Deutsche Bahn macht Bahnhöfe zur Lesezone – doch Experten warnen vor Kafka in fünf Minuten
Bahn bietet KI-Kurzfassungen von Büchern in der Wartezeit auf den Zug – Experten alarmiert
Stand: 23.08.2026, 12:39 Uhr
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Kafka in fünf Minuten, Verne in zehn: Die Bahn macht Bahnhöfe zu Lesestationen. Was bleibt von Literatur, wenn die KI sie auf Wartezeit-Format stutzt?
München – Franz Kafkas „Verwandlung“ in fünf Minuten, Jules Vernes Tiefseeabenteuer in zehn – die Deutsche Bahn hat seit Ende 2025 ungenutzte Wandflächen in deutschen Bahnhöfen in sogenannte „Kultur-Hotspots“ verwandelt und bietet Reisenden dort KI-generierte Kurzfassungen berühmter Werke an, abgestimmt auf die jeweilige Wartezeit. Das Projekt „Lesen, bis der Zug kommt“ steht exemplarisch für einen breiteren Trend: Literatur wird kürzer, leichter, schneller. Befürworter sehen darin eine Frage der Teilhabe. Kritiker fragen, was von einem Werk übrig bleibt, wenn die Kurzfassung an die Stelle des Originals tritt.

Der Bayerische Philologenverband erkennt in vereinfachten Fassungen durchaus einen Nutzen – aber einen begrenzten. „Klassische Werke der Literatur in einfacher Sprache zu lesen, kann allenfalls dazu dienen, einen ersten Zugang zum Text zu ermöglichen“, sagt Verbandsvorsitzender Wolfram Janke. Schärfer formuliert es der Berliner Literaturdidaktiker Marcel Humar: „Literatur entfaltet ihre Bedeutung nicht unabhängig von der Sprache, sondern gerade durch deren spezifischen Gebrauch.“ Für ihn sind Rhythmus, Satzbau und Metaphern kein Beiwerk, sondern der Kern des literarischen Werks. Wird die Sprache geglättet, verändert sich das Werk selbst.
Immer weniger junge Menschen lesen Bücher: Bahn startet Programm für Wartezeit
Der Hintergrund ist ernüchternd. Die Zahl der 10- bis 15-Jährigen, die 2025 ein Buch kauften, sank gegenüber dem Vorjahr um 30,6 Prozent. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sieht einen Zusammenhang mit sinkender Lesekompetenz. Historische Sprache, lange Satzkonstruktionen, ungewohnte Erzählformen – für viele Schülerinnen und Schüler, Deutschlernende oder Menschen mit Leseschwierigkeiten sind das echte Hürden. Vereinfachte Schulausgaben mit Bezeichnungen wie „light“ oder „x-light“ – kürzere Sätze, größere Schrift, zusätzliche Erklärungen – gibt es deshalb schon seit Jahren.
Für diese Entwicklung hat die Medientheorie seit den 1960er-Jahren einen Begriff: „postliterarisch“. Gemeint ist nicht eine Gesellschaft, die nicht mehr lesen kann, sondern eine, in der die Fähigkeit zum vertieften Lesen schwindet. Die amerikanische Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf beschreibt diesen Prozess im Juli 2026 im US-Magazin The Atlantic als Verlust des „deep reading“ – der Fähigkeit, längere Texte aufmerksam zu erfassen, Zusammenhänge herzustellen und über das Gelesene nachzudenken.
Statt dicker Bücher und vieler Seiten: Geschichten in kurzen Häppchen
Apps wie Instaread übersetzen diesen Befund in ein Geschäftsmodell: Zusammenfassungen von Bestsellern, in Text oder Audio, konsumierbar in rund 15 Minuten. Zentralideen, verdichtet auf kleine Zeiteinheiten. Ob das Neugier auf die Originale weckt oder sie dauerhaft ersetzt, bleibt offen.
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Einen anderen Weg geht eine Gruppe junger Menschen in Frankreich. In der Nähe von Avignon veranstaltet der Mittzwanziger Geronimo, der unter einem Pseudonym auftritt, sogenannte Literatur-Battles: kurze Videos, in denen die Positionen von Schriftstellern und Denkern gegeneinandergestellt werden – Émile Zola gegen Gustave Flaubert, Karl Marx gegen Adam Smith. Die Werke werden dabei nicht auf ihre Handlung reduziert, sondern zum Ausgangspunkt für Streit und Interpretation. Die Videos erreichen in sozialen Netzwerken ein großes Publikum. Humar bringt den entscheidenden Maßstab auf den Punkt: „Wer literarische Texte als Sprachkunstwerke im Unterricht ernst nimmt, darf sie nicht nur in vereinfachter Form lesen.“ (dpa/jh)