Iran überlistet die US-Luftverteidigung: Neue Taktiken


Die iranischen Streitkräfte lernen dazu. Ihnen gelingt es offenbar immer besser, die Luftverteidigung der USA und die der Golfstaaten zu durchdringen: mit einer angepassten Taktik und manövrierfähigen Raketen. Während US-Präsident Donald Trump von positiven Verhandlungen mit Teheran berichtet und Verteidigungsminister Pete Hegseth dazu gezwungen ist, Berichte über einen akuten Munitionsmangel zurückzuweisen, hat Iran bei seinen jüngsten Angriffen ein raffinierteres Vorgehen gezeigt. Das berichten amerikanische Medien und Fachleute übereinstimmend.

Seit im vergangenen Monat wieder heftige Kämpfe aufgeflammt sind, gelangen dem Regime mehrere Treffer gegen Militärstandorte im Nahen Osten. Dutzende amerikanische Soldaten sollen im Juli verletzt und unter anderem eine erhebliche Zahl an Kampfhubschraubern beschädigt worden sein. Besonders hart getroffen wurde die wichtige Muwaffaq Salti Air Base in Jordanien; laut amerikanischen Medien wurde der Standort drei Mal innerhalb kurzer Zeit angegriffen. Nach einem Einschlag kamen drei US-Soldaten ums Leben – sie gehörten zu einer Flugabwehreinheit. Der Luftwaffenstützpunkt galt eigentlich als gut geschützt, nun zeigten Aufnahmen Explosionen und größere Schäden.

Welche Ziele werden zuerst abgeschossen?

Außenminister Marco Rubio sagte zum tödlichen Angriff in Jordanien, dass man fast alle Raketen abgeschossen habe. Aber eine sei durchgekommen; sie sei an der „falschen Stelle“ eingeschlagen. Näher führte er das nicht aus. Präsident Trump deutete an, dass das amerikanische Militär nicht für die Verteidigung verantwortlich gewesen sei. „Andere Operatoren“ hätten auf dem jordanischen Stützpunkt „etwas durchgelassen“, sagte er. Wer das gewesen sein soll, erklärte Trump nicht.

Allerdings war das nicht der einzige erfolgreiche Militärschlag gegen amerikanische Ziele in den vergangenen Wochen. Die „New York Times“ berichtete unter Berufung auf Satellitenbilder und Videos über größere Schäden am Außenposten Tower 22 in Jordanien, ein zerstörtes Radar auf der Ahmad al-Jaber Air Base in Kuwait oder ein großes zerstörtes Militärzelt am internationalen Flughafen im Irak. US-Offizielle sagten der Zeitung, dass die Flut von Angriffen nicht nur ein Zeichen dafür sei, dass Iran noch über große Raketenbestände verfüge. Teheran werde auch immer geschickter darin, der amerikanischen Luftverteidigung auszuweichen.

Die Militäranalystin Kelly Grieco vom Stimson Center in Washington sieht drei Gründe dafür. Zum einen sei Iran mittlerweile wesentlich besser darin, verschiedene Arten von Waffen – Raketen, Marschflugkörper und Drohnen – in koordinierten Angriffen zu kombinieren. „Das zwingt die Verteidiger dazu, gleichzeitig mit mehreren Flugprofilen und Flughöhen umzugehen“, erklärte sie der F.A.Z. Das erschwere die Entscheidung, welche Ziele zuerst abgeschossen würden und welche Abwehrsysteme man gegen sie einsetze.

Moderne Raketen mit besserer Treffergenauigkeit

Außerdem habe Iran verstärkt auf die amerikanische Raketenabwehr gezielt: Radar- oder Frühwarnsysteme sowie andere Schlüsselkomponenten. „Diese Angriffe können die Fähigkeit der Verteidiger beeinträchtigen, anfliegende Bedrohungen zu erkennen und zu verfolgen“, so Grieco. Das mache den Erfolg nachfolgender Angriffe wahrscheinlicher. Schon vor der brüchigen Waffenruhe, die im April vereinbart wurde, hat Iran amerikanische Radarsysteme ins Visier genommen und mehrere davon zumindest beschädigt.

Als dritten Grund für die jüngsten Erfolge Irans sieht Grieco den vermehrten Einsatz von modernen Raketen mit besserer Treffergenauigkeit. Das „Wall Street Journal“ berichtete zuletzt unter Berufung auf US-Regierungsvertreter, dass Teheran bei größeren Angriffen auf die ballistische Rakete Kheibar Shekan gesetzt habe. Die Waffe wurde erst 2022 von der Revolutionsgarde vorgestellt und gilt als eine der modernsten im iranischen Arsenal. Ihre Reichweite wird auf etwa 1500 Kilometer geschätzt; sie soll relativ billig sein und schnell einsatzbereit gemacht werden können.

Die Kheibar Shekan stellt auch deshalb eine Herausforderung für die Luftverteidigung dar, weil sie offenbar im Endanflug manövrierfähig ist. Dadurch werden Angriffe präziser, und die Raketen können im Idealfall Abwehrmaßnahmen ausweichen.

„Die Amerikaner selbst sind der Hauptgrund für die Verbesserung“

Teheran behauptet zudem, dass das Militär nun weitaus schneller auf amerikanische Schläge reagieren könne. Ein ungenannter Regierungsvertreter sagte dem „Telegraph“, dass es früher bis zu 15 Stunden gedauert habe, bis eine Raketenstellung nach einem Angriff gegen sie wieder einsatzbereit gewesen sei. „Jetzt beträgt diese Zeit weniger als eine halbe Stunde. Das Wichtigste im Raketenkrieg ist Geschwindigkeit, und darin werden wir immer besser.“ Außerdem ziehe man Lehren aus jedem Abfangmanöver der USA. „Die Amerikaner selbst sind der Hauptgrund für die Verbesserung unserer Raketen in den letzten Tagen.“

Die amerikanische Analystin Grieco weist jedoch darauf hin, dass man die iranischen Erfolgsmeldungen nicht überhöhen sollte. Die USA und ihre Partner wehrten die meisten Geschosse nach wie vor ab. Zudem habe auch Washington sehr wahrscheinlich seine Flugabwehrtaktik angepasst und etwa Sensoren neu positioniert. Das habe jedoch Grenzen: Die Verteidigung gegen Raketen sei von Natur aus schwieriger als der Angriff mit ihnen. Iran nutze dies aus. „Selbst eine Hand voll erfolgreicher iranischer Einschläge kann erhebliche militärische und wirtschaftliche Kosten sowie politische Auswirkungen nach sich ziehen.“