Berliner Staatsanwalt: "Das Risiko, entdeckt zu werden, ist nicht besonders groß"


Interview Organisierte Wirtschaftskriminalität

Berliner Staatsanwalt: “Das Risiko, entdeckt zu werden, ist nicht besonders groß”

Symbolbild: Ein Mitarbeiter des Berliner Zolls bei der Arbeit
Symbolbild: Ein Mitarbeiter des Berliner Zolls bei der Arbeit

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Von

Adrian Bartocha

rbb: Herr Heller, wie groß ist das Problem der organisierten Wirtschaftskriminalität in Berlin?

Dr. Frank Heller: Organisierte Wirtschaftskriminalität lässt sich von organisierter Kriminalität insgesamt kaum trennen. Wenn mit ausgeklügelten Betrugsmodellen viel Geld verdient wird, muss dieses Geld irgendwann umgesetzt oder gewaschen werden. Dann sind wir im Wirtschaftsstrafrecht. Das sind ähnliche, teilweise dieselben Strukturen.

Dr. Frank Heller ist Staatsanwalt und Leiter der Abteilung für organisierte Wirtschaftskriminalität in Berlin. (Quelle: rbb)
Dr. Frank Heller ist Staatsanwalt und Leiter der Abteilung für organisierte Wirtschaftskriminalität in Berlin. (Quelle: rbb)

rbb: Welche Entwicklung beobachten Sie?

Heller: Auffällig ist, dass Crime-as-a-Service eine immer größere Rolle spielt. Es findet eine Professionalisierung statt: Für jedes kriminelle Bedürfnis gibt es einen kriminellen Profi. Das wirkt teilweise fast so, wie man im legalen Bereich Dienstleistungen bucht – nur eben illegal.

Früher betrieb eine Gruppierung, die Geld betrügerisch erlangt hat, oft auch selbst ein Geldwäsche-Netzwerk. Inzwischen sehen wir häufiger, dass man sich solche Dienstleistungen offenbar dazukauft. Da wird dann ein ganz normales Büro in Berlin betrieben. In einem Verfahren konnten wir nachvollziehen, dass dort an einem Tag 30 verschiedene Kunden auftauchten – Kriminelle, zum Teil mit Tüten voller Geld. Dieses Geld wurde dann über verschiedene Stationen geleitet, bis am Ende nicht mehr nachvollziehbar war, woher es ursprünglich kam.

rbb: Welche Dimension hat das finanziell?

Heller: Allein was wir an Geldwäsche in Berlin sehen, nur in den Verfahren, die wir hier führen – und wir wissen ja nicht alles –, sind das viele hundert Millionen Euro, die hier binnen weniger Monate durchlaufen.

rbb: Gibt es Branchen oder Gewerbebereiche, die für wirtschaftskriminelle Strukturen besonders attraktiv sind?

Heller: Es ist unglaublich viel Geld zu machen mit illegalem Glücksspiel, insbesondere mit manipulierten Geldspielgeräten. Die Dimensionen kann man sich kaum vorstellen.

Klassische Branchen sind außerdem Gastronomie und Bau. In den Fällen, mit denen wir zu tun haben, entsteht der Eindruck, dass dort oft nichts korrekt läuft: keine ordentliche Buchführung, Schwarzarbeit, Abdeckrechnungen. Teilweise hängt das auch mit Schleusungskriminalität zusammen. Menschen werden hierher geschleust und arbeiten dann unter menschenunwürdigen Umständen in solchen Betrieben.

rbb: Wie wichtig sind Hinweise aus Verwaltung und Ordnungsämtern für die Aufdeckung solcher Strukturen?

Heller: Für den Staat und den Fiskus ist natürlich wichtig, dass solche Vorgänge möglichst schnell beendet werden und die Gewerbeüberwachung effektiv funktioniert. Ich halte es für wichtig und gut, frühzeitig intensiv zu kontrollieren, Dinge mitzubekommen und dann am besten in Abstimmung mit uns einzuschreiten.

rbb: Uns liegen Zahlen vor, wonach es in Berlin rund 53.500 erlaubnispflichtige oder besonders überwachungsbedürftige Gewerbe gibt. Das LKA nennt für 2025 insgesamt 480 Gewerbekontrollen. Wie bewerten Sie das?

Heller: Als ich hier anfing und zum ersten Mal mit dem Bereich Gewerbeüberwachung zu tun bekam, war ich überrascht. Alles, was in Berlin passiert, hängt im Wesentlichen an einigen sehr aktiven und sehr motivierten Mitarbeitern der Ordnungsämter und den verbliebenen Polizeibeamten, die in dem Bereich tätig sind. Strukturell ist die Gewerbeüberwachung in Berlin nach meinem Eindruck im Wesentlichen brachliegend. Ein Polizeiführer beschrieb das mal als klinisch tot – und dem Befund würde ich gar nicht widersprechen wollen.

rbb: Was bedeutet das für Ihre Arbeit als Staatsanwalt?

Heller: Die polizeilichen Dienststellen, die mit Gewerbedelikten befasst sind, haben eine Doppelaufgabe: Gewerbeüberwachung und Strafverfolgung. Diese Dienststellen sind über die Jahre immer kleiner geworden. Dort arbeiten immer weniger Menschen, mit denen man tatsächlich Verfahren führen kann.

Für uns heißt das: Im Bereich der Straftaten, die mit Gewerbe zusammenhängen, können wir als Abteilung für Organisierte Wirtschaftskriminalität de facto keine Verfahren führen. Uns fehlt schlicht der Partner dafür bei der Polizei.

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Ein Polizeiführer beschrieb die Berliner Gewerbeüberwachung mal als klinisch tot – und dem Befund würde ich gar nicht widersprechen wollen.

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Staatsanwalt Dr. Frank Heller

rbb: Was bedeutet eine brachliegende Gewerbeüberwachung für wirtschaftskriminelle Strukturen?

Heller: Das Risiko, dass man entdeckt und zur Rechenschaft gezogen wird, ist nicht besonders groß. Es ist nicht bei null, es passiert etwas. Aber von einem funktionierenden System sind wir aktuell noch ziemlich weit entfernt.

rbb: Berlin hat eine besondere Struktur: Die eigentliche Gewerbeüberwachung liegt beim LKA, viele Verwaltungsaufgaben aber in den Bezirken. Welche Vor- oder Nachteile sehen Sie darin?

Heller: Vorteile kann ich da eher schwer erkennen. Ich schaue von der Seitenlinie zu, aber ich höre, dass auf Arbeitsebene – egal ob Ordnungsämter, Polizei oder Senatsverwaltung für Wirtschaft – eigentlich alle einig sind, dass die Gewerbeüberwachung in Berlin anders strukturiert werden müsste, um effektiv zu sein. Diese Einschätzung teile ich.

Die Polizei wartet offenbar seit Jahren darauf, dass sie die Aufgabe der Gewerbeüberwachung abgibt, und gibt deshalb kein neues Personal mehr in diesen Bereich. Das vorhandene Personal geht langsam in Pension. Dadurch verschärft sich die Situation. Gleichzeitig ist bei der erwarteten Neuorganisation seit Jahren anscheinend kein Fortgang zu verzeichnen.

rbb: Was bräuchte Strafverfolgung, um wirtschaftskriminelle Strukturen besser zu erkennen und zu verfolgen?

Heller: Wirtschaftsstrafverfolgung hat eine besondere Herausforderung: Man hat nicht nur einen Ermittlungspartner. Man hat die Polizei Berlin, den Zoll, die Finanzkontrolle Schwarzarbeit, das Zollfahndungsamt und die Steuerfahndungsstelle beim Finanzamt für Fahndung und Strafsachen. In großen Strukturverfahren braucht man oft die Expertise mehrerer Dienststellen. Es wäre sehr hilfreich, wenn man nicht in jedem einzelnen Verfahren aufwendig Amtshilfe oder Ermittlungsgruppen organisieren müsste, sondern auf eine feste Struktur zurückgreifen könnte. Zielführend wäre eine fest eingerichtete gemeinsame Ermittlungsgruppe aus den Dienststellen, die in Wirtschaftsstrafsachen benötigt werden.

rbb: Oft wird bei Wirtschaftskriminalität gesagt: Es geht "nur" um Geld. Wie sehen Sie das?

Heller: Wir sprechen über Deliktsbereiche, in denen niemand ums Leben kommt und niemand verletzt wird. Es geht meistens um Geld. Deshalb kann ich verstehen, dass Schwerpunkte gesetzt werden müssen, wenn die personelle Decke zu kurz ist. Man sollte aber nicht übersehen, dass wir es im Bereich der Wirtschaftsstrafverfolgung mit Unsummen von Schäden zu tun haben. Mit unserem Ansatz bekämpfen wir nicht nur Straftaten, sondern können auch Geld für den Landeshaushalt zurückholen.

rbb: Können Sie das beziffern?

Heller: Allein meine Abteilung hat im vergangenen Jahr schätzungsweise knapp 30 Millionen Euro für den Landeshaushalt eingenommen. Das war nicht alles Vermögensabschöpfung, da waren auch Bußgelder dabei. Aber es sind erhebliche Summen – und wir kratzen noch an der Oberfläche. Ich habe drei Staatsanwälte in dieser Abteilung. Wir könnten hier noch ganz anders angreifen, wenn wir mehr wären und die Ermittlungsmöglichkeiten bei den nachgeordneten Dienststellen bestünden.

rbb: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Adrian Bartocha, rbb24 Recherche

Sendung: rbb|24, 14.07.2026, 06:10 Uhr
Audio: rbb|24, 14.07.2026, Hannah Weber

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