Anderl kritisiert Stocker: "Gesagt ist gesagt"
"IM JOURNAL ZU GAST"
Die AK-Präsidentin wirft dem Kanzler ein überkommenes Rollenbild bei unbezahlter Care-Arbeit vor. Von der eigenen SPÖ fordert sie mehr Geschlossenheit – und beim Klimaschutz ein Gesetz "so rasch wie möglich"
8. August 2026, 13:21
Arbeiterkammerpräsidentin Renate Anderl geht es dieser Tage, wie vielen Frauen in Österreich: die jüngste Aussage von Bundeskanzler und ÖVP-Chef Christian Stocker, wonach Kinderbetreuung keine Arbeit sei, stößt ihr sauer auf. Das war im Ö1-Mittagsjournal wo sie am Samstag im "Journal zu Gast" war deutlich zu hören. Anderl kritisierte Stocker scharf. Seine Entschuldigung nehme sie zur Kenntnis, sagt die SPÖ-Politikerin. Aber: "Gesagt ist gesagt." Die Debatte zeige vor allem, wie selbstverständlich unbezahlte Care-Arbeit noch immer als Aufgabe der Frauen betrachtet werde.
Wer Kinder betreut, leiste "in Wirklichkeit eine Hundsarbeit", "eine wirklich anstrengende Arbeit ohne Bezahlung". Zwar sei es auch eine schöne Arbeit, „aber erstens einmal unbezahlt, und vor allem gibt es auch keine Arbeitszeitgrenze, wenn man sich um Kinder kümmert". Besonders irritierend sei deshalb die Frage, warum diese Arbeit noch immer überwiegend von Frauen erledigt werde, wenn sie tatsächlich keine Arbeit sei. "Wo sind dann die Männer, wenn es keine Arbeit ist?", fragt Anderl.
Für sie steckt hinter Stockers Ausrutscher mehr als ein missglückter Satz. Solche Aussagen würden persönliche Haltungen offenbaren: dass unbezahlte Arbeit, die nach wie vor vor allem Frauen leisten, nicht den gleichen Wert habe wie Erwerbsarbeit, sagt Anderl.
Teilzeitfalle und Parteischwächen
Auch bei bezahlter Arbeit sieht die AK-Präsidentin Handlungsbedarf. Teilzeit dürfe nicht bedeuten, dass Beschäftigte in weniger Stunden dieselbe Arbeit erledigen müssten wie in Vollzeit. Und für Mehrarbeit müssten entsprechende Regelungen gelten. Vielen Frauen würde es zumal schlichtweg verunmöglicht aus der Teilzeit wieder herauszukommen. Es gebe genügend Forderungen, sagt Anderl – nun gehe es darum, sie auch umzusetzen.
Was unmittelbar zur Frage nach der Rolle ihrer eigenen Partei in der Bundesregierung führt. Ist die SPÖ zu schwach? "Absolut nicht", sagt Anderl. Viele Forderungen, die die Sozialdemokraten aufgestellt hätten, würden mittlerweile umgesetzt. Zugleich betont die Arbeiterkammerpräsidentin mehrfach, dass die Dreierkoalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS den Roten die Sache erschwere: "Zu dritt ist es halt schwieriger." Bei zahlreichen Vorhaben würden die Koalitionspartner nicht mitziehen.
Ganz unschuldig sei die SPÖ daran aber auch nicht, hört man heraus: Die Partei habe ein Kommunikationsproblem, befindet Anderl. Die SPÖ vergesse, jene Maßnahmen, die sie tatsächlich durchgesetzt habe, nach außen zu tragen. Gleichzeitig seien viele Forderungen weiterhin offen. Dass diese nicht umgesetzt würden, liege aber nicht allein an der Sozialdemokratie: "Verhindern tun es die anderen Parteien", meint Renate Anderl.
Interner Hickhack
Die schlechten Umfragewerte ihrer Partei und die jüngste Kritik von Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil an Parteichef Andreas Babler will sie dennoch nicht kleinreden. Wenn Doskozil das Ergebnis der SPÖ bei der Grazer Gemeinderatswahl von rund fünf Prozent als "jämmerlich" bezeichnet habe, dann habe er damit einen wunden Punkt getroffen: "Es ist Feuer am Dach." Nur liege das nicht an einer einzelnen Person. Es gehe um die gesamte "Familie" SPÖ.
Über die innerparteiliche Führungsfrage will Anderl allerdings nicht öffentlich diskutieren. Es gebe Gremien, in denen solche Fragen besprochen werden könnten. Diese würden aber zu wenig genutzt. Ob Babler das Feld räumen müsse, sei daher eine Frage für diese Gremien – "aber sicher nicht im Radio und der Öffentlichkeit".
Keine Murmeltierdebatten
Deutlicher wird Anderl bei den Sachthemen. Lohntransparenz werde "definitiv kommen", weil sie aufgrund einer EU-Vorgabe ohnehin umgesetzt werden müsse. Dass die Wirtschaftskammer darin "gold plating" erkenne, könne sie bis heute nicht verstehen. Unter dem Begriff versteht man den Sachverhalt, dass EU-Mindeststandards bei ihrer Umsetzung ins nationale Recht nicht nur erfüllt, sondern übererfüllt werden. Das sei hier aber nicht der Fall, sagt Anderl.
Wenig hält sie auch von der täglichen Debatte über ein höheres Pensionsantrittsalter. Das werde Österreich nicht weiterbringen. Stattdessen brauche es altersgerechte Arbeitsplätze. Besonders Frauen würden derzeit häufig direkt aus der Arbeitslosigkeit in die Pension gehen. Laut Anderl beschäftigen zudem rund 60 Prozent der Betriebe keine Frau über 60. Ein Bonus-Malus-System, das Unternehmen stärker dazu bringen sollte, ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu beschäftigen, lasse sich in der Regierung allerdings nicht durchsetzen. "Beschäftigen wir alle Menschen bis zum Pensionsantritt", fordert Anderl. Nicht das gesetzliche Alter allein sei das Problem, sondern die Frage, ob Menschen überhaupt die Möglichkeit bekämen, bis dahin zu arbeiten.
Brennende Frage Klimaschutz
Am schärfsten wird die AK-Chefin beim Klimaschutz. Die derzeitige Betriebsamkeit der Politik angesichts von Hitzewellen und Dürre komme spät. Sehr spät, wie Anderl kritisiert. Die Folgen des Klimawandels seien seit Jahren bekannt. "Wer heute glaubt, dass wir kein Klimaproblem haben, der irrt wirklich, geht an der kompletten Realität vorbei", sagt Anderl. "Man kann es nicht mehr leugnen."
Sie habe bereits vor kurzem gesagt: "Der Planet brennt." Und trotzdem werde über vieles andere diskutiert, statt sich mit der Klimakrise zu beschäftigen. Was jetzt notwendig sei, werde eine "Riesenumstellung" für Politik, Wirtschaft, Arbeitnehmer und letztlich die gesamte Gesellschaft. Trotzdem müsse dieser Weg gegangen werden.
Anderls konkrete Forderung ist ein Klimaschutzgesetz mit verbindlichen Zielen. Nicht irgendwann, sondern "so rasch wie möglich". Dass ein solches Gesetz noch immer fehle, ist aus ihrer Sicht ein Versäumnis. Die Politik könne nicht so tun, als sei die aktuelle Entwicklung überraschend gekommen. "Wir wissen seit langem, dass wir ein Problem mit dem Klima haben", sagt sie. Die SPÖ habe ein Klimaschutzgesetz bereits seit Jahren gefordert. (bock, 8.8.2026)