„Clever und beunruhigend“: Erziehungstrick bei Lidl löst Diskussionen aus


Stand: 28.08.2026, 18:40 Uhr

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Lidl verkaufte in den vergangenen Wochen Bananen mit Paw-Patrol-Stickern. Wie pädagogisch sinnvoll ist das? Ernährungsexpertinnen ordnen ein.

Frankfurt – „Letzte Woche stand ich mit meinem Sohn bei Lidl, und plötzlich strahlten uns Chase und Marshall aus dem Obst- und Gemüseregal entgegen“, schreibt Lia Carlucci auf Linkedin. Lidl Deutschland hatte die Hunde-Cartoon-Figuren von „Paw Patrol“ im Rahmen des neuen Kinofilms vom 20. Juli bis zum 11. August auf 13 Lidl-Produkten abgedruckt, die die WHO-Nährwertkriterien erfüllen, zehn davon Obst und Gemüse. „Der gleiche Trick, mit dem sonst Kekse verkauft werden, dieses Mal mit Beeren statt Zucker“, schreibt Carlucci.

Kleines Kind im Einkaufswagen

Kinder wollen im Supermarkt meistens die Produkte, die nach Spaß aussehen. Was, wenn Gurken und Tomaten diesen Spaß versprechen? (Symbolbild) © Depositphotos/IMAGO

Ihr Sohn habe noch nie so viel Obst in den Wagen legen wollen. „Jeden Morgen kam die Frage: Wo sind die Paw-Patrol-Blaubeeren? Ich will unbedingt noch eine Paw-Patrol-Banane“, erzählt die Ernährungsexpertin der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Trotzdem habe sie dabei ein „komisches Gefühl“, finde die Idee „clever und beunruhigend zugleich, weil sie zeigt, wie sehr wir Kinder inzwischen über Marketing statt über das Produkt selbst zum Essen bewegen“. Sie fragt sich: „Muss wirklich erst ein Comic-Hund draufkleben, damit ein Kind sie will?“

Kinder und Ernährung: Es geht um „Vertrautheit, Wiedererkennung und Emotionen"

Die Lidl-Aktion könne für viele Familien ein erster Einstieg sein, sich überhaupt gewissen Lebensmitteln zu nähern. „Bekannte Comic-Helden finden sich oft auf eher ungesunden Lebensmitteln wie Chips und Snacks. Die Tatsache, dass das jetzt für gesunde Lebensmittel genutzt wird, ist super“, sagt Carlucci. Bei ihr zu Hause werde die Avocado als ‚grüne Butter‘ bezeichnet, um ihre Kinder zum Gemüseessen zu bewegen. „Oder wir machen Waffeln mit verstecktem Gemüse oder pürieren Gemüse in Tomatensoße, und sprechen davon, dass die Soße Superkräfte weckt. Diese Gamification funktioniert“, sagt sie.

Trotzdem erzeugten die Paw-Patrol-Sticker bei ihr ein „Störgefühl“. „Ich habe mich gefragt, was passiert, wenn diese Sticker wieder verschwinden.“ Die Ernährungswissenschaftlerin und systemische Beraterin Brinja Hoffmann versteht das. „Aus ernährungspsychologischer Sicht ist die Sache ambivalent“, sagt sie der Frankfurter Rundschau. Kinder entschieden beim Essen nicht anhand von Nährwerttabellen, sondern anhand von „Vertrautheit, Wiedererkennung, Emotionen“. Wenn die Paw-Patrol-Figuren dazu führten, dass ein Lebensmittel ausgewählt, probiert und wiederholt positiv erlebt werde, könne daraus Vertrautheit und im besten Fall später eine eigene Präferenz für das Lebensmittel entstehen.

Aber Hoffmann fragt sich: „Was passiert, wenn wir Essen immer stärker von außen attraktiv machen – und was kann dabei unter Umständen verloren gehen?“ Kinder müssten lernen, was ihnen schmeckt, welche Konsistenz sie mögen, worauf sie gerade Appetit haben, wann sie hungrig, wann satt sind. „Diese Wahrnehmung eigener Körpersignale, Vorlieben und Bedürfnisse ist ein wichtiger Teil einer langfristig selbstbestimmten Essentwicklung“, sagt Hoffmann. Wenn Essentscheidungen immer stärker durch äußere Reize wie Paw-Patrol-Figuren, Belohnungen, Bewertungen oder das Label „gesund“ gelenkt würden, „besteht zumindest die Gefahr, dass diese eigene Wahrnehmung weniger Raum bekommt“, warnt sie.

Das Kind orientiere sich dann möglicherweise stärker an der Frage „Was soll ich wollen?“ oder „Was sieht besonders spannend aus?“ als an „Was möchte und mag ich eigentlich?“. Im ungünstigsten Fall verändert eine solche Aktion wie bei Lidl lediglich den Kaufreiz und nicht die Beziehung zum Lebensmittel. „Das Kind lernt dann weniger ‚Ich mag Äpfel‘ als ‚Ich möchte das Produkt, das mich emotional am stärksten anspricht‘. Verschwindet die Figur, verschwindet möglicherweise auch der zusätzliche Reiz.“

Ernährungspsychologin sieht in Paw-Patrol-Stickern bei Lidl ein „Paradox“

Laut Hoffmann müssten wir uns die Frage stellen, ob wir Kinder hauptsächlich dazu bringen wollen, die aus Erwachsenensicht richtigen Lebensmittel auszuwählen – oder ob wir ihnen ermöglichen, langfristig selbst gute Entscheidungen zu treffen. „Darin steckt für mich auch ein gewisses Paradox: Einerseits möchten wir Kinder darin stärken, Werbung und Marketing nicht einfach zu folgen. Allerdings freuen wir uns hier darüber, wie gut genau diese Mechanismen funktionieren – weil uns dieses Mal das beworbene Lebensmittel gefällt.“

Die Ernährungspsychologin würde deshalb nicht empfehlen, künftig überall einen Comic-Hund aufzukleben. „Wir sollten aufpassen, dass wir Kindern nicht indirekt vermitteln: Obst und Gemüse sind erst dann spannend, wenn wir sie genauso vermarkten wie Süßigkeiten.“ Paw Patrol könne ein Kind vielleicht zum Apfel bringen – ob daraus aber langfristig ein Kind wird, das Äpfel gerne isst und seine eigenen Bedürfnisse, Vorlieben sowie Hunger- und Sättigungssignale wahrnehmen kann, entscheide sich nicht anhand der Verpackung.

Carlucci sieht es ähnlich. Sie beschäftigt sich als CEO vom Food Campus Berlin tagtäglich mit der Zukunft der Ernährung und hätte am liebsten, dass wir Bananen einfach dafür feiern, wie lecker und gesund sie sind. „Oder saftige Blaubeeren zur Saison – das ist eines der schönsten sensorischen Erlebnisse“, sagt sie. Am Ende seien die Paw-Patrol-Sticker eine Marketingaktion. „Bei Ernährungsbildung würde man eher Geschichten rund um Obst und Gemüse erzählen: Warum ist die Banane krumm? Welche Tiere essen gerne Bananen? Wo kommt die Banane her? Wonach schmeckt sie?“

Sie erzählt von einer Supermarktkette aus Belgien, die Kindern erlaubt hat, Obst und Gemüse umzubenennen. „Die Karotten hießen dann zum Beispiel ‚Orange Raketen‘. Das hat sich dort in den Absatzzahlen gezeigt. Solch eine Aktion halte ich für nachhaltiger als eine Marketingkampagne im Rahmen eines neuen Kinofilms, die nach drei Wochen wieder vorbei ist.“ (Quellen: Linkedin, eigene Recherche, Contagious)