Berlin Art Week: Ivan Gette malt gegen die Gleichgültigkeit


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Seine Bilder tragen keine Titel. Nicht weil Ivan Gette nichts über sie zu erzählen hätte, sondern weil er dem Publikum möglichst wenig vorgeben will. Wer vor seinen großformatigen, abstrakten Arbeiten steht, soll selbst entscheiden, was darin zu erkennen ist: der Urknall vielleicht, das Universum, eine Landschaft oder ein inneres Chaos. „Sobald ich anfange, etwas über ein Bild zu erzählen, nehme ich dem Betrachter die Freiheit der eigenen Kreativität“, sagt der Berliner Künstler. In seiner Ausstellung „Tutto Passa“ (dt. „Alles vergeht“), die anlässlich der Berlin Art Week gezeigt wird, überlässt Gette deshalb jedem Besucher die Deutungshoheit.

Vielschichtig wie das Leben

Gettes Arbeiten wirken wie der Versuch, Augenblicke und Gefühle festzuhalten. Mit Acrylfarbe, Strukturpaste und Sprühdosen baut er zahlreiche Schichten auf, durchbricht Kompositionen und überarbeitet Flächen immer wieder. „So wie ein Tag seine Schichten hat, hat auch das Leben seine Schichten“, sagt er. Manchmal, sagt er, sei ein Bild an einem Punkt ‚übermalt‘ – dann gehe er noch einmal in die Emotion hinein, bis daraus etwas Neues entsteht. Genau darin liegt für ihn die Arbeit.

NOTAGALLERY

Ivan Gette 2023 in einer Ausstellung von „Not a Gallery“ in der Potsdamer Straße.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Seine künstlerischen Wurzeln liegen im Graffiti. Als Gette 1995 von Sibirien nach Deutschland kam und zunächst in Meppen lebte, fand er über die Hip-Hop-Kultur schnell Anschluss. Bilder und Schriftzüge im öffentlichen Raum wurden zu seinem Zugang zur Kunst. Später arbeitete er rund zehn Jahre lang im Marketing bei Nike, lebte zeitweise in Dubai. Der Job sei eine „wunderschöne Schule“ gewesen, erzählt er. Irgendwann entschied er sich, den sicheren Berufsweg zu verlassen und sich auf Malerei zu konzentrieren. Seit 2014 lebt Gette in Berlin, seit 2016 bezeichnet er sich selbst ernsthaft als Künstler.

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Ein Gegenentwurf zum klassischen Kunstbetrieb

Berlin ist für ihn dabei nicht unbedingt der einfachste Ort, um Kunst zu verkaufen – wohl aber einer, an dem sie entstehen kann. Die Stadt gebe ihm den Raum, kreativ zu sein und Menschen aus sehr unterschiedlichen Lebenswelten zusammenzubringen. Genau dieser Gedanke führte 2022 auch zur Gründung seines Projektraums „Not a Gallery“. Zunächst an der Potsdamer Straße, später am Potsdamer Platz, zeigte Gette dort innerhalb von rund drei Jahren die Arbeiten von mehr als 600 Künstlerinnen und Künstlern. Junge, aufstrebende Künstlerinnen und Künstler sollten gemeinsam mit etablierten Namen Sichtbarkeit erhalten.

Checkpoint Charlie in Sichtnähe: Ivan Gette startet dort die "Notagallery". Blick ins Treppenhaus. Gette in seinem Atelier. Die Kreuzung Friedrichstraße/ Rudi-Dutschke-Straße, Nebeneinander: Kunst und Merchandise.

Checkpoint Charlie in Sichtnähe: Ivan Gette startete 2025 das Projekt „Not a Gallery“ an der Kreuzung Friedrichstraße/Rudi-Dutschke-Straße.© Patrick Goldstein | Patrick Goldstein

Der Name „Not a Gallery“ war programmatisch gemeint. Gette bewegte sich bewusst innerhalb des Kunstbetriebs, wollte zugleich aber einen Gegenentwurf zu dessen häufig exklusiven Strukturen schaffen. Bei Ausstellungseröffnungen kamen nach seinen Angaben zwischen 1500 und 3200 Besucherinnen und Besucher. Touristen, Laufkundschaft, Sammler und Künstler trafen dort aufeinander.

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Profit war dabei nie das Ziel – es ging darum, spannende Projekte zu ermöglichen und zu fördern. Im Kern stand für Gette immer das eigene künstlerische Arbeiten an erster Stelle. Tagsüber führte er ein wachsendes Team, abends stand er selbst im Atelier. Nach dreieinhalb Jahren zog er die Konsequenz und legt den Fokus seit Januar 2026 wieder ganz auf seine Kunst.

Ich bin gut darin, Menschen zusammenzubringen.

Ivan Gette,, Künstler und Galerist

Das Schlimmste ist die Gleichgültigkeit

Gette versteht sich als abstrakter Künstler, der Menschen emotional auf eine Reise mitnehmen möchte. Ob seine Bilder Freude, Unruhe, Begeisterung oder Ablehnung hervorrufen, ist für ihn zweitrangig. „Wenn Menschen etwas fühlen, habe ich meinen Job getan“, sagt er. Das Schlimmste sei Gleichgültigkeit – wenn jemand achtlos an einem Werk vorbeigehe.

In einer Kunstwelt, in der Arbeiten mitunter durch Marketing und Erklärtexte „überromantisiert“ würden, setzt Gette auf unmittelbare Wirkung. Kunst sei subjektiv – Sprache könne ein Werk ebenso überhöhen wie kleinreden. Ihm gehe es um das, was unmittelbar davor passiert. Er empfinde es als Erfolg, wenn zehn Menschen vor demselben Bild zehn unterschiedliche Dinge wahrnähmen.

Die Sehnsucht nach dem greifbaren Werk

Auch gegenüber digitaler und KI-generierter Kunst vertritt Gette keine grundsätzlich ablehnende Haltung. Digitale Inszenierungen könnten eine faszinierende Erfahrung schaffen, wenn sie überzeugend umgesetzt seien. Für seine eigene Arbeit bleibe jedoch die Haptik entscheidend. Er möchte, dass das Publikum vor einem realen Werk steht, dessen Material, Schichten und handwerkliche Entstehung sichtbar sind – nicht nur vor einem Bildschirm.

Galeristin Anna Kimmerle lernte Gette über eine Ausstellung von „Not a Gallery“ kennen. Seine Kunst habe sie unmittelbar berührt, obwohl sich dieses Gefühl nur schwer erklären lasse. Es sei vergleichbar mit einem flüchtigen Moment auf der Straße: Man gehe an einem Café vorbei, sehe dort ein Paar sitzen – und irgendetwas an dieser Szene löse eine Empfindung aus. „Something touches you“, beschreibt Kimmerle diesen Moment. Genau das habe sie auch bei Gettes Bildern erlebt.

Anna Kimmrle

Anna Kimmerle vor den großflächigen Bildern von Ivan Gette in der AK Galerie.© BM | Angela Regenbrecht

Neben seiner Kunst schätzt sie seine unkomplizierte, uneitle Art. „Ihm geht es um die Kunst, ihm geht es ums Machen“, sagt Kimmerle. Diese Haltung prägt auch „Tutto Passa“. Neben der Vergänglichkeit geht es ebenso um Trost. „Tutto Passa“ ist während einer Künstlerresidenz der „AK Galerie“ im italienischen Pietrasanta entstanden. Die Landschaft dort und vor allem die Lebenshaltung der Menschen – dieses gelassene Wissen darum, dass alles vorübergeht – haben die Serie unmittelbar angestoßen.

Ivan Gette „Tutto Passa“, Hauptschau AK Galerie, Behrenstraße 31 (nahe Gendarmenmarkt), Mitte, 9. September bis 22. November, Vernissage am 9. September von 17 bis 20 Uhr. Ab 22 Uhr geht der Abend im „Peter‘s“ weiter (am Tacheles), Friedrichstraße 110A, 10117 Berlin.

Positions Berlin Art Fair: Solopräsentation von Ivan Gette, 10. bis 13. September 2026 im Flughafen Tempelhof (Hangar 5–6) in Berlin. Tickets für die Kunstmesse gibt es für 25 Euro, ermäßigt 15 Euro.