Alle tanzen nach seiner Pfeife: Mika Baumgardt ist im überregionalen Spitzenfußball angekommen
Stand: 16.10.2026, 20:01 Uhr
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Schiedsrichter Mika Baumgardt vom FSV Hohe Luft gehört zum Schiedsrichterassistenten-Pool für die Junioren-Bundesliga.
Bad Hersfeld – „Wenn ich auf den Elfmeterpunkt zeige, stehe ich auch voll hinter meiner Entscheidung.“ Mika Baumgardt sagt das ruhig und reflektiert. Wer den 22-jährigen Hersfelder Fußball-Schiedsrichter beobachtet, sucht Starallüren vergeblich. Seine Autorität auf dem Rasen speist sich aus Kompetenz und innerer Ruhe. Dieses souveräne Auftreten ebnete ihm auch den Weg auf die große Bühne: Der Unparteiische, Vereinsmitglied beim FSV Hohe Luft, gehört zum Schiedsrichterassistenten-Pool für die Junioren-Bundesliga. Baumgardt vertritt die heimische Schiedsrichtervereinigung im überregionalen Spitzenfußball und reiht sich damit neben Sören Glock und Jan-Philipp Finkler in die Riege der heimischen DFB-Kader-Assistenten ein. Sein erster DFB-Einsatz in dieser Saison ist morgen bei Waldhof Mannheim. Steht er an den Wochenenden nicht an der Bundesliga-Seitenlinie, leitet der Referee Partien in der Gruppenliga.
Macher mit Struktur
Baumgardt ist zielstrebige Wege gewohnt: Schon mit 17 Jahren schloss er sein Fachabitur als kreisweit Bester an den Beruflichen Schulen Bad Hersfeld ab, gefolgt von einem dreieinhalbjährigen dualen Bauingenieur-Studium bei der Firma Räuber. Heute koordiniert er im Hauptberuf als Bauleiter in Eisenach Pläne, Gewerke und Baubesprechungen. Ein extremes Pensum, das kaum Pausen zulässt: Unter der Woche beginnt sein Arbeitstag meist schon früh am Morgen und endet oft erst mit der Ankunft zu Hause nach 18 Uhr. Das abendliche Training im Fitnessstudio kommt wegen der hohen Belastung auf den Baustellen derzeit oft zu kurz.
Auch die Wochenenden gehören vollständig dem Fußball. Allein für ein Gruppenligaspiel investiert der Hersfelder inklusive Fahrt und Vorbereitung gut sechs Stunden. Hinzu kommen regelmäßige Lehrgänge in Frankfurt am Main oder Grünberg. Viel Zeit für Privates bleibt da nicht. Ein Glück, dass Partnerin Charlize Schmitz das Hobby teilt: Sie spielt selbst aktiv Fußball beim SV Unterhaun in der Frauen-Gruppenliga.
Vom Keeper zum Schiri
Bereits 2017 machte er seinen Schiedsrichter-Schein, das Pfeifen lief zunächst nebenbei. Seine Leidenschaft gehörte dem aktiven Spiel – er stand als Torwart für den FSV Hohe Luft auf dem Platz. Doch in der Saison 2022/2023 streikte der Körper: Drei schwere Muskelverletzungen bremsten ihn aus. In dieser Phase klopfte der Schiedsrichterkreis – das lokale Gremium für Ausbildung und Spieleinteilung – bei ihm an. Der Verband nahm den Keeper in den U21-Förderkader des Hessischen Fußballverbandes auf. Angetrieben durch gute Bewertungen in der Kreisoberliga schaffte Baumgardt zur Saison 2024/2025 den Sprung als Hauptschiedsrichter in die Gruppenliga. Wenige Monate später folgte die DFB-Berufung als Assistent für die Junioren-Bundesliga.
Fitness und Fokus
Das Niveau in der Nachwuchs-Bundesliga beschreibt der Unparteiische als spürbaren Qualitätssprung. Während ältere Kollegen in den Kreisligen Spiele mit Auge und Erfahrung leiten, müssen ambitionierte Spielleiter durch harte Prüfungen. Als Gruppenliga-Hauptschiedsrichter muss Baumgardt jährlich den HIT-Test (High Intensity Test) beim Verband ablegen – ein intensives Intervall-Lauftraining auf Zeit: 32 Durchgänge à 75 Meter in 15 Sekunden, unterbrochen von 18 Sekunden Trabpause. Doch auch an der Bundesliga-Seitenlinie wird ihm nichts geschenkt: Gut sechs bis acht Kilometer absolviert ein Assistent pro Spiel – geprägt von Richtungswechseln und Side-Steps auf Höhe des vorletzten Abwehrspielers.
Auf Baustellen benötigt er Durchsetzungsvermögen und einen kühlen Kopf – Eigenschaften, die Baumgardt auf den Rasen projiziert. Dass er selbst jahrelang im Tor stand, sieht er als Vorteil. Er kann Spielzüge antizipieren und kennt den psychologischen Druck aus beiden Perspektiven. Auf dem Platz setzt das Schiedsrichter-Talent bewusst auf Dialog. „Ich kommuniziere gern mit den Spielern und erkläre ihnen meine Entscheidungen“, betont der 22‑Jährige. Dabei hilft ihm auch seine athletische Statur, um sich Respekt zu verschaffen. Das nötige „dicke Fell“ gegen Kritik von außen hat er sich über die Jahre aneignen müssen.
Ziele und Vorbilder
Trotz des Bundesliga-Flairs bleibt Baumgardt bemerkenswert bodenständig. Den Traum von der Herren-Bundesliga als Hauptschiedsrichter ordnet er pragmatisch ein: „Sich das als Ziel zu stecken, ist relativ unrealistisch. In meinem Alter entscheidet es sich, ob hop oder top.“ Sein Fokus liegt auf dem nächsten Schritt: Ein Aufstieg als Referee in die Verbandsliga wäre sein Wunsch.
Inspiration holt er sich von Ex-Schiedsrichtern wie Deniz Aytekin oder Patrick Ittrich, deren Nahbarkeit er schätzt. Der Schiri-Blick lässt ihn auch in der Freizeit beim Besuch auf den Fußballplätzen nicht los: „Ich guck sehr viel auf den Schiedsrichter. Kritisieren alle von außen seine Entscheidungen, erkläre ich gern, warum die doch richtig waren“, sagt er schmunzelnd.
Für den Schiedsrichter-Nachwuchs bricht Baumgardt eine Lanze: Das Hobby schule Qualitäten wie Stressresistenz und den Umgang mit Konflikten – Eigenschaften, die ihm auch im Beruf als Bauleiter täglich zugutekommen. Und an den seltenen Tagen ohne Baustelle oder Fußball? Da wünscht sich der junge Unparteiische einfach nur: ausschlafen, entspannt frühstücken und gemeinsam mit der Freundin eine Runde auf dem Motorrad drehen.