Chrupalla sieht Machtfrage in Sachsen-Anhalt „wirklich greifbar“ – und verteidigt Politiker mit Neonazi-Vergangenheit
Chrupalla äußert sich zurückhaltend zur BSW‑Zusammenarbeit – und sieht Klima als „Nebenthema“
Stand: 23.08.2026, 18:42 Uhr
Im September wird in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Viele Menschen geben ihre Stimme per Briefwahl ab. Chrupalla warnt vor Manipulationen.
Berlin – Nach Alice Weidel hat sich auch AfD-Chef Tino Chrupalla im ARD-Sommerinterview siegesgewiss mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen gezeigt. Besonders in Sachsen-Anhalt sieht er seine Partei vor einem möglichen Durchbruch. Zugleich hält sich Chrupalla die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit anderen Parteien offen – auch wenn er die Benennung konkreter Bündnisse vor der Wahl vermeiden will.

ARD-Sommerinterview: Chrupalla spricht über BSW-Zusammenarbeit
Mit Blick auf die Debatte über eine mögliche Unterstützung durch das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) zeigte sich Chrupalla zunächst zurückhaltend. „Das BSW muss sich erstmal selbst orientieren“, sagte er. Innerhalb der Partei gebe es unterschiedliche Positionen. BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht sage das eine, Parteichefin Amira Mohamed Ali am nächsten Tag etwas anderes.
Zuletzt hatte die BSW-Führung allerdings verschiedene Modelle für eine Zusammenarbeit ins Spiel gebracht. Wagenknecht stellte etwa in Aussicht, einzelne Vorhaben der AfD in Sachsen-Anhalt zu unterstützen, sollte das BSW in den Landtag einziehen. Auch ein überparteilicher Ministerpräsident, der mit wechselnden Mehrheiten regiert und dabei die AfD einbindet, wurde diskutiert.
Chrupalla will sich vor der Wahl dennoch nicht auf eine mögliche Kooperation festlegen. Das Ziel der AfD sei zunächst eine absolute Mehrheit. Für den Fall, dass diese nicht erreicht werde, werde der Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, freie Hand bei der Regierungsbildung haben. Der Bundesvorstand werde sich „nicht einmischen“. Grundsätzlich hält die AfD die Tür zu Gesprächen mit anderen Parteien offen. „Wir laden alle herzlich ein, die es gut mit Deutschland meinen“, sagte Chrupalla. Die Hand der AfD sei ausgestreckt.
Brandmauer gegen AfD: Chrupalla hält Haltung gegen rechte Partei ab
Die sogenannte Brandmauer der anderen Parteien gegen die AfD lehnt Chrupalla entschieden ab. Wenn CDU und andere Parteien die ausgestreckte Hand zurückwiesen, „dann müssen die das ihren Wählern erklären“, sagte der AfD-Chef. Auch nach der Wahl in Sachsen-Anhalt werde seine Partei „allen Parteien die Hand ausreichen“.
Damit liegt Chrupalla auf einer Linie mit seiner Co-Vorsitzenden Alice Weidel, die im ZDF-Sommerinterview die Brandmauer als „das Undemokratischste, was es gibt“ bezeichnet hatte. Beide AfD-Chefs werben zugleich offensiv mit dem Anspruch, künftig Regierungsverantwortung zu übernehmen. In Sachsen-Anhalt wird am 6. September gewählt, zwei Wochen später folgen Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. In Sachsen-Anhalt liegt die AfD in den Umfragen deutlich vorn und könnte erstmals die stärkste Kraft stellen.
Chrupalla im ARD-Sommerinterview: Zweifel an der Briefwahl
Für Aufsehen sorgten im ARD-Sommerinterview auch Chrupallas Aussagen zur Briefwahl. Der AfD-Chef stellte infrage, ob bei der Stimmabgabe in Pflegeheimen immer alles ordnungsgemäß ablaufe. Er kenne aus Gesprächen mit Pflegern und Angehörigen Fälle, „wo der Stift sozusagen geführt wurde“, sagte Chrupalla. Dass es solche Fälle gebe, sei für ihn „unstrittig“. Auf Nachfrage räumte er allerdings ein, dass es sich um Einzelfälle handeln könne. Belege für seine Behauptung legte er nicht vor.
Chrupalla forderte deshalb, die Briefwahl wieder abzuschaffen. Sie sei ursprünglich als „Ausnahmesituation geschaffen“ worden. Die Briefwahl wurde 1957 zum ersten Mal angeboten, um alten und kranken Menschen die Teilnahme an der Bundestagswahl zu ermöglichen. Zudem verlangte er mehr Überwachung bei der Aufbewahrung von Briefwahlunterlagen, unter anderem durch Kameras. Die Bundeswahlleiterin führt das Streuen von Zweifeln an der Sicherheit von Briefwahlen ausdrücklich als bekannte Form von Desinformation auf. Der Bundesverband der Pflegeberufe kritisierte Chrupallas Aussagen ebenfalls und warnte vor Misstrauen gegenüber Pflegekräften.
„Klima ist ein Nebenthema“: Chrupalla fordert mehr Klimaanlagen
Auch beim Klimawandel setzte Chrupalla auf eine deutliche Abgrenzung zum politischen Mainstream. Trotz Hitzewellen, Waldbränden und einer fünftstelligen Zahl von Hitzetoten bezeichnete er den diesjährigen Sommer als „ganz normalen Sommer“ und sprach von „Panikmache“ und einem „Klima-Hype“.
„Klima ist graduell ein Nebenthema“, sagte Chrupalla. Die Menschen beschäftigten vielmehr die Rente und die Frage, ob Gas und Strom noch bezahlbar seien. Die AfD bestreite nicht den Klimawandel, sagte der Parteichef. Den Anteil des Menschen daran halte seine Partei allerdings für „sehr gering“. Statt den Klimawandel zu bekämpfen, müsse Deutschland sich an höhere Temperaturen anpassen. Chrupalla forderte deshalb unter anderem mehr Klimaanlagen in Altenheimen, Krankenhäusern und Schulen. „Es braucht einfach mehr Strom, dann können wir kühlen“, sagte er.
Landtagswahlen im Osten: AfD will in Sachsen-Anhalt regieren
Seinen politischen Anspruch machte Chrupalla dabei unmissverständlich deutlich. Die Machtfrage sei in Sachsen-Anhalt „wirklich greifbar“. Gleichzeitig räumte er ein, dass die AfD nach derzeitigem Stand auf eine absolute Mehrheit angewiesen wäre, wenn die anderen Parteien an ihrer Ablehnung einer Zusammenarbeit festhalten. Auch Weidel hatte im ZDF-Sommerinterview erklärt: „Wir werden regieren.“ Die AfD wolle nicht nur in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin regieren, sondern auch im Bund.
Im Interview wurde Chrupalla außerdem auf Verbindungen von AfD-Politikern zu rechtsextremen Organisationen angesprochen. Im Mittelpunkt stand Laurens Nothdurft, Justiziar der AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalt und Ortsbürgermeister von Roßlau. Nothdurft war 1999 zum zweiten Bundesführer der neonazistischen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) gewählt worden. Die Organisation wurde 2009 wegen ihrer verfassungsfeindlichen Ausrichtung verboten.
Chrupalla sieht darin offenbar kein grundsätzliches Problem. Er wisse nicht, was konkret die Vorwürfe gegen Nothdurft seien, sagte er. Dieser habe in seiner Jugend entsprechende Veranstaltungen besucht. „Ein Mensch kann sich ändern“, so Chrupalla. Die AfD beurteile Menschen nach „ihrer aktuellen Leistung“. (Quellen: AFP, dpa, Tagesschau) (bb)