Bürgerkrieg in Mali: Ein Wüstenkrieg ohne Ende
Malis Militärregierung wollte mit russischer Hilfe das Land befrieden. Jetzt sind Tuareg-Rebellen und bewaffnete Islamisten wieder in der Offensive.
E in Soldat blockiert das Tor, das zur Sängerin Nana Coulibaly führt. Verspiegelte Sonnenbrille, Tarnmontur, Sturmgewehr. Sein Zeigefinger ruht über dem Abzugsbügel. Hinter dem Tor: vier weitere Soldaten. Alle in voller Kampfmontur. Der Ort, an dem sich Coulibaly vor ihrem Auftritt ausruht, ist abgeriegelt.
Drinnen sitzt die Sängerin am Rande eines Schulhofs auf einer hölzernen Bank, eine 30 Jahre alte Frau in einem blauen Schleier und mit einem halben Dutzend bunter Armreife. „Natürlich fühle ich mich hier sicher“, sagt sie. „Dass dieses Festival stattfinden kann, ist ein Symbol. Ein Zeichen, dass sich nun alles zum Guten wendet.“
Es ist Dezember 2025. In Timbuktu, einer Stadt im Norden Malis, findet die Biennale Artistique et Culturel statt, ein Festival mit Musik, Schauspiel und Tanz. Ausgerechnet hier, in einem Landstrich, in dem seit mehr als einem Jahrzehnt Bürgerkrieg herrscht.
Hunderte Künstlerinnen und Künstler sind aus ganz Mali angereist, um zu feiern. Menschen wie Coulibaly. Es sind so viele, dass die meisten während des zweiwöchigen Spektakels in Klassenzimmern und Gemeindehäusern übernachten müssen. Schließlich sind auch Tausende Zuschauerinnen und Zuschauer nach Timbuktu gekommen, eine ausgetrocknete Oasenstadt aus gelb-braunen Lehm- und Steinhäusern mit mehreren zehntausend Einwohnern.
Mali wird seit einem Putsch 2020 von Soldaten regiert. Dass es den Streitkräften nun gelingt, bei der Show in Timbuktu für Sicherheit zu sorgen, ist eine Demonstration ihrer Stärke. Es ist der jüngste Grund dafür, dass viele Menschen in dem geplagten Land wieder Hoffnung schöpfen. Wenige Monate zuvor war es den Soldaten bereits gelungen, eine Benzinblockade der Hauptstadt Bamako durch bewaffnete islamistische Gruppen zu beenden. Und zwei Jahre zuvor hatten sie im Norden des Landes die bedeutsame Stadt Kidal zurückerobert, die sich seit 2012 in Tuareg-Rebellenhand befunden hatte.
Foto: Issio Ehrich
Nana Coulibaly lässt ihren Kopf zur Seite kippen und fängt an zu träumen. „Die nächste Biennale findet in Kidal statt“, prophezeit sie. Kidal ist ihre Heimatstadt.
Großoffensive folgt kurz darauf
Nur ein paar Monate später, am 25. April 2026, starten die beiden größten bewaffneten Gruppen Malis eine Großoffensive: Das Tuareg-Bündnis FLA (Front für die Befreiung von Azawad), das im Norden Malis einen unabhängigen Staat gründen möchte, und die islamistische JNIM (Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime), eine international vernetzte Terrororganisation, die einen islamistischen Gottesstaat in Mali anstrebt. Sie greifen gemeinsam Malis Militärregierung an, die von Kämpfern aus Russland unterstützt wird.
Am Rande der Hauptstadt Bamako lenkt ein Selbstmordattentäter ein mit Sprengstoff beladenen Wagen in das Haus von Verteidigungsminister Sadio Camara. Er stirbt bei der Explosion. Wenig später marschieren Kämpfer in mehrere Städte ein. Das russische Kontingent zieht sich geschlagen aus Kidal zurück. Von Malis Präsident Assimi Goïta ist zunächst nichts zu sehen. Aus Angst, auch Opfer eines Anschlags zu werden, wagt er tagelang keinen öffentlichen Auftritt.
Rebellengruppen in Mali
Tuareg-Rebellen: Aufständische aus einigen Clans des Händler- und Nomadenvolkes der Tuareg, die mit den Staatsgrenzen in der Wüste Sahara nichts anfangen können und für einen eigenen Staat „Azawad“ kämpfen, gibt es in Mali und Niger seit Jahrzehnten. Die „Front de Libération de l'azawad“ (Azawad-Befreiungsfront) entstand 2014 aus einer Fusion kleinerer Tuareg-Rebellengruppen, die 2012–13 kurzzeitig die Kontrolle über Malis Nordhälfte übernommen hatten.
Islamistische Rebellen: Radikale islamistische Untergrundkämpfer sind seit dem Bürgerkrieg in Algerien in den 1990er Jahren in der gesamten Sahel- und Sahararegion Westafrikas aktiv und schlossen sich frühzeitig dem Terrornetzwerk al-Qaida an. Die „Gruppe zur Unterstützung des Islams und der Muslime“ (JNIM) entstand 2017 aus der Fusion von „al-Qaida im islamischen Maghreb“ mit lokalen islamistischen Rebellengruppen in Mali; sie kämpft auch in Niger und Burkina Faso.
Russische Söldner: Die von russischen Neonazis gegründete Söldnergruppe Wagner ist seit 2017 in mehreren Ländern Afrikas präsent und seit 2021 auch in Mali, wo 2020 das Militär geputscht hat. Seit 2024 ist die Wagner-Truppe als „Afrikakorps“ dem russischen Verteidigungsministerium unterstellt. Mehrere tausend russische Kämpfer, teils mit unklarem Status, sind in Basen von Malis Armee stationiert und nehmen an Kämpfen gegen Rebellen sowie Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung teil.
Es ist ein beispielloser Triumph der Gegner des malischen Staates. Eine weitere Eskalation in einer immer verworreneren nicht enden wollenden Krise. Nana Coulibalys Traum, dass auf die Biennale in Timbuktu bald eine in Kidal folgt – er ist verpufft.
Die Sängerin meldet sich Anfang Mai per Whatsapp. „In Mali wird es niemals Frieden geben“, sagt sie. Dann schickt sie ein Foto. Darauf ist ein beiger Rucksack zu sehen, zwei Stofftaschen, eine aufgerollte grüne Matte, drei Decken. „Das ist alles“, sagt sie über die Dinge, die sie aus ihrer Heimatstadt mitnehmen konnte. Coulibaly hat sich in „die Wildnis“ gerettet, wie sie schreibt.
Himmel in Orange
Der Norden Malis liegt in der Sahelzone, dem „Ufer der Wüste“, wie es auf Arabisch heißt. Der Landstrich, der sich quer über den afrikanischen Kontinent erstreckt, markiert den Übergang der Sahara im Norden in die Savannen im Süden. Eine Wildnis eben, in der der Wind mitunter so viel Sand durch die Luft treibt, dass der Himmel orange glüht.
Auch auf dem zweiten Bild, das Coulibaly schickt, ist der Himmel orange gefärbt. Die Sängerin sitzt auf einem Teppich auf der Erde. Vor ihr: ein unverputzter Verschlag ohne Tür. Sie nutzt ihn mit ihrer Familie – fünf Quadratmeter für sieben Seelen.
„Schüsse haben mich aus dem Schlaf gerissen“, erinnert sich Coulibaly an den Sturm auf Kidal. Sie stand auf, öffnete das Tor ihres Anwesens einen Spalt und blinzelte auf die Straße. „Ich sah malische Soldaten herumlaufen. Sie versuchten, sich bei Zivilisten zu verstecken. Sie hatten so große Angst.“ Coulibaly verschanzte sich mit ihrer Familie in ihrem Haus.
Sie hörte Drohnen surren. Kampfflugzeuge warfen Bomben ab. „Die Wände bebten.“ Als sechs Stunden später Stille einkehrte, wagte es die Frau nochmals, auf die Straße zu schauen. Dort patrouillierten nun Männer der FLA. Sie sah auch Kämpfer von JNIM. Zwei Tage lang trauten sich Coulibaly und ihre Familie nicht aus dem Haus. Am dritten Tag flohen sie. „Auf den Straßen lagen Leichen“, schreibt sie. „Dieser Geruch!“
In den Worten der Frau, die auf der Biennale in Timbuktu noch so hoffnungsvoll wirkte, klingt vor allem eines durch: Resignation. „Ich werde nicht nach Kidal zurückkehren können“, schreibt sie. „Die Menschen in Mali wollen keinen Frieden.“
Der malischen Armee gelingt es kurz nach der Offensive, die Lage in Bamako zu beruhigen. In Kidal jedoch herrschen jetzt wieder die Rebellen.
Er nennt es „Schicksalsschlacht“
Colonel Hamed-Rhissa Ag Mohamed Assaleh schickt ein Foto aus dem Norden Malis. Eine Düne am Horizont, davor eine Ebene aus gelbem Sand. Es ist Ende Juni, der Oberst der Tuareg-Rebellengruppe FLA steht im Schatten eines Dornenbaumes. Er trägt einen beigen Turban, eine schwarze Sonnenbrille, einen Kampfanzug in Wüstentarn. Hinter Assaleh: sechs seiner Männer. Um ihre Hälse baumeln Maschinengewehre und Patronengürtel. Am Rande des Fotos schultert ein Kämpfer einen Raketenwerfer.
„Kidal war für uns eine Schicksalsschlacht“, sagt Assaleh in einer Sprachnachricht. „Unser Ziel ist nun die Befreiung jedes Fleckens von Azawad.“ Mit Azawad meint er ein Territorium, das die Mitglieder der Tuareg-Rebellengruppen für sich und ihr Volk beanspruchen.
Assalehs Forderungen haben eine lange Geschichte. Als die französischen Kolonien in Afrika um 1960 unabhängig wurden, hofften einige Tuareg-Clans auf einen eigenen Staat. Doch im ehemaligen Französisch-Westafrika wurden einfach die bestehenden Verwaltungsgebiete in unabhängige Staaten verwandelt, deren Regierungen sich kaum um die Interessen der Menschen fernab der Hauptstädte scherten, vor allem in den Wüstengebieten, wo Staatsgrenzen kaum eine Rolle spielen. Und so erhoben Tuareg in der kurzen Geschichte der Republik Mali vier Mal die Waffen: 1963 und 1990, 2006 und schließlich 2012. Auch im benachbarten Niger gab es Tuareg-Aufstände.
Foto: Samir Maouche/hans Lucas/picture alliance
Assaleh schloss sich dem Tuareg-Widerstand 1983 an. Er ist ein Veteran in den Rängen der Rebellion. „Wir wollen einen unabhängigen Staat aufbauen, in dem sich die Bevölkerung Azawads selbst regiert, in dem Meinungsfreiheit herrscht, in dem Menschen selbst über die Reichtümer ihres Bodens verfügen“, fasst er die Ziele der Separatisten zusammen.
Klimakrise befeuert den Konflikt
Neben dem Dornenbaum auf dem Foto Assalehs steht auch ein Dornenbusch. Dornen liegen auch im Sand. Sie sind mehrere Zentimeter lang. Einige Pflanzen im Sahel werfen sie ab, damit Tiere ihren Stämmen nicht zu nahekommen. Der Sahel ist von Dürren geplagt. Auch Ressourcenmangel und Klimakrise befeuern die Konflikte in diesem Landstrich, in dem selbst Bäume und Büsche auf Waffen setzten, um zu überleben.
2012 gelang es den Tuareg-Rebellen, im Norden Malis mehrere Städte einzunehmen. Allerdings waren sie mit radikalen islamistischen Gruppen verbündet, die ihnen militärische Schlagkraft verliehen. Die führten in den eroberten Gebieten schnell eine harte Version des islamischen Scharia-Rechts ein. Frauen wurden diskriminiert, Musik verboten, Dieben Hände abgehackt. In Timbuktu zerstörten sie Relikte der mittelalterlichen Hochkultur. Damals zerbrach die Rebellion daran: Viele Tuareg-Rebellen waren religiös-moderat.
Doch die Islamisten setzten sich als stärkerer Flügel durch und breiteten sich fast im ganzen Sahel aus – trotz einer Intervention der früheren Kolonialmacht Frankreichs, die Malis Norden 2013 zunächst weitgehend zurückeroberte. Die Tuareg ließen sich 2015 auf einen Friedensvertrag ein. Malis Regierung versprach ihnen mehr Investitionen in den Norden und Selbstverwaltung in den Regionen Timbuktu, Kidal und Gao.
Eine Stabilisierungsmission der UNO, an der sich auch Deutschland beteiligte, sollte das absichern. Frankreich, das weiter Islamisten in der Wüste bekämpfte, setzte sich zudem dafür ein, dass die Tuareg-Rebellen Kidal weiterhin kontrollieren können. Ein gewichtiges Zugeständnis: Kidal war stets die Hochburg der Tuareg-Aufstände, die natürliche Hauptstadt Azawads.
Keine historische Vorlage
Doch in den Territorien, die Assaleh und seine Männer beanspruchen, stellten Tuareg in der jüngeren Geschichte Malis nie eine Bevölkerungsmehrheit. Es gibt auch keine historische Vorlage für ein Konstrukt namens Azawad. Selbst die beklagte Tuareg-Marginalisierung ist zumindest umstritten, da Tuareg mitunter hochrangige Posten in malischen Institutionen einnehmen – wenn auch aus anderen Tuareg-Clans als denen, die das Rückgrat der FLA bilden. All dies trug dazu bei, dass viele Menschen in Mali die Friedensregelung mit den Separatisten ablehnten.
Da sich auch der Terror der Islamisten weiter ausbreitete – nicht nur in Mali, auch in Niger und in Burkina Faso – kam es 2020 in Bamako erst zu Massenprotesten, dann zu einem Militärputsch. Die Soldaten um Malis Putschistenführer Assimi Goïta erklärten die Separatisten zu Terroristen und kündigten den Friedensvertrag auf. Die UN-Mission musste abziehen, Frankreich auch. Statt auf westliche Staaten setzte Goïta auf russische Söldner der Wagner-Gruppe, die heute Afrikakorps heißt. Sie nehmen bei der Terrorbekämpfung wenig Rücksicht auf Menschenrechte. Moskau lieferte auch schwere Waffen.
Maximale Härte. Große Teilen der Bevölkerung bejubelten sie. Die Rückeroberung Kidals durch die Regierungsarmee mit russischer Hilfe Ende 2023 wurde zu einem Symbol für die neue territoriale Integrität der Republik. Zuletzt nahm gar die Zahl getöteter Zivilisten ab.
Foto: Issio Ehrich
Doch dann kam der 25. April 2026. Alles zurück auf null.
Die neue Flagge weht
An einem Kreisverkehr in Kidal ragt eine Skulptur in den Farben der malischen Flagge in den Himmel: Grün, Gelb, Rot. Auf der Spitze flattert seit April eine neue Fahne, die auch noch einen schwarzen Streifen hat: die Flagge Azawads, gehisst von der FLA. Das Schwarz symbolisiert die beschwerliche Geschichte der Tuareg.
Oberst Assaleh hat eine hypnotische Stimme in seiner Sprechnachricht. Ein tiefer Grundton, singende Höhen. Er spricht langsam, macht dramatische Pausen. Als er von der Schlacht um Kidal spricht, klingt er triumphal. „Der Feind hat seine gesamte Feuerkraft eingesetzt – moderne Waffen, Panzer, alles“, erinnert er sich. „Aber wir waren entschlossener.“
Von den 500 Kämpfern, die in diese Schlacht zogen, seien rund 200 gefallen, sagt Assaleh. Dabei lässt er nicht unerwähnt, dass die 500 russischen Söldner in der Stadt am Ende um freies Geleit gebeten hätten. Sie zogen sich kampflos in das weiter südlich gelegene Anéfis zurück. „Entscheidend für unseren Sieg war unsere Willenskraft.“
Entscheidend war aber auch, dass sich die bewaffneten Tuareg wieder mit den bewaffneten Dschihadisten zusammengetan hatten. Die Grenzen zwischen Islamisten und Tuareg-Separatisten waren stets durchlässig. JNIM-Chef Iyad ag Ghali ist ein ehemaliger Tuareg-Rebellenführer, der sich islamistisch radikalisierte. Nun haben sich beide Gruppen weiter angenähert. „In der FLA sind wir zu 100 Prozent dem Islam verpflichtet“, bestätigt Oberst Assaleh: „In der Rechtsordnung von Azawad wird die Scharia gelten.“ Die radikalen Islamisten sollen ihrerseits einer moderaten Auslegung der Scharia zugestimmt haben – ohne Amputationen und öffentliche Hinrichtungen wie früher.
Ziel: weitreichende Autonomie
Viele Kämpfer von JNIM sind ohnehin einfach junge Männer, denen es an ökonomischen Perspektiven fehlt. Mittlerweile ist gar davon die Rede, dass die Gruppe erwägt, sich von al-Qaida loszusagen. Die Tuareg-Separatisten der FLA sind Experten zufolge wiederum von der Forderung einer völligen Unabhängigkeit Azawads abgerückt – weitreichende Autonomie innerhalb einer islamischen Republik Mali würde ihnen reichen.
Oberst Assaleh gibt sich beim Gespräch im Juni siegesgewiss. Timbuktu, Gao – die nächsten Ziele seien klar, sagt er. „Die Planungen für die Offensiven abgeschlossen.“ Und tatsächlich: Es dauert nicht lange.
Wieder ein Video, wieder eine Offensive
Es ist der 5. Juli. Das Tackern von Maschinengewehren hallt über die Wüste, dazu Rufe: „Allahu Akbar“. In der Ferne, am sandgetränkten Himmel, flackert etwas Dunkles in der Luft. Es ist laut der FLA, die dieses Video verbreitet, ein russischer Hubschrauber. Das Gerät dreht sich um die eigene Achse, kommt dem Boden immer näher. Der Helikopter verschwindet hinter einer Düne. Sekunden später steigt schwarzer Rauch auf. Die zweite koordinierte Großoffensive der Rebellen ist im Gange.
Gao, Sévaré – der malischen Armee gelingt es, die Angreifer weitgehend abzuwehren. Nur in Anéfis, wohin sich im April die russischen Söldner aus Kidal zurückgezogen hatten, scheitern sie. Die Stadt ist ein strategischer Verkehrsknotenpunkt auf der Straße, die von Kidal durch die Wüste nach Süden Richtung Gao führt. Die FLA überrennt mehrere Vorposten, übernimmt eigenen Angaben zufolge die Kontrolle über die Stadt. Die Söldner ziehen sich in ihr Militärcamp zurück. So wie damals in Kidal – kurz bevor sie um freies Geleit baten.
Der abgeschossene Hubschrauber war angeblich als Verstärkung für das Camp gedacht. In einem zweiten Video ist auch das Wrack zu sehen. Flammen, rauchendes Metall, zwei bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Körper.
Mehrmals schickt Malis Armee Militärkonvois aus Gao nach Anéfis, die in Hinterhalte geraten. Es dauert fast eine Woche, bis sie die Stadt zurückerobern. Dutzende, wenn nicht Hunderte Kämpfer sind bei der Schlacht um Anéfis auf allen Seiten gefallen.
Brachiales Vorgehen der Militärs
Im Norden Malis ist die Militärregierung in Bedrängnis, aber die ferne Hauptstadt Bamako schützt sie mit enormen Ressourcen, das ist unübersehbar. Motorräder, Pick-ups mit Soldaten, Truppentransporter fahren ständig durch die Stadt. An strategischen Punkten stehen Soldaten hinter aufgebockten Maschinengewehren: Kaliber 12,7 mm. Selbst Panzerwagen sind in Bamako unterwegs. Die Militärregierung geht auch immer brachialer gegen ihre politischen Gegner vor. Mitte Juli beschließt sie eine Gesetzesnovelle, die es ihr ermöglicht, ihren Kritikern die Staatsangehörigkeit zu entziehen.
Mehr noch als die ideologische Annäherung eint JNIM und FLA der gemeinsame Feind: die zusehends autokratisch auftretende Putschistenregierung in Bamako, vor allem aber die russischen Söldner. Internationale Organisationen werfen ihnen in ihrem Kampf gegen den Terror Verbrechen gegen Zivilisten vor, Vergewaltigung, Folter, Mord.
Mittlerweile ist gar vom Einsatz völkerrechtlich geächteter Waffen die Rede. „Die malische Armee und ihre russischen Partner haben bei ihren Angriffen auf Azawad Streumunition eingesetzt“, sagt Assaleh. Im vergangenen Jahr waren die malische Armee und russische Söldner laut der Analystengruppe Acled für viermal so viele zivile Opfer verantwortlich als ihre Gegner.
Die FLA verbreitet in diesen Tagen ein furchterregendes Foto, das aus der Region Timbuktu stammen und ein Opfer der russischen Söldner zeigen soll. Darauf ist der abgetrennte Kopf eines Mannes zu sehen, die Sonnenbrille noch auf der Nase. Der Kopf liegt im Wüstensand, daneben seine abgeschnittenen Arme und Beine, drapiert zu einem Stern.
Er sieht sich als Befreier
Oberst Assaleh sieht sich angesichts dieser Verrohung nicht als Aggressor, sondern als Befreier. „Als wir in Kidal einmarschiert sind, wurden wir wie Söhne empfangen, die zu ihren Eltern zurückkehren“, sagt er.
Doch es gibt Bewohnerinnen Kidals, die widersprechen. Auch die Sängerin Coulibaly. Dabei ist sie selbst Tuareg.
Sie appelliert an den Frieden
Anfang Juli lebt Coulibaly noch immer in „der Wildnis“, wie sie ihren Rückzugsort nach der Flucht aus Kidal nennt. Sie schläft unter freiem Himmel. In dem kleinen Verschlag, den sich ihre Familie teilt, ist nicht genug Platz. Und doch will sie nicht zurück nach Kidal. „Wir wollen nicht in Azawad leben“, schreibt sie. Ihre Familie stehe auf der Seite der Regierung.
Separatisten mit begrenztem Anspruch auf ihr Territorium. Dschihadisten, die sich kompromissbereit geben, eine Regierung, die mit ihren Partnern für grausame Verbrechen verantwortlich gemacht wird. Die Krise in Mali wirkt auch so aussichtslos, weil es darin viel Grau und wenig Schwarz-Weiß gibt. Und keine klar überlegene Front.
JNIM und FLA verfügen Schätzungen zufolge über 12.000 Kämpfer – zu wenige, um Territorien dauerhaft zu halten oder gar Malis Hauptstadt einzunehmen, aber zu viele, um den Krieg zu verlieren. Die Regierung ist auch mit russischer Hilfe derzeit nicht in der Lage, spektakuläre Offensiven ihrer Gegner zu verhindern.
Nana Coulibaly sitzt auf einem blauen Teppich. Ihr rechter Fuß lugt unter ihrem Gewand hervor und wippt im Takt von Trommeln. Coulibaly macht in einem weiteren Video, das sie per Whatsapp schickt, was sie am liebsten tut: singen. Sie appelliert in dem Lied an alle Malierinnen und Malier, die ihr Heimatland verlassen haben. Sie sollten zurückkehren. Frieden stiften. Ein verzweifelter Hilferuf? Nach ein paar Zeilen senkt Coulibaly den Kopf. Als würde sie sich auf die Lippen beißen.