10 Jahre für ein Urteil: Die quälende Langsamkeit der indischen Justiz
An Indiens Gerichten herrscht Stau: Immer wieder sterben Angeklagte, bevor es zum Urteil kommt
Die indische Justiz ist berüchtigt für ihre Schwerfälligkeit. An Ideen für Reformen mangelt es nicht, doch werden sie nur selten umgesetzt. Ein Tag am Gericht in Mumbai.
12.08.2026, 14.32 Uhr
7 Leseminuten

Am Bombay High Court werden jedes Jahr Tausende von Fällen verhandelt. Die Richter sind chronisch überlastet. Die meisten Prozesse ziehen sich über Jahre hin.
PD
Es ist 11 Uhr im Gerichtssaal 16 des Bombay High Court. Mehr als fünfzig Anwälte in schwarzen Roben drängen sich in dem Saal im Erdgeschoss des obersten Gerichts von Maharashtra. Der Platz ist eng, es ist stickig, ständig drängen Anwälte hinein oder hinaus. Auf dem Boden und auf den Tischen stapeln sich riesige Bündel von Papier, immer wieder bringen Gerichtsdiener weitere Akten hinein. Der Richter und seine Assistenten haben Computer, doch in der indischen Justiz werden noch immer alle Dokumente in Papierform verlangt.
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Der Richter müsse das Programm des Tages festlegen, bevor der erste Prozess beginnen könne, erklärt die junge Anwältin Rishika Agarwal im Flüsterton. Jeder Richter ist für 100 bis 150 Fälle zuständig. Wenn in einem Verfahren Angeklagte, Anwälte oder wichtige Zeugen nicht erschienen sind, wird der Fall vertagt. Können die Anwälte darlegen, warum ihr Fall besonders dringend ist, wird er vorgezogen. Bis das Programm des Tages steht, können leicht zwei Stunden vergehen.
Indiens Justiz ist berüchtigt für ihre Ineffizienz und Langsamkeit. In manchen Fällen ziehen sich die Prozesse nicht über Jahre, sondern über Jahrzehnte hin. Immer wieder sterben Angeklagte, Zeugen und Geschädigte, bevor eine Entscheidung erfolgt. So fällte ein Gericht im März 2025 ein Urteil im Fall eines Massakers an Dorfbewohnern, das sich 1981 ereignet hatte. 3 Angeklagte wurden zum Tode verurteilt, die anderen 14 Beschuldigten waren in der Zwischenzeit verstorben.
Indische Anwälte müssen viel Geduld mitbringen
Im Saal 16 geht es an diesem Morgen aber relativ schnell. Es ist der vorletzte Tag vor den Ferien, nur ganz dringende Fälle werden noch gehört. Als Erstes steht eine Klage wegen Verleumdung auf der Agenda. Ein Aktivist hat auf Facebook und Youtube einem reichen Bauunternehmer aus Goa vorgeworfen, Beamte geschmiert zu haben, um ein Bauprojekt voranzubringen. Der Unternehmer verlangt nun 150 Millionen Rupien (18,7 Millionen Franken) wegen Rufschädigung, wie Agarwal erklärt, die zum Team der Verteidigung gehört.
Zunächst muss der Richter aber entscheiden, ob er einem Antrag auf einstweilige Verfügung stattgibt, dass die umstrittenen Videos aus dem Netz genommen werden. Auch Anwälte von Google und Meta sind zugegen, da sie als Betreiber von Youtube und Facebook mitverantwortlich für die Videos sind. Die Anwälte der Verteidigung versichern, alle Vorwürfe seien belegt. Der Richter gibt ihnen drei Wochen Zeit, um Dokumente vorzulegen. Dann wird der Fall vertagt.
Agarwal rechnet nicht mit einer raschen Entscheidung. «Zehn Jahre sind in einem solchen Prozess nicht ungewöhnlich», sagt sie, während sie die Treppen hinaufeilt. In dem kathedralenartigen Hauptsaal des Gerichts präsidiert der oberste Richter. Agarwal gesellt sich zu den Dutzenden Anwälten, die auf ihre Anhörung warten. Ob ihr Fall an diesem Tag aufgerufen wird, wissen sie nicht. Viele werden unverrichteter Dinge wieder gehen. Es bleibt ihnen nur, sich in Geduld zu üben.

Das imposante viktorianische Gebäude des Bombay High Court verkörpert die Würde des Gerichts, doch um den Ruf der indischen Justiz steht es schlecht.
Jane Sweeney / Imago
Prozesse in Indien sind kostspielig und langwierig
Der Bombay High Court liegt in einem imposanten Gebäude im Stil der viktorianischen Gotik im Süden Mumbais. Seit der Erbauung im Jahr 1862 hat sich wenig verändert: Die Richter sitzen hinter schweren Holztischen, an den Wänden hängen Ölgemälde längst verstorbener Richter, auf den offenen Galerien drängen sich die Anwälte in ihren schwarzen Roben. Die Grösse und die Pracht des Gebäudes stehen für die Würde des Gerichts und den Respekt, den es als oberste Instanz der Justiz im Teilstaat Maharashtra beansprucht. Doch um den Ruf der indischen Justiz steht es schlecht.
Die Gerichte sind notorisch überlastet und schieben einen gewaltigen Rückstau an Fällen vor sich her. Allein vor dem Obersten Gericht in Delhi sind knapp 94 000 Fälle anhängig. Die Inder wissen, dass sie von der Justiz keine schnelle Gerechtigkeit erwarten können. «Die meisten Leute versuchen zu vermeiden, überhaupt vor Gericht zu gehen», sagt der Anwalt Hamza Lakdawala bei einem Gespräch. Denn allen sei klar, dass ein Prozess mühselig, kostspielig und sehr langwierig sei.
Die allermeisten Inder können sich einen solchen auch gar nicht leisten. In der Praxis haben nur etwa 10 Prozent der Bevölkerung tatsächlich Zugang zum Rechtssystem. Ärmere können zwar staatliche Rechtsbeihilfe beantragen, doch reicht das Geld längst nicht für alle. Auch wer es sich leisten kann, vor Gericht zu ziehen, überlegt es sich zweimal. In Mietstreitigkeiten etwa lohnt es sich kaum, den Rechtsweg zu gehen, wenn ein Urteil erst in zehn Jahren erfolgt.
Die Regierung investiert nicht genug in die Justiz
Unter den hohen Bäumen um das Gerichtsgebäude haben Notare ihre Stände aufgebaut, Kopierläden bieten ihre Dienste an. In den umliegenden Gassen finden sich die Kanzleien der grossen Anwälte. Einer der bekanntesten ist Mihir Desai. Der 60-Jährige steht in dem Ruf, selbst die politisch heikelsten Fälle nicht zu scheuen. Mit der Schwerfälligkeit der Gerichte hat er langjährige Erfahrung. Sein ältester Fall – der Tod eines Mannes in Polizeigewahrsam – geht auf 2002 zurück. Eine Entscheidung steht bis heute aus.
«Der Rückstau ist ein chronisches Problem», sagt Desai in seinem Büro. «Es wird bleiben, solange die Regierung nicht mehr in die Justiz investiert.» Am Bombay High Court gebe es 95 Richterstellen, doch seien meist nur 70 besetzt, erklärt er. Dabei sollte das Gericht mindestens 140 haben, um seinen Aufgaben gerecht zu werden. Jede Regierung erhöhe die Belastung der Justiz, kritisiert Desai. Die Infrastruktur verbessern oder neue Posten schaffen tue aber niemand.
Im Prinzip ist die Justiz in Indien autonom und entscheidet selbst über die Besetzung der Richterstellen. In der Praxis versucht die Politik aber, Einfluss zu nehmen. Dadurch verzögern sich viele Ernennungen. Überhaupt habe der Einfluss der Politik auf die Justiz unter der Hindu-nationalistischen Regierung von Narendra Modi stark zugenommen, sagt Desai. Selbst der Supreme Court in Delhi, der früher als wichtiges Korrektiv der Exekutive galt, ist heute stark politisiert.

In den Strassen um den Bombay High Court haben Notare ihre Stände aufgebaut. Auch führende Anwälte haben ihre Kanzleien dort.
PD
Die Justiz ist zunehmend politisiert in Indien
Der Druck auf die Richter ist so gross, dass viele lieber keine Risiken eingehen. «Die unteren Gerichte scheuen sich in politisch sensitiven Fällen, Angeklagte auf Kaution freizulassen», sagt Desai. Sie fürchten, dass man ihnen sonst zu grosse Nachsicht vorwirft. Auch bei schweren Straftaten wie Mord oder Vergewaltigung blieben die Angeklagten fast immer im Gefängnis bis zu einem Urteil. Dies heisst, dass die Verdächtigen oft zehn Jahre in Haft sitzen – ob schuldig oder nicht.
Wer nicht im Sinne der Regierenden entscheidet, wird nicht befördert – oder an irgendein abgelegenes Provinzgericht versetzt. Viele Richter meiden da Konflikte mit der Politik. «Bei politisch heiklen Fällen vertagen sie lieber den Prozess, als ein missliebiges Urteil zu fällen», sagt der Anwalt Lakdawala. Hinzu kommt, dass die Gehälter der Richter bescheiden sind. Immer wieder erliegen Richter da der Versuchung, Schmiergeld von einer Prozesspartei anzunehmen.
Das Problem sei nicht, dass die Inder zu viel klagten, sagt Lakdawala. Die Zahl der Prozesse im Verhältnis zur Bevölkerung sei im internationalen Vergleich gering. Das Problem sei, dass das System schwerfällig, reformresistent und notorisch unterfinanziert sei. Nicht nur bei den Richtern, auch bei den Anwälten und deren Kammern gebe es Widerstand gegen jedwede Veränderung, welche die eigenen Interessen gefährden könne, sagt Lakdawala. So bleibe alles beim Alten.
Viele Terrorprozesse laufen seit den 2000er Jahren
Nach der Mittagspause treffen wir den Anwalt Wahab Khan am Sessions Court – einem Bezirksgericht, an dem schwere Straftaten wie Mord, Raub und Vergewaltigung verhandelt werden. Das Gebäude liegt neben dem High Court, stammt aus der gleichen Zeit und ist im selben neogotischen Stil errichtet. Es ist aber in deutlich schlechterem Zustand – die Gerichtssäle sind nicht klimatisiert, an den Wänden blättert die Farbe, und die Flure sind voller roter Flecken, wo die Wartenden Betelnusssaft ausgespuckt haben.
Wahab Khan ist ein grossgewachsener kahlköpfiger Mann in weisser Leinenhose. «Gefürchtet vom Staat, geliebt von seinen Mandanten», sagt ein Kollege über ihn. Khan vertritt vor allem Mord- und Terrorverdächtige. In den 2000er Jahren wurde Mumbai von einer Welle islamistischer Anschläge erschüttert. Der schwerste ereignete sich im November 2008, als pakistanische Terroristen Luxushotels, Bahnhöfe und Cafés überfielen und 166 Menschen töteten. Viele der Prozesse laufen immer noch.
An diesem Nachmittag vertritt Khan eine Frau, die angeklagt ist, mit ihrem Partner ein älteres Ehepaar ermordet zu haben, bei dem sie arbeitete. Verhandelt wird in einer Mischung aus Englisch, Hindi und Marathi. Es ist heiss im Saal, Fenster und Türen stehen offen, ein Ventilator bewegt sanft die Papiere auf den Tischen. Im Gang warten bewaffnete Polizisten, entlang der Wände des Saals stehen rostige Metallschränke mit Bündeln staubiger Akten aus früheren Prozessen.

Bevor am Vormittag die erste Anhörung beginnt, muss der Richter die Agenda des Tages festlegen. Dafür prüft er, ob die nötigen Angeklagten, Anwälte und Zeugen präsent sind.
PD
Ein fairer Prozess braucht Zeit
Das Verfahren zu dem Doppelmord läuft bereits seit acht Jahren, die Angeklagten sitzen derweil weiter in Haft. An diesem Tag wird ein Arzt befragt, der die Angeklagte nach ihrer Festnahme untersucht hat – im Juni 2018. Khan will wissen, ob damals alle Prozeduren eingehalten wurden. Eigentlich steht der Fall kurz vor dem Abschluss, doch nun will der Staatsanwalt einen Zeugen noch einmal einbestellen. Khan wirft ihm vor, das Urteil verzögern zu wollen. Er ist genervt.
Von Eilverfahren hält er trotzdem nicht viel. «Wenn die Prozesse zu sehr beschleunigt werden, ist die Gefahr hoch, dass die Angeklagten kein faires Verfahren erhalten», sagt der Anwalt während einer Pause auf dem Flur des Gerichts. Beweise würden dann nicht berücksichtigt, Zeugen nicht gehört, Anträge der Verteidigung vorschnell abgewiesen. «Es stimmt: Verzögerte Gerechtigkeit ist verweigerte Gerechtigkeit. Aber ein fairer Prozess braucht Zeit», sagt Khan.
Die Schwerfälligkeit der Justiz ist frustrierend für Kläger und Angeklagte, aber auch für Anwälte und Richter. Dass sich an der Situation bald etwas bessert, glaubt aber keiner der Gesprächspartner. «Alle zehn Jahre setzt die Regierung eine Kommission ein, um Reformen auszuarbeiten», sagt der Anwalt Mihir Desai. «Alle kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Doch die Regierung setzt die Empfehlungen nie um.» Am Bezirksgericht in Mumbai wird der Prozess zu dem Mord an dem älteren Ehepaar an diesem Tag erneut ohne Ergebnis vertagt. Nächste Anhörung: in einigen Monaten.
Mitarbeit: Sabah Gurmat.
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