Rentenübersicht: Der digitale Renten-Reinfall


Die gesetzliche Rente allein reicht nicht mehr, um im Alter den gewohnten Lebensstandard zu halten. Das erfordert zusätzliche Vorsorge – und einen guten Überblick, aus welchen Quellen später welche Geldbeträge zu erwarten sind. Diesen soll die Digitale Rentenübersicht liefern, ein individuelles Informationsangebot an alle Versicherten. Vor gut zwei Jahren ist es nach langer gesetzlicher Vorbereitung unter technischer Regie der Deutschen Rentenversicherung (DRV) gestartet. Versicherte können sich damit alle ihre Ansprüche auf einen Blick zeigen lassen, egal wer sie verwaltet.

Allerdings zeigen nun erste Bestandsaufnahmen: Nicht genug damit, dass bisher zu wenige Menschen für eine Zusatzrente sparen. Schon das Interesse an der Digitalen Rentenübersicht ist flau. Dabei wird diese mit den aktuellen Rentenreformen der Regierungskoalition immer wichtiger. Ob Kapitalrente, Frühstartrente oder Altersvermögensdepot – gleich drei neue Varianten sollen die Zusatzvorsorge auf breiter Front voranbringen.

Wie es um die Digitale Rentenübersicht steht, hellt nun eine neue Repräsentativumfrage auf. Insa hat dazu für das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) im Juli gut 2000 Menschen befragt. Ergebnis: Gerade einmal zwölf Prozent haben das Angebot schon genutzt. Die Hälfte kannte es noch nicht einmal. Und 28 Prozent gaben an, das Angebot zwar zu kennen, es aber noch nicht genutzt zu haben.

Auffällig außerdem: Es ist auch eine Altersfrage, ob sich Menschen für die Digitale Rentenübersicht interessieren und ihre Zugangshürden überwinden. In der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen haben sie immerhin schon 20 Prozent genutzt, und nur 34 Prozent hatten noch nichts davon gehört. Unter den 50- bis 59-Jährigen haben indes nur zehn Prozent ihre Daten schon abgerufen, während 54 Prozent das Angebot nicht kannten. Noch ungünstiger fallen die Antworten der über 60-Jährigen aus.

Das Deutsche Institut für Altersvorsorge, getragen von Unternehmen der Finanzwirtschaft, versteht sich als unabhängige Denkfabrik. Ein besserer Erfolg der Digitalen Rentenübersicht ist aus seiner Sicht sehr zu wünschen. „Wer frühzeitig seine voraussichtlichen Ansprüche kennt, kann leichter erkennen, ob zusätzlicher Vorsorgebedarf besteht“, sagt DIA-Sprecher Peter Schwark. Die seit Ende 2023 abrufbare Übersicht könne „ein wichtiger Baustein für mehr Transparenz bei der Altersvorsorge“ sein.

Zugangshürden höher als für die elektronische Steuererklärung

Nach seiner Analyse stehen aber zwei wesentliche Hindernisse im Weg. Zum einen müsse schlicht mehr dafür getan werden, das Angebot bekannt zu machen. Zum anderen gehe es darum, Nutzern den Abruf der Daten zu erleichtern. Das aktuelle Authentifizierungs- und Anmeldeverfahren erfordert den Einsatz des elektronischen Personalausweises, und es sei insgesamt unnötig kompliziert.

Schwark bezweifelt, „ob für den Zugang ein ähnlich hohes Authentifizierungsniveau erforderlich sein muss wie beispielsweise bei der elektronischen Patientenakte“. Für viele andere Anwendungen von ähnlicher Sensibilität seien jedenfalls einfachere Verfahren üblich und akzeptiert. Das gelte etwa fürs Onlinebanking, aber auch die „Elster“-Anwendung für die elektronische Steuererklärung.

Warum es für Renteninformationen einen stärkeren Schutz geben müsse als dafür, sei kaum erklärbar. Auf jeden Fall schrecke es Nutzer ab und erschwere positive Erfahrungen mit dem Angebot. „Es entsteht keine Mund-zu-Mund-Propaganda, niemand führt die Anwendung spontan im Familien- oder Freundeskreis vor, und die Bekanntheit wächst zu langsam.“

Das könnten aber wichtige Hebel sein, um mehr Menschen zu privater Vorsorge zu bewegen. Diese ist schon seit der Rentenreform von 2001 ein offizielles Ziel der deutschen Alterssicherungspolitik. Jedoch haben bisher nur gut 60 Prozent der Versicherten eine ergänzende Vorsorge neben der gesetzlichen Rente. Genau das will die Regierungskoalition mit der geplanten obligatorischen Kapitalrente ändern.

Rentenversicherung zählt bisher 390.000 registrierte Nutzer

Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) hält sich indes zugute, schon viel zu tun, um die Digitale Rentenübersicht attraktiver zu machen. Unter ihrem Dach kümmert sich eine eigene Zentralstelle um das Angebot, begleitet von mehreren Fachbeiräten. Entsprechend dem politischen Auftrag mache sie Werbung dazu, neue Plakataktionen und Reklame etwa in ICE-Zügen seien geplant. Zudem ergänze seit dem vergangenen Herbst ein neuer  Inflationsrechner die Übersicht, wie eine DRV-Sprecherin betont.

Daneben liefert sie diese Daten: Bis einschließlich Dienstag hätten sich 390.300 Versicherte als Nutzer der Digitalen Rentenübersicht registriert. Und die Informationsseite „Rentenuebersicht.de“ habe seit dem Start 6,2 Millionen Besuche gezählt. Allerdings gibt es insgesamt fast 59 Millionen Versicherte mit Ansprüchen auf gesetzliche Renten.

Zunächst einmal zeigten sich alle Beteiligten froh, dass zumindest der  technische Betrieb der Digitalen Rentenübersicht pannenfrei gelungen ist. Immerhin ging es darum, alle Versicherer und Vorsorgeeinrichtungen anzubinden, damit das „Nutzungserlebnis“ klappt: Sobald ein Kunde die Abfrage startet, sollen alle seine individuellen Rentendaten auf einem Bildschirm erscheinen; und alle Datensicherheitsvorgaben erfüllen.

Letztere weniger streng zu gestalten, wäre eine politische Angelegenheit. Die DRV-Zentralstelle hat sich aber auch selbst eine stetige Verbesserung zum Ziel gesetzt. „Klein anfangen und dann stetig weiterentwickeln“, beschreibt sie ihre Arbeitsstrategie. Als Vorbild in Sachen Digitale Rentenübersicht gilt Dänemark. Aber auch dort hat es Schwark zufolge 20 Jahre gedauert, um aus einem IT-Projekt ein „Alltagsinstrument“ zu machen.