Neues Comic-Museum in Paris: der Fonds Enki Bilal
Mögen Comics auf dem Auktionsmarkt mittlerweile längst in Preisregionen vorgestoßen sein, die noch vor wenigen Jahren Großmeistern der Kunstgeschichte vorbehalten schienen, so hält sich die Zahl von Comicmuseen noch sehr in Grenzen. Und wenn es um solche geht, die einzelnen Autoren gewidmet sind, braucht es schon die für die jeweiligen Comic-Kulturen allergrößten Namen: Charles Schulz („Peanuts“) im kalifornischen Santa Rosa, Hergé („Tim und Struppi“) im belgischen Louvain-la-Neuve, Osamu Tezuka („Astro Boy“ und noch unendlich viel mehr) im japanischen Takarazuka. Ausnahmslos Provinz. Und alle Häuser erst postum entstanden.

Frankreich hatte als umsatzstärkste europäische Comic-Nation bislang nur das Tomi-Ungerer-Museum zu bieten. Immerhin in Straßburg. Und noch zu Lebzeiten Ungerers eingerichtet. Dafür allerdings einem Giganten der Cartoon-Kunst gewidmet, der sich nur gelegentlich an Comics versucht hat – was mittlerweile durch Sonderausstellungen wettgemacht wird, die sich dem Comicschaffen anderer Größen widmen (Catherine Meurisse zum Beispiel oder Anna Haifisch). Als das erste französische Personalmuseum für einen lebenden Comicautor darf somit der kürzlich eröffnete Fonds Enki Bilal gelten. In Paris.
Seine Bilderwelt stammt aus dem Jugoslawien der Kindheit
Wer ist Enki Bilal? Geboren 1951 als Enes Bilanović in Belgrad, folgte er mit Mutter und Schwester 1960 dem Vater, der zwar in der ersten Hälfte der Fünfzigerjahre der bevorzugte Schneider des uniformverliebten jugoslawischen Diktators Tito gewesen war, dem Land aber trotzdem lieber den Rücken gekehrt hatte; er emigrierte nach Paris. Das künstlerische Interesse der Familie in Frankreich (insbesondere für dessen Literatur) worde dann prägend für den ohne jede Kenntnis der dortigen Sprache in die neue Heimat gelangten Jungen. Doch er vergaß nie seine ersten neun Lebensjahre im noch schwer kriegsgezeichneten Belgrad. Dunkle Dekors mit Ruinenstädten und realsozialistischer Architektur sind typisch für die Comics von Enki Bilal, wie er sich als Künstler umbenannte.

Schon mit zwanzig stieß er zur Comiczeitschrift „Pilote“, wo er die Meister eines damals neuen Stils kennenlernte, der Phantastik mit Science Fiction mischte: Moebius, Druillet, Tardi. Die ersten zehn Jahre von Bilals Arbeit als Comiczeichner standen unter ihrem Einfluss – und in ihrem Schatten. Doch für sein von Pierre Christin geschriebenes Album „La Foire aux immortels“ (deutsch: „Die Geschäfte der Unsterblichen“) wählte er das Prinzip der Direktkolorierung: Bilal überließ die Farbgebung nicht mehr den Druckern, sondern kolorierte seine Tuschezeichnungen selbst, mit Gouache, Acryl oder Fettstiften. Und das in einer fahlen Palette, die aber immer wieder von starken, geradezu schreienden Farbakzenten durchbrochen wurde: Comics wie (Alb-)Traumvisionen. Mit den beiden Fortsetzungen dieses Bandes, besonders aber mit der zwischengeschobenen Einzelpublikation „Partie de chasse“ („Treibjagd“, auch nach einem Szenario von Christin) von 1983 etablierte sich Bilal binnen weiteren zehn Jahren als Superstar.
Wie Bilal zum Comicliebling des Kunstmarkts wurde
Die Plakativität seiner Form- und Farbwahl machte ihn überdies zur unverwechselbaren Marke; Bilal drehte in diesem Stil Spielfilme (insgesamt drei) und betätigte sich als Maler, der seine unverkennbaren Figuren auf große Formate brachte, die großes Geld einspielten – als erste Arbeiten eines Gegenwartscomiczeichners erlösten einzelne seiner Gemälde bei Auktionen mehr als 100.000 Euro. Zudem veränderte er mit den neuen digitalen Möglichkeiten der Bildbearbeitung seine Comic-Praxis: Bilal zeichnete von den späten Neunzigerjahren an keine ganzen Seiten mehr, sondern legte jedes Einzelbild als autonomes Werk an, um erst nach Anfertigung aller Motive im Rechner mittels Scans daraus die Albumseiten zu montieren. Das brachte ihm wiederum neue Möglichkeiten der Vermarktung: Bilal war auch der Erste, der alle Zeichnungen zu neuen Alben sofort bei deren Publikation versteigern ließ. Damit strich er weitaus mehr Geld ein, als die Verkäufe der Bücher selbst brachten.

Kein Wunder, dass er zum Liebling des Comic-Kunsthandels wurde, erst durch enge Bindung an das Pariser Auktionshaus Artcurial, dann an den Galeristen Jean-Baptiste Barbier. Der hatte nun die Idee zum „Fonds Enki Bilal“, der bewusst nicht Museum genannt wird, sondern eben „Sammlung“ oder „Bestand“. In den früheren Räumen einer Galerie im Pariser Marais-Viertel, dem aktuell populärsten Standort des Kunsthandels in der französischen Hauptstadt, sollen in halbjährlich wechselnden Ausstellungen Aspekte seines Werks präsentiert werden. Los geht es aktuell mit der wortspielerisch schön gewählten Schau „Le Fond de la forme“ (Die Grundlage der Form).

Zu sehen sind an die zweihundert Originale von Enki Bilal, darunter die vollständige Suite seiner 62 Illustrationen zum von Pierre Christin verfassten Bildband „Los Angeles – L'Étoile oublié de Laurie Bloom“ (1984), einer fiktiven Schauspielerinnenbiographie, die in Erzählton und Bildstimmung die späteren Filme von David Lynch vorwegnimmt. Und aus allen bekannten Werken sind repräsentative Einzelseiten oder Seiten für die späteren Einzel-Panels vertreten. Dazu ein Dutzend Gemälde und sogar zwei plastische Arbeiten: die Bronzebüste eines Bären, der Hammer und Sichel im Fell eingebrannt trägt (und den wieder wortspielerischen Titel „URS“: einmal als Anspielung auf „URSS“, die französische Abkürzung für die Sowjetunion, und dann auf „ours“, das französische Wort für Bär), sowie das erst jüngst für den Fonds entstandene Riesenselbstporträt „Auto-lui même“, eine Büste, deren mehrfach verpflasterter Kopf von drei Händen befühlt wird.
Nur ein Bruchteil all dieser Werke stammt aus dem Besitz des Künstlers selbst. Das Gros wurde von Privatsammlern zur Verfügung gestellt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mit dem Fonds Enki Bilal vor allem ein Durchlauferhitzer für den Comic-Kunstmarkt geschaffen worden ist. Dass Barbier als Präsident des Fonds fungiert und zugleich mit seiner Galerie die erste Adresse sein wird für Wiederverkäufer, passt da. Am Reiz des Gezeigten mindert das nichts. Aber an der Bedeutung, die diesem ersten Comic-Personalmuseum in Frankreich zugesprochen werden müsste, wenn es reinweg museale Absichten verfolgt hätte.
Enki Bilal – Le Fond de la forme. Im Fonds Enki Bilal, Paris; bis zum 1. November. Der Katalog, erschienen bei den Éditions Barbier, kostet 39,90 Euro.