Checkout – Was vom Tag bleibt: Wie geht das nochmal mit dem Patriotismus?
Sagen Sie bitte, dass es Ihnen auch so geht: Wenn bestimmte Dinge unangenehm, mühsam oder lästig sind, schiebt man sie so lange auf, bis man wirklich nicht mehr drumherumkommt. Bei mir war es zuletzt mit einer E-Mail so, sie war eigentlich überfällig und sie zu verfassen, dauerte maximal zehn Minuten. Trotzdem zögerte ich tagelang. In der Zwischenzeit habe ich sicherlich mehrere Stunden mehr oder weniger sinniges Zeug im Fernsehen geschaut oder bin kilometerweise spazieren gegangen. Dabei wäre es so viel klüger gewesen, die nervigen Dinge schnell von der Backe zu haben und sich dann den schönen Dingen des Lebens zu widmen.
Dass sich die Regierung erst um die hohen Spritpreise kümmert, wenn der Aufschrei im Land gar nicht mehr überhört werden kann, ist so gesehen, allzu menschlich. Hinzu kommt, dass es dabei ja nicht nur um das Ob, sondern auch um das Wie geht. Preisdeckel? Direktzahlungen nur für Betroffene, Senkung der Energiesteuer? Übergewinnsteuer?
Zur Aufschieberitis gesellt sich also noch das Problem der Entscheidungsfindung: Darüber beraten die Spitzen von Union und SPD seit dem Donnerstagabend. Eine Lösung deutete sich am Freitagabend an: Offenbar soll der Preis gedeckelt und mit einem Tankrabatt kombiniert werden. Zu wann das alles umgesetzt werden kann, ist noch unklar. Wer weiß schon, wie die Preise dann aussehen?

© dpa/Matthias Balk
Aber, um ein wenig Hoffnung zu versprühen: Manche Menschen motiviert der Leidensdruck, endlich mal in die Pötte kommen zu müssen, besonders. Sie drehen dann erst richtig auf und arbeiten effizienter denn je.
Fragen Sie mal bei Manuela Schwesig nach. Die hat es tatsächlich zwei Tage vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern geschafft, die AfD in Umfragen zu überholen. Offiziell müsste ich schreiben, dass die SPD es geschafft hat, aber wir sind ja hier unter uns. Rot gegen Blau bedeutet im Norden in Wahrheit: Schwesig gegen die AfD.
Und wer könnte nun der Verlierer dieses Last-Minute-Manövers sein? Richtig, die CDU. Wenn es darauf ankommt, möglicherweise einen Wahlsieg der AfD zu verhindern, entscheidet sich der ein oder andere Wähler unter Umständen dafür, sein Kreuz bei der SPD statt bei der CDU zu setzen. Das wäre aus der Sicht der Christdemokraten ziemlich blöd, liegen sie in Umfragen doch ohnehin nur noch bei 6 (in Worten: sechs!) Prozent.

© imago/Westend61
Nun, ich möchte nicht Friedrich Merz sein, sollte seine Partei die Fünf-Prozent-Hürde verfehlen. Ein Landtag ohne Unionsfraktion wäre ein Novum in der bisherigen Geschichte der Bundesrepublik. Da kann es vorher noch so viel formelle Unterstützung von den Unions-Ministerpräsidenten für den Kanzler gegeben haben. Kurzer Vergleich mit meinem Hobby: Im Fußball versicherte man schon so manchem Trainer öffentlich die Rückendeckung – nur um ihn kurz darauf zu entlassen.
Gut, gut, so weit ist es längst nicht. Will nur sagen: In der Politik wird es an diesem Wochenende so spannend wie auf dem Fußballfeld, in Berlin sowieso. Dort ist das Rennen recht offen, aber eben auch in Mecklenburg-Vorpommern. Ich kann den Anpfiff kaum erwarten.
Nachschlag
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Unser Special Guest!
Wir besitzen ja viel Ostkompetenz in unserer Redaktion. Inzwischen gibt es nicht nur den Newsletter, sondern auch den Podcast „Im Osten“. Franziska Apfel aus der Berlin-Redaktion mischt da überall mit und stammt auch noch aus Mecklenburg-Vorpommern. Da konnte ich nicht anders, als sie in den Checkout einzuladen.
Franziska, du kommst aus Rostock. Wie schaust du auf die Wahlen am Sonntag?
Genauer gesagt komme ich aus Rövershagen, das ist ein Dorf bei Rostock, bekannt durch Karls Erlebnis-Dorf. Da, wo die Erdbeeren herkommen. Seit fünf Jahren bin ich jetzt in Berlin und schaue mit einem mulmigen Gefühl auf die Wahl.

© Tagesspiegel/Nassim Rad
Wieso ist dir mulmig?
Ich beobachte, wie viel Einfluss die AfD gerade auf dem Land hat – da liegt sie fast überall über 40 Prozent.
Aber Manuela Schwesig hat für die SPD doch eine beeindruckende Aufholjagd hingelegt.
So ist es. Schwesig führt einen Wahlkampf, wie es ihn in der SPD in meinen Augen lange nicht gegeben hat. Sie zieht mit Hoodie durchs Land und grillt mit den Bürgern, nutzt Social Media und setzt sich auch im bundespolitischen Kontext für das Land ein. Das kommt offenbar an.
Erlebt die CDU dafür ihr Waterloo in Schwerin?
Es kann in einer Vollkatastrophe enden. Der CDU steht das Wasser praktisch bis zum Hals. Da kann selbst ein Ergebnis von sechs oder sieben Prozent heftige Konsequenzen haben.
Und dein Tipp für die Berlin-Wahl?
Darf ich die Aussage hier verweigern? Das Rennen ist einfach viel zu offen, um darauf seriös zu antworten. CDU und Linke sind gleichauf, dicht gefolgt von AfD und Grünen. Ich muss am Sonntag in der Berlin-Redaktion arbeiten, jeder Tipp könnte da peinlich werden.
Mehr über die Wahlen und die Themen aus dem Osten Deutschlands hören Sie in unserem Podcast „Im Osten“, am Montag wieder mit einer Sonderausgabe:
Bild des Tages
Heute ausgewählt von Artdirektorin Bettina Seuffert

© dpa/Uncredited
Wladimir, bist du es? Putin veranstaltet in Russland ja gerade eine sogenannte „Wahl“ zur Duma, also dem russischen „Parlament“. Der Wähler, der hier auf dem Bild seine Stimme abgibt, wollte offenbar unerkannt bleiben. Vielleicht ist er aber auch auf dem Sprung zum Mond. Es wäre ihm nicht zu verdenken.
Was sonst noch war
Letzte Debatte der Spitzenkandidaten vor der Berlin-Wahl: Was bleibt hängen?
Warum halten Sie der AfD den Steigbügel, Frau Wagenknecht?: Ein Interview mit der BSW-Politikerin
Will Putin die Nato testen?: Tusk warnt vor „versehentlichen“ russischen Angriffen auf Nato-Staaten
Der Unmut in Russland wächst: Das Land vor den Dumawahlen
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Der Tipp wird heute präsentiert von Tagesspiegel-Kulturchefin Claudia Reinhard

© PR/C.H. Beck Verlag, 2026
Man möchte dem „FAZ“-Politikjournalisten Justus Bender lieber keine prophetischen Fähigkeiten zugestehen, nur leider legt seine Arbeit das Gegenteil nahe. Schon 2016 schrieb er in seinem Buch „Was will die AfD? Eine Partei verändert Deutschland“, dass Olaf Scholz 2021 Bundeskanzler werden würde, und auch das Scheitern der Koalition inklusive Neuwahlen sah er voraus.
Jetzt hat er die nächste Zukunftsprognose vorgelegt und entwirft ein Szenario, in dem die AfD 2033 bei einer Bundestagswahl 36 Prozent der Stimmen bekommt. Alice Weidel wird Kanzlerin, die CDU geht unter der Führung von Jens Spahn (puh, alles weiß er doch nicht!) eine Koalition mit ihr ein. Lange halten tut sie nicht, doch der Schaden ist da und das Zerstörte nicht so „lässig wieder aufzubauen“, wie Markus Lanz es jüngst beim Fernsehpreis proklamierte.
Allen, die also einigermaßen entspannt in dieses Wahlwochenende gehen, und seien es auch nur Landtagswahlen, weil alles schon nicht so schlimm werden wird, oder „man die jetzt dann eben einfach mal machen lassen muss“, möchte ich diese Lektüre ans Herz legen.
Sie schärft den Blick, nicht nur für Dinge, die sich in einer ungewissen Zukunft womöglich ergeben könnten – sondern die in der Gegenwart von juristischen Strategen in der AfD-Parteizentrale explizit geplant werden.
Spätlese

© Symbolbild; [M] TSP/Bettina Seuffert, Material: magnific
Wenn Sie heute nur einen Text lesen ... dann sollte es der meiner Kollegen Miray Caliskan und Patrick Eickemeier sein. Monatelang haben sie ein Paar begleitet und dabei miterlebt, wie der Mann sich immer mehr verändert hat. Diagnose: Alzheimer – mit Mitte 50. Wie geht die Frau damit um? Was macht das mit einer Beziehung? Und was könnte ein Ausweg sein? Diese berührende Geschichte geht den Gefühlen nach:
Eine Liebe, die Alzheimer überlebt: Wie ein Paar lernt, alles zum letzten Mal zu tun
Und wie sehen Sie’s?
Gestern haben wir Sie gefragt, wer und warum noch alles EU-Mitglied werden soll. Wie soll ich’s sagen: Entweder Sie konnten diese schwere Entscheidung nicht treffen, prokrastinieren (tsss) – oder es geht Ihnen ein bisschen wie dem EU-Parlament, das mit den Beitrittsverhandlungen auch nicht recht voranzukommen scheint. Jedenfalls haben wir keine sachdienliche Antwort erhalten.
Schade, denn ich finde ja durchaus, dass wir ein paar mehr politische Stimmen vertragen könnten, die nicht unbedingt aus der Politik stammen. Immerhin ist jetzt sogar der Bundes-Jürgen vorgeprescht. Gemeint ist Fußball-Nationaltrainer Jürgen Klopp, auf den sich trotz aller Uneinigkeit in diesem Land, wahrscheinlich mindestens 90 Prozent der Deutschen einigen können.
Angesichts des Wahlergebnisses in Sachsen-Anhalt appellierte Klopp an eine Art neuen, richtig verstandenen Patriotismus. „Ich würde mir oder uns gerne die Fahne zurückholen. Ich möchte Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen“, sagte er. „Kann man stolz darauf sein, Deutscher zu sein und trotzdem offen und trotzdem vielfältig und trotzdem nett, freundlich?“
Diese Frage würde ich gerne an Sie weiterleiten: Wie sieht Patriotismus für Sie aus, liebe Leserinnen und Leser? Schreiben Sie uns an [email protected]
Ich hoffe, dass Ihnen die erste Woche mit Ihrem neuen Lieblings-Newsletter gefallen hat. Beschwerden richten Sie bitte direkt an mich. Lob, Anregungen und Fangesänge gehen an die oben genannte Adresse. Jetzt haben Sie zwei Tage lang Zeit, sich von uns zu erholen. Am Montag schneie ich dann wieder abends in Ihr Postfach – so ich rechtzeitig mit dem Schreiben fertig werde. Haben Sie ein schönes Wochenende und lassen Sie sich nicht von Spritpreisen, Fußball- oder Wahlergebnissen ärgern!
Cheers. Ihre
Katrin Schulze