Anschlag auf Airport Leipzig: Die Illusion vom Frieden


Deutschland hat Glück gehabt. Pures Glück. Die Zündvorrichtung hat nicht funktioniert. Andernfalls würden Bilder von einer katastrophalen Explosion am zivilen Flughafen Leipzig die Nachrichten beherrschen und die Menschen verunsichern.

Die Umstände, die die Ermittler nun Puzzleteil für Puzzleteil zusammentragen, ergeben ein beunruhigendes Bild: Eine Drohne hat den Sprengstoff offenbar unbemerkt auf das Airport-Gelände gebracht, ganz nah heran an ein Flugzeug, das möglicherweise mit Munition für die Ukraine beladen war.

Kann mehr Dringlichkeit beim Schutz der Infrastruktur gelingen, wenn sich das Bewusstsein für die Gefahrenlage nicht drastisch ändert?

Christoph von Marschall, Diplomatischer Korrespondent der Chefredaktion

Deutschland ist auf solche Angriffe auf seine zivile Infrastruktur nicht vorbereitet und schützt sie nicht ausreichend. Warum eigentlich? Seit viereinhalb Jahren zeigen die immer ausgefeilteren Drohnenangriffe im Ukraine-Krieg eindrucksvoll, was technisch möglich ist.

Indizien für Wladimir Putins lange Hand

Welche Macht Interesse an solchen Angriffen hat, ist ebenfalls kein Geheimnis, auch wenn nicht immer handfeste Beweise für Wladimir Putins lange Hand vorliegen. Die Masse der Vorfälle und die Indizien fügen sich zu einer eindeutigen Bedrohungslage zusammen.

Der Kreml legt mit Drohnen zivile Flughäfen in Berlin, Brüssel, Kopenhagen, München lahm, späht Bundeswehrliegenschaften und Häfen aus, attackiert mit Schiffen der Schattenflotte Daten- und Energieleitungen in der Ostsee. Er lässt Kampfjets in den Nato-Luftraum eindringen, befiehlt Cyberangriffe auf den Bundestag und deutsche Behörden.

Deutschland steht jetzt vor zwei Herkulesaufgaben: einer organisatorischen und einer mentalen. Die mentale ist die größere.

Christoph von Marschall, Diplomatischer Korrespondent der Chefredaktion

Deutschland steht jetzt vor zwei Herkulesaufgaben: einer organisatorischen und einer mentalen. Oder sollte man die Reihenfolge umdrehen?

Die organisatorische ist naheliegend und käme im Prinzip zuerst: Die Infrastruktur muss besser vor Angriffen geschützt werden. Flughäfen brauchen Schutzsysteme aus Dronenerfassung und Dronenabwehr. Ebenso das Stromnetz, wie der von Linksextremen verübte Anschlag zu Jahresbeginn in Berlin gezeigt hat. Zudem muss das Rechtssystem überarbeitet werden, siehe die Debatten, wer Drohnen im Inland überhaupt abschießen darf.

Diese Aufgaben müssen mit weit mehr Dringlichkeit als bisher angegangen werden. Wer möchte sich in Sicherheitsfragen auf das Glück verlassen, das in Leipzig unverhofft Schlimmeres verhindert hat?

Sind wir noch im Frieden oder schon im Krieg?

Aber: Kann mehr Tempo gelingen, wenn sich das Bewusstsein für die Gefahrenlage nicht drastisch ändert? Die Deutschen und ihre Politiker sehen sich nicht im Krieg. Das ist verständlich. Das Denken über Krieg und Frieden ist für die meisten binär. Krieg ist, wenn hier bei uns geschossen wird. Das ist nicht der erlebte Alltag, also leben wir im Frieden.

Das stimmt jedoch nicht mehr. Gewiss doch, Deutschland ist nicht im Schießkrieg. Aber eben auch nicht mehr im Frieden. Wir leben in einer Grauzone, dem Unfrieden. Auch wir Deutschen werden von fremden Mächten, voran Putins Russland, regelmäßig angegriffen, nicht nur die Ukrainer, Georgier, Esten, Letten, Litauer, Polen.

Man darf freilich dankbar anerkennen: Auch in deutschen Köpfen hat sich etwas verändert, nur eben noch nicht genug. Deutschland ist nicht mehr das naive Land aus der Zeit vor dem Ukraine-Krieg, das Drohnen nur dann beschaffen wollte, wenn sie unbewaffnet sind. Und das Putins Angriff nicht kommen sehen wollte, als andere vor dieser Gefahr und vor der viel zu hohen deutschen Gasabhängigkeit von Russland warnten.

Der doppelte Irrtum dieser Deutschen – Putin werde nicht angreifen, und sie könnten das besser einschätzen als die Warner – war ein tiefer Schock. Natürlich gibt es auch jetzt noch politische Kräfte, die den Anschlag in Leipzig herunterreden und am liebsten nichts tun, bevor sie nicht Beweise sehen. Oder empfehlen, die deutsche Unterstützung für die Ukraine zu überdenken, weil der Anschlag ukrainischen Transportflugzeugen gegolten habe.

Sie finden aber nicht mehr so viel Gehör wie vor dem Ukraine-Krieg. Die Mehrheit versteht: Wer Putins Druck so schnell nachgibt, ermuntert ihn zu den nächsten Erpressungsversuchen.

Deutschland kann Krise, wenn es muss

Man möchte hoffen, dass der gescheiterte Anschlag von Leipzig wie ein erneuter heilsamer Schock wirkt und die Kräfte freisetzt, um den seit Jahren überfälligen Schutz ziviler Infrastruktur mit mehr Elan und mehr Tempo voranzutreiben.

Deutschland kann Krise, aber nach aller Erfahrung immer erst dann, wenn eine Mehrheit verstanden hat, wie elementar diese Krise ist. Trotz Ukraine-Krieg, trotz hybrider Angriffe haben Gesellschaft und Politik bisher eher behäbig auf die neuen Gefahren reagiert. Der Schock von Leipzig kann das ändern.