als würde man ihm nicht zutrauen, beim Anblick von Menschen in Notlagen und bei deren Geschichten auch so Mitleid zu empfinden.

Es gibt nun wirklich genügend andere Filme, gerade im dokumentarischen Bereich, die sich des Themas der Flucht und der Seenot schon deutlich reifer und komplexer angenommen haben. Werke, die keine gefühlsduselige Hochglanz-Ästhetik benötigen, welche auch aus diversen NGO-Werbe- und Aufklärungsclips aus sozialen Medien stammen könnte. Und die hölzernen Dialoge ringsherum machen es nicht besser!

Louis Hofmann als Lukas in 23.000 Leben
Foto: 2024 Netflix, Inc.

Funktioniert die Kritik von „23.000 Leben“?

Überhaupt wird man den Eindruck nicht los, dass sich „23.000 Leben“ ein wenig verirrt in seiner Anklage und seinem Konzept. Menschen zum Aktivismus animieren, wenn Staaten versagen; schön und gut! Aber davon müssen sich größere systemische Fragen und Hürden, die ihre Schatten im Film werfen, eigentlich nicht groß beirren lassen. Hier geht „23.000 Leben“ zu behutsam in die Offensive.

Das ist ein Film, der von Solidarität erzählt, aber im Kern immer noch zu individualistisch gedacht ist. Ein Denken in den Rahmungen des Status quo. Aufbereitet für eine Welt konkurrierender Nationalstaaten, in deren Struktur und (Wirtschafts-)Ordnung Empathie, die der Film mit großen Gesten starkmachen will, im Grunde irrelevant ist. Zumindest als Selbstzweck und humanistischer Wert an sich.

Um hier also tiefergreifend zu intervenieren, bräuchte es andere erzählerische Herangehensweisen. Und mehr als aufgesetztes Mutmachkino, sentimentale Heldengeschichten und Botschaftsfilme, die sich als besonders „wichtig“ inszenieren, aber diskursiv eigentlich so oberflächlich bleiben wie das ewige Talkshow-Gezänk, das man hier vorführt.

„23.000 Leben“ ist seit dem 17. Juli 2026 bei Netflix verfügbar.