„Der chinesische Markt ist verloren“: Experte verrät, was deutsche Hersteller noch lernen müssen


Autoindustrie im Stresstest: Experte erklärt, was deutsche Hersteller von China lernen müssen

Stand: 23.07.2026, 19:12 Uhr

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Ein Datenspezialist seziert Fahrzeuge bis zur letzten Schraube – und erklärt Deutschlands Autoindustrie, wie man gegen die erstarkte Konkurrenz aus China besteht.

Paris/München – Die hiesige Autoindustrie steckt 2026 in einer Midlife-Crisis. In Deutschland merkt man das besonders deutlich: Verordnete Elektrifizierung, Rezession und extrem hohe Kosten – und dann drängt auch noch China mit Tempo und Preisen in einen Markt, der sich lange an zu wenig Konkurrenz gewöhnt hatte. Strategische Bequemlichkeit ist plötzlich ein sehr teurer Luxus geworden.

Der Druck auf europäische Autohersteller ist hoch geworden. Experte Patrick Katenkamp erläutert, warum das so ist

Der Druck auf europäische Autohersteller ist hoch geworden. Experte Patrick Katenkamp erläutert, warum das so ist. © Chris Emil Janßen/Imago/A2MAC1; Bildmontage: IPPEN.MEDIA

Für Europa ist das mehr als ein technisches Update, es ist ein Stresstest für Geschäftsmodelle. Wer in dieser Autoindustrie überleben will, muss schneller entwickeln, billiger produzieren und global denken, während die Rivalen aus der Volksrepublik längst so arbeiten, als wäre das selbstverständlich. Deutschland entdeckt derweil, dass Physik und Betriebswirtschaft sich ungern wegmoderieren lassen.

Autoindustrie im Umbruch: Wenn Daten wichtiger werden als Bauchgefühl

Genau hier setzt A2MAC1 an: Das Unternehmen zerlegt Autos bis zur letzten Schraube, analysiert Materialien, Kosten und Gewicht und gießt alles in eine gewaltige Datenplattform. Was nach Nerd-Nische klingt, kann darüber entscheiden, ob ein Modell überhaupt noch Geld verdient und wie deutsche und europäische Hersteller gegen die neue Konkurrenz aus China bestehen.

Der deutsche CEO bringt den Blick von außen auf die Autoindustrie mit – und hat wenig Interesse an Schönfärberei. Im Interview mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media erklärt Patrick Katenkamp, warum sich Europas Hersteller beim E-Auto so schwertun, weshalb China beim Tempo davongezogen ist und welche Herausforderungen hiesige Autobauer jetzt bewältigen müssen.

Herr Katenkamp, wenn Sie 2026 auf die Automobilindustrie blicken: Wie groß ist der ökonomische Druck auf deutsche Hersteller wirklich? Ist das noch Evolution oder schon Überlebenskampf?

Der Druck auf die Automobilhersteller ist aktuell hoch – sowohl hinsichtlich des Preisdrucks, aber auch der Innovationsgeschwindigkeit. Hiesige OEMs sehen sich mit Kostendruck, dem softwaregetriebenen Wandel der Branche sowie einem zunehmenden Wettbewerb durch neue Marktteilnehmer – insbesondere aus China – konfrontiert. Verändert hat sich dabei eines: Der Engpass ist nicht mehr der Zugang zu Informationen, sondern die Geschwindigkeit, mit der Unternehmen Informationen in Entscheidungen umsetzen können. Hersteller müssen schneller auf Marktveränderungen, sich wandelnde Kundenerwartungen und neue Technologietrends reagieren. Ein Evolutionsdruck ist definitiv gegeben.

Entwicklungsgeschwindigkeit als Überlebensfrage im globalen Wettbewerb der Automobilhersteller

Wo sehen Sie derzeit die größte Bedrohung?

Wenn ich einen Bereich hervorheben müsste, wäre dies derzeit die Entwicklungsgeschwindigkeit. Unternehmen, die Innovationen schneller industrialisieren und zur Marktreife bringen können, sind in der Regel auch besser in der Lage, Technologierückstände aufzuholen. Viele etablierte OEMs wurden nicht nur von der Qualität chinesischer Fahrzeuge überrascht, sondern vor allem von der Geschwindigkeit, mit der chinesische Hersteller den Weg von der Konzeptphase bis zur Serienproduktion zurücklegen. Der zweite entscheidende Punkt ist Cost-Leadership: Hier haben die Chinesen so wie auch andere EV-Startups wie Tesla den Vorteil, dass sie weniger Historie in den Designs und Standards mitschleppen – weniger Produktvielfalt und Varianten und dadurch wesentlich weniger Komplexität.

Sie sehen mit A2MAC1 quasi „unter die Haube“ fast aller großer Hersteller. Was hat sich in den letzten drei bis fünf Jahren im Entwicklungsverhalten verändert?

In den letzten Jahren haben OEMs ihre Entwicklungszyklen erheblich verkürzt und einen deutlich stärkeren Fokus auf Software, Daten und schnellere Entscheidungsprozesse gelegt. Benchmarking, Künstliche Intelligenz und Predictive Analytics werden eingesetzt, um Entwicklungszeiten zu reduzieren und bereits in frühen Phasen fundiertere Entscheidungen zu treffen. China ist hierfür wahrscheinlich das sichtbarste Beispiel: Viele globale Autobauer haben ihre Forschungs- und Entwicklungspräsenz dort gezielt ausgebaut, um näher an einem der dynamischsten automobilen Innovationsökosysteme weltweit zu sein. Ein weiterer grundlegender Wandel ist der Übergang zum softwaredefinierten Fahrzeug. OEMs betrachten die Entwicklung heute nicht mehr ausschließlich aus einer Hardwareperspektive.

Zu ihrem Geschäftsmodell: Können Sie an einem Beispiel erklären, wie das Zerlegen eines Fahrzeugs bis zur letzten Schraube am Ende über Stückkosten und Verkaufspreise entscheidet?

Dadurch wird uns ermöglicht, die Konstruktions-, Entwicklungs- und Technologieentscheidungen verschiedener OEMs umfassend zu analysieren und miteinander zu vergleichen. So können wir identifizieren, welche Lösungen sowohl aus technischer als auch aus Kostensicht besonders effizient sind. Gleichzeitig schaffen wir damit die Grundlage für hochdetaillierte Kostenmodelle, die transparent machen, wie sich einzelne Entscheidungen letztlich auf die Stückkosten eines Fahrzeugs auswirken. Auf Basis dieser Erkenntnisse unterstützen wir Hersteller dabei, bestehende Produkte zu optimieren und Potenziale für zukünftige Fahrzeuggenerationen frühzeitig zu erkennen. Entscheidend ist zudem die Fähigkeit abzuleiten, welche Technologien, Architekturen und Entwicklungsentscheidungen Herstellern künftig helfen werden, wettbewerbsfähig zu bleiben.

Xpeng auf der Hannover-Messe 2026 im April. Macht der China-Hersteller auch in Deutschland mit VW gemeinsame Sache?

China-Hersteller Xpeng auf der Hannover-Messe im April dieses Jahres. Marken aus dem Reich der Mitte locken traditionelle Autobauer aus der Reserve. © IMAGO/Zhang Haofu

Ihre Datenplattform enthält Millionen von Datensätzen zu Materialien, Komponenten, Gewicht und Kosten. Wo heben Ihre Kunden aktuell den größten wirtschaftlichen Hebel?

Einer der größten wirtschaftlichen Einflussfaktoren ist die Fähigkeit, bereits früh im Entwicklungsprozess bessere Entscheidungen zu treffen. Unsere Kunden blicken zunehmend über einzelne Kostentreiber hinaus und konzentrieren sich darauf, die Zeitspanne zwischen dem Erkennen einer Potenzialchance und dem tatsächlichen Handeln zu verkürzen. Je früher die richtige Entscheidung in Entwicklung, Beschaffung oder Fahrzeugkonzeption getroffen wird, desto stärker sinken die Gesamtkosten und desto höher ist die Wettbewerbsfähigkeit des Fahrzeugs. Ein weiterer Hebel ist der Vergleich eigener Fahrzeug- und Konzeptstandards – etwa bei Crashtest-Anforderungen, die immense Kosten in die Produkte treiben, während chinesische Hersteller diese Standards mit wesentlich einfacheren Konzepten erreichen.

Worin sich chinesische Autohersteller gegenüber europäischen die Nase vorn haben

Chinesische Hersteller gelten als schnell, aggressiv im Preis und sehr fokussiert auf Elektromobilität. Was machen sie noch anders als traditionelle Anbieter aus Europa, den USA oder auch Japan und Südkorea?

Während viele westliche OEMs wesentliche Komponenten und Systeme über den gesamten Lebenszyklus einer Fahrzeugplattform hinweg weitgehend unverändert lassen, führen chinesische Hersteller wie BYD oder Xpeng kontinuierlich Designverbesserungen, neue Funktionen und technologische Updates ein. Das stärkt nicht nur die Kostenwettbewerbsfähigkeit, sondern ermöglicht es ihnen auch, deutlich schneller auf veränderte Kundenanforderungen und Markttrends zu reagieren. Ein weiterer Kernpunkt ist, dass das Auto zu einem „Extended Software/Media Device“ geworden ist. Daher ist vieles auf Nutzerfreundlichkeit, Connectivity und autonomes Fahren ausgerichtet – der Rest ist solide, kostengünstig und effizient.

Europäische Hersteller klagen, dass sich ein Elektroauto in Serie kaum profitabel rechnen lässt. Wo verlieren sie aktuell am meisten Geld im E-Auto – bei der Batterie, der Architektur, oder der Fertigung?

Für Hersteller in Europa ist es nach wie vor deutlich schwieriger, mit Elektroautos im Volumensegment eine gesunde und nachhaltige Profitabilität zu erzielen als mit vergleichbaren Verbrennern. Für Fahrzeughalter, insbesondere Flottenbetreiber und gewerbliche Kunden, können E-Fahrzeuge bereits heute sehr attraktive Gesamtbetriebskosten bieten. Betrachtet man die größten Belastungsfaktoren für die Profitabilität, bleibt die Batterie der zentrale Treiber der Rentabilitätslücke. Ein zweiter wesentlicher Faktor ist die Fahrzeugarchitektur sowie der Grad der vertikalen Integration. Unsere aktuellen Prognosen deuten darauf hin, dass eine echte Kostenparität zwischen BEV-Modellen und vergleichbaren Verbrennern noch Jahre entfernt ist.

Wettlauf um das erschwingliche E-Auto: Europas Rückstand auf China

Wenn wir den Wettlauf um das erschwingliche Elektroauto der nächsten Generation betrachten: Wie groß ist der Rückstand Europas und Nordamerikas aus Ihrer Sicht?

China verfügt über einen erheblichen Vorsprung, der vor allem auf die Größe seines Elektromarktes, die Erfahrung in der Elektrifizierung sowie die hohe Geschwindigkeit zurückzuführen ist, mit der Innovationen in die Serienproduktion überführt werden können. Viele chinesische OEMs profitieren von Produktionsvolumina, die es ihnen ermöglichen, Kosten zu optimieren, Lerneffekte zu realisieren und neue Technologien rascher auf den Markt zu bringen. Europa und Nordamerika erzielen Fortschritte, arbeiten in mehreren Bereichen jedoch noch daran, bei Geschwindigkeit, Effizienz und Skalierung aufzuschließen. Im Premiumsegment sehe ich diesen Prozess wesentlich langsamer ablaufen. Da spielen auch Faktoren wie Branding oder Image eine große Rolle.

Über A2MAC1

Das 1997 gegründete Unternehmen mit Standort in München unterstützt Anbieter aus dem Automobilsektor dabei, Daten in Erkenntnisse und Erkenntnisse in konkrete Maßnahmen umzuwandeln. Durch die Kombination von Teardown-Intelligence, Costing-Expertise, KI und umfassenden Benchmarking-Daten sollen schnellere, fundiertere Entwicklungsentscheidungen und eine höhere Kostenwettbewerbsfähigkeit erreicht werden.

Die unpopulärste Wahrheit? „Der chinesische Markt ist verloren“

Was wäre die unpopulärste Wahrheit, die Sie einem traditionellen Autohersteller heute sagen müssten, wenn er beim E-Auto noch mithalten will?

Vergangener Erfolg ist keine Garantie für zukünftige Wettbewerbsfähigkeit. Die Automobilindustrie befindet sich in einem Wandel, der viele Erfolgsfaktoren des Verbrennerzeitalters entwertet und sich nicht einfach auf den Markt für Elektrofahrzeuge übertragen lässt. Besonders unbequem ist, dass der chinesische Markt außer vielleicht im Highend-Premiumbereich für europäische und deutsche Hersteller weitgehend verloren ist – ein Hauptproblem für jene deutschen Hersteller, deren Volumen sich in den vergangenen 20 Jahren stark darauf gestützt hat.

Wie unterscheiden sich die Fragen, die ein amerikanischer OEM Ihnen stellt, von denen eines chinesischen oder europäischen Herstellers?

Die Fragen, die wir erhalten, spiegeln häufig wider, wo die jeweiligen Regionen auf ihrem Weg der automobilen Transformation stehen und welche strategischen Prioritäten dort im Vordergrund stehen. Besonders interessant ist, dass sich die Fragestellungen bei allen letztlich um den gleichen Kern drehen: Wie lässt sich die Wettbewerbsfähigkeit in einem sich rasant verändernden Marktumfeld nachhaltig steigern?

Zuletzt hatte auch BMW den Abwärtstrend bei den Verkaufszahlen fortgesetzt. Besonders in Fernost geht es 2026 rapide nach unten.