Arbeitgeber wollen flexiblere Arbeitszeiten – DGB warnt vor Rückfall ins 19. Jahrhundert
Stand: 10.08.2026, 05:03 Uhr
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Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger fordert flexiblere Arbeitszeiten. Der DGB warnt vor einem Angriff auf den Acht-Stunden-Tag und längeren Arbeitstagen.
München – Arbeitgeber und Gewerkschaften streiten über eine Reform des deutschen Arbeitszeitgesetzes. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger drängt auf mehr Flexibilität. Der stellvertretende DGB-Vorsitzende Stefan Körzell warnt dagegen: „Wer den Acht-Stunden-Tag angreift, spielt mit dem Feuer.“
Der Konflikt ist für Millionen Beschäftigte in Deutschland von unmittelbarer Bedeutung. Es geht um Gesundheitsschutz, Wettbewerbsfähigkeit und die Frage, wie viel Flexibilität der Arbeitsmarkt braucht.

Merz erwartet Gesetzentwurf im Herbst
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte bei seiner Sommerpressekonferenz Mitte Juli angekündigt, er erwarte im Herbst einen Gesetzentwurf von Arbeitsministerin Bärbel Bas. Bereits im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD vereinbart, künftig eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu ermöglichen. Das würde den seit Jahrzehnten geltenden täglichen Acht-Stunden-Rahmen zumindest teilweise ablösen.
Das deutsche Arbeitszeitgesetz begrenzt die tägliche Arbeitszeit grundsätzlich auf acht Stunden. Eine Verlängerung auf bis zu zehn Stunden ist möglich, wenn innerhalb von sechs Monaten ein Ausgleich erfolgt. Die europäische Arbeitszeitrichtlinie sieht dagegen eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden vor. Dulger sieht darin einen Spielraum, den Deutschland stärker nutzen sollte.
Dulger sieht Wettbewerbsnachteil für Deutschland
„Die Spielräume der europäischen Arbeitszeitrichtlinie werden fast überall genutzt, nur bei uns nicht“, sagte Dulger der Deutschen Presse-Agentur. Er verwies auf andere EU-Staaten: „Wenn eine wöchentliche Höchstarbeitszeit so gefährlich wäre, müssten Arbeitnehmer in Belgien und Italien reihenweise krank im Bett liegen.“ Die Krankheitsquoten in beiden Ländern seien jedoch sogar niedriger.
Dulger zufolge befürwortet sogar eine Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder die Einführung einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit. Das bestehende Arbeitszeitgesetz stamme aus einer anderen Epoche. „Das Arbeitszeitgesetz stammt aus der Ära von Telex und Wählscheibe“, sagte der Arbeitgeberpräsident.
DGB warnt vor Angriff auf Acht-Stunden-Tag
Körzell widersprach der Darstellung des Arbeitgeberpräsidenten deutlich. „Richtig ist, dass die Mehrheit der Beschäftigten – auch die Gewerkschaftsmitglieder – keine überlangen Arbeitszeiten will“, sagte er der dpa. Den Arbeitgebern gehe es darum, die zulässige Arbeitszeit auszuweiten. Körzell sprach von einer Rückkehr zum „Herr-im-Hause-Prinzip“: „Geschäftsführer sollen wieder allein anordnen können, wie lange gearbeitet wird.“
Der Gewerkschafter warnte vor einem „Rückfall ins 19. Jahrhundert“. Im schlimmsten Fall könnten Beschäftigte in Unternehmen ohne Tarifbindung dazu verpflichtet werden, bis zu 13 Stunden täglich zu arbeiten. Viele Belegschaften seien bereits heute erschöpft. Das Unfallrisiko steige exponentiell, wenn länger als acht Stunden gearbeitet werde.
DGB verweist auf Tarifverträge
Längere Arbeitszeiten würden zudem kein einziges Auftragsproblem lösen, betonte Körzell. Tarifverträge böten bereits zahlreiche Möglichkeiten für flexible Arbeitszeitmodelle, etwa bei der Schichtarbeit.
„Wo kein Tarifvertrag existiert, ist der gesetzlich geregelte Acht-Stunden-Tag oft das entscheidende Schutzinstrument – das muss erhalten bleiben“, forderte Körzell.
Mitte Juni war ein erster Entwurf des Arbeitsministeriums zur Änderung des Arbeitszeitgesetzes bekannt geworden. Darin blieb der Acht-Stunden-Tag grundsätzlich bestehen. Vorgesehen war jedoch, die Ausnahmeregelungen auszuweiten. Wirtschaftsverbände kritisierten den Entwurf. Aus dem Arbeitsministerium hieß es anschließend, das bekannt gewordene Papier befinde sich noch in einer frühen und nicht abgestimmten Phase.
Streit über Arbeitszeit bleibt politisch heikel
Anfang Juli einigten sich Union und SPD in einem Koalitionsausschuss auf ein Reformpaket zur Stärkung der Wirtschaft. Die geplante Flexibilisierung der Arbeitszeit wurde dabei zunächst vertagt. Der Streitpunkt war damit vorerst aus den Beratungen im Kanzleramt herausgenommen. Ob und in welcher Form ein Gesetzentwurf im Herbst vorgelegt wird, bleibt offen.
Klar ist schon jetzt: Die Debatte über den Acht-Stunden-Tag dürfte einer der härtesten sozialpolitischen Konflikte der kommenden Monate werden. (Quellen: Deutsche Presse-Agentur, Bild, DGB, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Bundesarbeitsministerium) (mare)