Bildungspsychologin: Kinder, die mit Puppen spielen, haben Gleichaltrigen etwas voraus


Stand: 12.10.2026, 22:56 Uhr

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Ein Spielzeugkatalog löst Kritik aus. Eine Psychologin sieht darin keine Ausnahme, sondern ein bekanntes Muster. Die Folgen reichen sogar bis in die Schule.

Hamburg – Rosa für die Mädchen, Blau für die Jungen: In den sozialen Medien sorgt aktuell der Katalog des europäischen Spielzeugherstellers Smyths Toys wegen stereotypen Darstellungen für Kritik. Mädchen sind darin vor allem mit Make-up, Puppen und Haushaltsgeräten zu sehen, Jungen mit Dinosauriern oder einem Teleskop.

Mit welcher Spielzeugwerbung Kinder konfrontiert werden, kann Auswirkungen auf die Entwicklung haben. (Symbolbild)

Mit welcher Spielzeugwerbung Kinder konfrontiert werden, kann Auswirkungen auf die Entwicklung haben. (Symbolbild) © Depositphotos/Imago

Wie sehr solche Bilder wirken, zeigt sich auch in den Kommentaren auf Instagram. Eine Mutter schildert ihr Dilemma: „Ich find es noch so viel schlimmer, dass meine Töchter darauf so krass anspringen.“ Dabei habe sie ihren Kindern nie vorgegeben, womit sie spielen sollen. Doch die Dinos des großen Bruders ließen die Mädchen links liegen. „Ich hab’s aufgegeben“, schreibt sie. „Aber es ist wirklich so schlimm, wie die Werbung und die Welt um uns herum, schon den Kleinsten genau das eintrichtern.“

Psychologin: Spielzeugwerbung kann Entwicklung von Kindern beeinflussen

Ein Einzelfall ist das nicht, erklärt Marlene Kollmayer, Bildungspsychologin an der Universität Wien, der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Gerade in der Spielzeugindustrie sind Geschlechterstereotype noch sehr präsent: Vorstellungen darüber, wie Jungs und Mädchen sind oder sein sollen, was sie interessiert und was sie gut oder weniger gut können.“

Zwar sei es in der Forschung schwierig, den reinen Effekt der Werbung herauszukristallisieren. Werbung sei aber eine Art, wie Geschlechterstereotype zementiert und weiter vermittelt werden. „Kinder in der Werbung sind wie Modelle. Mädchen und Jungen beobachten diese Modelle und ziehen daraus Schlüsse über die Welt und ihr eigenes Verhalten.“

Spielzeug für Mädchen fokussiere sich auf Haushaltstätigkeiten, mütterliche Tätigkeiten und Attraktivität. „Das vermittelt ein ganz klares Bild von Weiblichkeit. Es zeigt, was wichtig ist als Mädchen und später als Frau: sich zu kümmern, den Haushalt zu machen und dabei hübsch auszusehen.“

Für Jungen sieht das Angebot ganz anders aus. Hier gehe es oft ums Bauen, Experimentieren und den Wettkampf. „Das sind Aspekte, die stark mit Durchsetzungsfähigkeit, Kompetenz und auch mit Aggression zusammenhängen“, erklärt die Psychologin. Diese Bilder würden aber auch vermitteln, was Kinder nicht tun sollen. „Jungs sollen sich nicht kümmern – weder um sich selbst noch um Kinder oder andere Menschen. Mädchen sollen nicht kompetent, nicht durchsetzungsfähig und nicht aggressiv sein“, sagt Kollmayer. „So fördern wir bei Kindern von Anfang an bestimmte Kompetenzen und andere eben nicht.“

„Bestimmte Spieltätigkeiten stehen in Beziehung zu schulischen Fähigkeiten“

Welche Kompetenzen das sind, kann sich später in der Schule zeigen. „Bestimmte Spieltätigkeiten stehen in Beziehung zu ganz konkreten schulischen Fähigkeiten“, sagt Kollmayer. „Wenn ich mit einer Puppe spiele, ist das sehr verbal. In der Schule sehen wir dann sehr schnell: Mädchen können besser lesen und sich verbal genauer ausdrücken. Bauen und Experimentieren sind wichtige Vorläuferfähigkeiten für mathematische Fähigkeiten. In PISA und anderen großen Studien sehen wir bessere Leistungen und vor allem ein besseres Selbstbewusstsein der Jungs in den Naturwissenschaften und in Mathematik.“

Dazu kommt, dass sich auch die Neugier verengt. Mädchen, die in der Werbung vor allem Make-up, Perlenketten und Puppen sehen, entwickeln womöglich weniger Interesse an anderen Bereichen. „Für etwas, was mir nicht angeboten wird, kann ich mich gar nicht interessieren“, sagt Kollmayer. „In der Kindheit ist die Identitätsbildung, auch die Geschlechtsidentität, eine extrem relevante Entwicklungsaufgabe. Wenn ich vermittelt bekomme, dass ein bestimmtes Verhalten für mein Geschlecht nicht passt, werde ich dieses Verhalten oder diese Inhalte meiden – selbst dann, wenn sie mich eigentlich interessieren würden. Wir verlieren dadurch auch viel.“ So können Kinder mit einem Talent oder Interesse an einem Feld dieses womöglich gar nicht erst ausprägen.

Im Bildungskontext kann mit Impulsen gegengesteuert werden, sagt Kollmayer. „Eltern können darauf achten, welche Spielzeugkataloge ihre Kinder bekommen. Pädagoginnen und Pädagogen können so ausgebildet werden, dass sie vermeiden, Mädchen und Jungs gezielt für bestimmte Aufgaben anzusprechen – also nicht sagen: ‚Jetzt brauche ich einen starken Jungen, der hilft beim Kistentragen.‘“

Der Spielzeughersteller Smyths hat bis Montagnachmittag (12. Oktober) auf eine Anfrage unserer Redaktion nicht reagiert.

Wie Gendermarketing die kindliche Entwicklung prägt, beschäftigt Fachleute schon lange. Ein Entwicklungspsychologe erklärt, was hinter der Begeisterung über Dinosaurier stecken kann. (Quellen: Spielzeugprospekt, eigene Recherche)