Volker Kutscher zu "Babylon Berlin": Das ist Geschichtsverdrehung
Herr Kutscher, was haben Sie gedacht, als Sie die finale Staffel von „Babylon Berlin“ zum ersten Mal gesehen haben?
Die drei Regisseure Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries haben von Anfang an ja vieles anders angepackt als ich, auch weil sie ein anderes Konzept hatten und nur bis 1933 erzählen wollten und nicht bis 1938. Ich war also daran gewöhnt, dass sich die Serie von Staffel zu Staffel immer weiter von meinen Romanvorlagen entfernt – dass sie meinen Helden Gereon Rath zum Widerstandskämpfer macht zum Beispiel. Da setzt die fünfte Staffel, die den Roman „Märzgefallene“ adaptieren sollte, noch eins drauf. Damit kann ich gut leben. Was mich ärgert, ist die Art und Weise, wie die letzte Staffel mit den geschichtlichen Fakten umgeht – zumal am Ende der Bogen in die Realität geschlagen wird, indem das historisch verbürgte Schicksal wichtiger Serienfiguren kurz skizziert wird. Das suggeriert dem Zuschauer: Genau so war es. Das finde ich unredlich, weil die Staffel einige Dinge als historische Tatsachen behauptet, die mindestens umstritten sind.
Welche wären das?
An erster Stelle die Krankenakte Hitler, die ein zentrales Motiv der Handlung bildet.
In „Babylon Berlin“ versuchen die Nationalsozialisten mit allen Mitteln, die Akte verschwinden zu lassen. Sämtliche Zeugen von Hitlers Lazarettaufenthalt werden beseitigt. Mit Ihrem Roman „Märzgefallene“, auf dem die letzte Staffel fußt, hat das wenig zu tun. Dort geht es auch um eine Mordserie, aber im Zusammenhang mit einer Episode aus dem Ersten Weltkrieg.
Genau. Es ist ja nicht einmal erwiesen, ob es Hitlers Krankenakte wirklich gegeben hat. Und selbst wenn: Hätte man die Nazis stoppen können, wenn man sie veröffentlicht hätte? Wenn die Serie das mit solcher erzählerischer Wucht behauptet und am Ende noch den Eindruck erweckt, genauso sei es gewesen, dann halte ich das für gefährlich. Ebenso, wie dort die Hintergründe des Reichstagsbrands geschildert werden. Die Serie tut so, als wüsste sie, wie es wirklich gewesen ist. Das weiß aber niemand, auch mehr als 90 Jahre nach dem Ereignis nicht. „Babylon Berlin“ hatte immer schon in manchen Details historische Abweichungen, aber das waren Kleinigkeiten, und das ist in der Fiktion natürlich auch statthaft und manchmal dramaturgisch notwendig. Aber ich finde, wenn es darum geht, wie die erste deutsche Demokratie zerstört worden ist, sollte man sich mit Behauptungen zurückhalten, die letztlich auf Verschwörungstheorien beruhen. Da macht man es sich zu einfach.

Inwiefern?
Ich habe immer Respekt vor der Kreativität der drei „Babylonier“ gehabt. Insofern habe ich mich daran gewöhnt, dass die Serie von meinen Romanvorlagen stark abweicht. Sie haben wichtige Ereignisse der Geschichte direkt in die Handlung integriert, während ich das Historische eher im Hintergrund laufen lasse. Meine Figuren greifen in die Ereignisse nicht ein, sie müssen mit ihren Folgen leben. Aber die neue Staffel geht in ihrer historischen Erzählung einen Schritt zu weit, gerade weil es um eine entscheidende Frage der deutschen Geschichte geht: Wie konnten die Nazis an die Macht kommen? Wie konnten sie diese nach dem 30. Januar 1933 so schnell festigen? Das zu verstehen und auch seriös zu erzählen, halte ich für wichtig, und so einfach, wie es in „Babylon Berlin“ gezeigt wird, warʼs eben nicht.

Nun kann man natürlich sagen, Film und Literatur sind zwei verschiedene Dinge, Filme und Serien können und dürfen ihre Vorlagen auseinandernehmen und neu zusammensetzen, solange sie den Kern bewahren. Das hat die Serie mit Ihren Romanen getan, sie hat neue Figuren und Erzählstränge erfunden und den alten Figuren neue Vorgeschichten gegeben. Wo ist für Sie der Punkt erreicht, an dem das nicht mehr legitim ist?
Das lässt sich ganz einfach benennen: Da, wo die Story in die reale Geschichte eingreift. Es gibt viele tolle Motive und erzählerische Einfälle in „Babylon Berlin“, die im Roman so nicht funktionieren würden. Und dass man mit fiktiven Charakteren sehr frei umgeht – geschenkt. Aber wenn man es mit der echten Historie genauso macht, finde ich das problematisch. Die Frage ist, wie man die Geschichte in die Fiktion einflicht. Niemand ist gezwungen, die historischen Ereignisse so eng an die Story zu binden, wie es in „Babylon Berlin“ gemacht wurde. Zum Teil ist das völlig okay, etwa wenn man eine Figur wie Ernst Benda erfindet …
… der an die Stelle des authentischen Berliner Vizepolizeipräsidenten Bernhard Weiß aus Ihren Romanen tritt. Ähnliche Ersatz- und Symbolfiguren gibt es auch in der finalen Staffel der Serie wieder reichlich. Aber es gibt auch eine seltsame historische Umschichtung, indem das Attentat vom 20. Juli auf den Abend des Reichstagsbrands am 28. Februar 1933 vorverlegt und in die Villa des von Lars Eidinger gespielten Großindustriellen Nyssen verpflanzt wird. Was sagen Sie zu diesem Einfall? In Ihrem Roman „Olympia“ über das Jahr 1936 gibt es ja auch einen fiktiven Anschlag, der auf Hermann Göring verübt werden soll. Worin liegt für Sie der Unterschied zwischen dem Attentat im Buch und dem im Film?

Das Attentat auf Göring findet am Rand der Handlung statt. Das Attentat auf Hitler ist in „Babylon Berlin“ der zentrale Wendepunkt. Ein entscheidender Unterschied zur Serie besteht im Übrigen darin, dass in meinem Roman „Märzgefallene“ der Reichstagsbrand am Anfang steht. Das passt auch zeitlich zum Kölner Karneval, denn der Reichstag brannte am Rosenmontag. Von dort spannt sich der Handlungsbogen bei mir über die Wahlen vom 5. März, das Ermächtigungsgesetz, die Aktionen gegen jüdische Geschäfte und die Bücherverbrennung bis in den Frühsommer hinein. Das kann man in einer Serie vielleicht nicht alles erzählen. Aber wichtige Ereignisse so zu drehen und auf einen kurzen Zeitraum zusammenzuziehen, geht auf Kosten der historischen Akkuratesse. Dazu kommt das Gerangel um die Hitler-Akte, das auf eine sehr zweifelhafte Botschaft hinausläuft: Weil ein paar Verschwörer die Fäden zogen, hatten wir die Nazis am Hals. Das macht die Deutschen wieder ein Stück mehr zu Opfern. Die Warnung vor Nazis und vor der Diktatur ist in der Serie natürlich genauso da wie in meinen Büchern. Aber ich möchte auch ein bisschen besser verstehen, wie das Land in so eine Diktatur gerutscht ist. Das waren eben nicht nur ein paar böse Großindustrielle und rechtsradikale Verschwörer, die alles so gedeichselt haben, dass das ganze Volk mit reingerutscht ist. Das ist alles etwas komplexer, und das merken wir ja auch heute, siehe Sachsen-Anhalt: Man kann lange argumentieren, aber das interessiert die Leute nicht, die wollen trotzdem, dass die da oben – wer immer das sein mag – einen Denkzettel bekommen.

In der Serie verkörpert Lars Eidinger als Alfred Nyssen die Verschwörung der Großindustriellen, die Hitler in ihrem Sinne lenken wollen. Was halten Sie von ihm?
Lars Eidinger spielt die Figur sehr exzentrisch, und die Rolle der Industrie als Geldgeber der Nazis ist ja auch historisch belegt. Aber für mich sind die einfachen Leute maßgebend, die das Regime gestützt, bejubelt und erduldet haben. Von Haupt- und Staatsaktionen lasse ich die Finger. Als Nachgeborener weiß ich natürlich mehr als meine Figuren, aber ich schreibe streng aus ihrer Perspektive, sie wissen nicht mehr als ihre Zeitgenossen. „Babylon Berlin“ hat mehr den Blick von heute.
Die Erzählweise Ihrer Bücher ist sehr filmisch, aber in einem eher klassischen Sinn. Die Serie erinnert dagegen an ein szenisches Karussell, das sich immer schneller dreht und dabei nur noch seiner eigenen Logik folgt. Hat sich „Babylon Berlin“ unabsichtlich aus der Welt Ihrer Bücher entfernt, oder war das von Anfang an geplant?
Tom Tykwer hat mir einmal erzählt, dass Achim von Borries, Henk Handloegten und er meine Romane vor allem als Vehikel benutzen wollten. Sie hatten schon länger vor, einen Film über die Zwanzigerjahre zu drehen, als sie auf meine Bücher gestoßen sind. Was sie mit dem Vehikel bewegen wollten, das hatten sie vorher schon in ihren Köpfen. Das merkt man in den ersten Folgen relativ schnell. Und in den folgenden Staffeln dann noch mehr.
Musste die letzte Staffel von „Babylon Berlin“ mit einem Knall enden, weil es sich die Produzenten und das Publikum so gewünscht haben?
Nichts muss. Und wer weiß schon, was sich das Publikum wünscht? Mir selbst haben Serien wie „Sopranos“ oder „The Wire“ beim Schreiben Mut gemacht, Dinge auch mal offenzulassen, nicht alles zu Ende zu erzählen. Und von „Game of Thrones“ kann man lernen, dass auch Hauptfiguren sterben können, sogar massenhaft.
Jetzt ist „Babylon Berlin“ zu Ende, aber Ihre Romanserie ist es leider auch. Der letzte Rath-Roman endet 1938 mit der Reichskristallnacht. Im vergangenen Jahr haben sie mit „Westend“ eine Art Epilog veröffentlicht, der aus dem Jahr 1973 auf die Schicksale der Hauptfiguren zurückblickt. Wollen sie die zeitliche Lücke von dreieinhalb Jahrzehnten nicht noch mit weiteren Geschichten füllen?
Doch. Ich schreibe gerade daran. Nächstes Jahr soll es einen Band mit Erzählungen aus dem Rath-Kosmos geben. Einige davon habe ich in den vergangenen zwanzig Jahren für Anthologien und Zeitschriften geschrieben, jetzt kommen noch ein paar neue hinzu. Die Bandbreite reicht von 1911, einer Geschichte mit dem jungen Gereon Rath als Messdiener, der Haschisch in den Weihrauch mischt, bis 1962, wo der Kriegsheimkehrer Fritze Thormann als VW-Arbeiter in Wolfsburg auf seine Vergangenheit trifft. Es macht großen Spaß, sich hier auch stilistisch ein wenig auszuprobieren. Das ist aber dann wirklich meine letzte Beschäftigung mit dem Thema Rath.
Die Serie „Babylon Berlin“ ist für viele, die sich mit den historischen Details nicht auskennen, zu einer Art Originaldokument geworden. Das wollten Sie mit Ihren Büchern sicher nicht.
Nein, das ist ja genau die Gefahr, dass Fiktion mit Geschichte verwechselt wird. Meine Romane sind keine Geschichtsbücher, aber ich freue mich, wenn sie das Interesse an Geschichte wecken. Deshalb habe ich auch die Website gereonrath.de eingerichtet, wo man historische Fotos, alte Stadtpläne und Lektürehinweise finden kann. Das ist vielleicht auch der Unterschied zwischen den Romanen und der Fernsehserie. Ich möchte keinen Geschichtsunterricht erteilen.
„Babylon Berlin“ – ab 10. September 2026 sind alle acht Folgen der finalen Staffel in der ARD Mediathek abrufbar. Das Erste zeigt das große Serienfinale am 19. September 2026 mit 4 Folgen ab 20:15 Uhr und 25. September 2026 mit 4 Folgen ab 22:20 Uhr. Auch die Staffeln eins bis vier sind in der ARD Mediathek abrufbar.