Das Phänomen Tim Raue


Liebe Leserin, lieber Leser,

als ich Tim Raue das erste Mal begegnete, war ich vorsichtig. Äußerst vorsichtig sogar. Ich hatte den Job als Gastronomie-Redakteur erst wenige Monate vorher zusätzlich zu meinen Aufgaben in der Online-Redaktion übernommen und war gewarnt worden. Vor seiner aufbrausenden Art, dem harschen Ton.

Tim Raue, Steve Karlsch (Kulinarischer Direktor), Dominik Obermeier (Chefkoch), Bianca Zedler (Restaurantleitung) im Juli 2017 in der „Brasserie Colette“.

Tim Raue, Steve Karlsch (Kulinarischer Direktor), Dominik Obermeier (Chefkoch), Bianca Zedler (Restaurantleitung) im Juli 2017 in der „Brasserie Colette“.© Amin Akhtar | Amin Akhtar

Es war der 6. Juli 2017, das Morgenpost-Menü fand im August in der „Brasserie Colette“ in der Passauer Straße statt. Ich war pünktlich, Raue war schon da. Ich traf auf einen Menschen, den ich als „schnell“ bezeichnen würde. Er war hochkonzentriert – inzwischen weiß ich, dass er das immer ist –, fokussiert, effizient. Und schnell. Der Fotograf verspätete sich leider um rund 20 Minuten. Dabei erfuhr ich, dass er damals auch noch eines war: ungeduldig. Bei Raue, bei Tim mittlerweile, muss es schnell gehen, zack, zack, zack. Erst wenn alles läuft, effizient läuft, dann kommt das inzwischen legendäre „Yippiyayeah“ von seinen Lippen.

Raue beruhigte sich, indem er eine Flasche edlen Bourgogne öffnete, die er kurz vorher im nahen KaDeWe gekauft hatte, und ein Schlückchen trank. Ein Schnäppchen, wie er mir versicherte. Ich schielte auf das Etikett: Der Preis lag bei mehr als 200 Euro, wenn ich mich recht entsinne. Der erste Vertrauensbeweis war, dass ich nippen durfte. Natürlich war der Wein sensationell, und auch wenn ich schon damals ein klein wenig Ahnung von Wein hatte, so war er für mich doch ein Augenöffner.

Zum Glück kam kurz darauf der Fotograf, den Raue – wieder zum Glück – gut kannte, und so war die Verspätung verziehen. Tim legte los, alles verlief bestens, wir schieden in gutem Einvernehmen und ich dachte bei mir: „So schlimm, wie alle immer sagen, ist er nun wirklich nicht.“

Ein Morgenpost-Menü in 50 Minuten

Ist er auch nicht. Tim Raue ist klar im Denken und Handeln. Geradlinig, stringent, kein Wischi-Waschi. Das mag manche abschrecken, weil er nicht gerade als Smalltalker rüberkommt, ich liebe dagegen Effizienz und Menschen, die so zack, zack, zack „ticken“. Ein paar Monate später hatten wir erneut ein Morgenpost-Menü, im „Sra Bua“ im Adlon. Tim erschien in seiner blauen Kochuniform und in quietschpinken Sneakern. Ein Trendsetter: Ende 2017 galten die Schuhe noch als Turnschuhe und Stilbruch.

Dezember 2017 im „Sra Bua“: Restaurantmanager Shahab Jalali, Tim Raue, Chefkoch Daniel Marg (v.l.)

Dezember 2017 im „Sra Bua“: Restaurantmanager Shahab Jalali, Tim Raue, Chefkoch Daniel Marg (v.l.)© Amin Akhtar | Amin Akhtar

Das Gruppenfoto erledigte er wie ein Profi, dann ging es los. Raue fetzte durch das leere Lokal, servierte einen Gang nach dem anderen und sang dabei „It’s my life, it’s my lihife...“. Er stellte einen Rekord auf: Fünf Gänge pumpte er in 50 Minuten in mich hinein. Das hat bislang kein anderer Küchenchef geschafft. Die immer gleiche Begründung: „Ich muss in mein Restaurant.“

Ich mag Tim Raue einfach. So sehr, dass eine Kollegin mal sagte, ich sei ein „Fanboy“. Das mag auch daran liegen, dass ich ihm einiges zu verdanken habe. Als Corona über die Welt hereinbrach und sie komplett veränderte, so wie schon einmal die einstürzenden Wolkenkratzer des World Trade Centers, und alle Restaurants schließen mussten, da dachten wir, dass es wohl auf absehbare Zeit keine Morgenpost-Menüs mehr geben würde. Ende März 2020 musste das Menü in der „Fischerhütte“ abgebrochen werden, das geplante Menü im „Blend“ fiel aus. Am 2. November kam der zweite Lockdown, das Menü im „Schlosshotel“ fand genau einen Tag lang statt. Ich richtete mich darauf ein, dass es erneut keine Menüs geben würde.

Bis mein Handy klingelte. Verwundert schaute ich auf das Display: Tim Raue. „Alex, wir müssen etwas machen“, sagte er zu mir in meiner Erinnerung. „Tim, was willst Du machen? Dein Restaurant ist genauso zu, wie alle anderen“, entgegnete ich. Aber zu Tims Eigenschaften gehört auch Hartnäckigkeit. Er wolle das Morgenpost-Menü machen. Ich musste lachen. Ein Zwei-Sterne-Restaurant will ein Menü für damals noch 69,90 Euro ausrichten? Lächerlich. Aber Tim blieb hart. Als ich ihn nach dem Grund fragte, sagte er in meiner Erinnerung: „Alex, ich gehe kämpfend unter.“ Und als ich immer noch skeptisch war, wurde er wieder ungeduldig. „Kriegen wir das jetzt hin oder nicht?“ Ich erbat mir zwei Stunden Bedenkzeit.

Tatsächlich entwickelten wir unter dem Druck von Tim das Konzept, das das Menü rettete: vier Gänge, keine Weine, dafür Lieferung inklusive. Meine damalige Kollegin Annika Schönstädt durfte das Probeessen machen. Ich bestellte das Menü selbst auch – ja, ich habe dafür bezahlt wie jeder andere – und sein Souschef lieferte es persönlich. Das Morgenpost-Menü überstand den zweiten Lockdown ohne Ausfälle. Ohne Raue wäre das nicht passiert.

Morgenpost Menü

Tim Raue im Fernsehturm im Sommer 2025.© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Was ich ihm auch verdanke, ist meine augenblickliche Gesundheit. Bei unserem Treffen für das Morgenpost-Menü im Fernsehturm bemerkte ich, dass er stark abgenommen hatte. „16 Kilo“, sagte er und erzählte mir von den Vorteilen für seinen Körper. Und in seiner unnachahmlich charmanten Art sagte er mir, „ohne mir zu nahe treten zu wollen“, dass ich sicher auch einen BMI über 30 hätte und mal über die Abnehmspritze nachdenken sollte.

Ich fühlte mich nicht angefasst, sondern dachte viel darüber nach. Heute wiege ich 14 Kilogramm weniger, ohne Abnehmspritze, die habe ich mir nur in meiner Vorstellung verpasst. Mein Arzt sprach beim Anblick meiner Werte von einem „sensationellen Erfolg“. Danke dafür, Tim!

Es gab noch viele weitere denkwürdige Begegnungen, denn Raue ist auch ein Faszinosum, ein Mensch, der andere mit sich reißt und begeistert, der mit einer so hellen Flamme brennt, dass man manchmal geblendet die Augen schließen muss. Sonst könnte er wohl auch nicht so vieles machen, von „The Taste“ über „Herr Raue reist“ und so weiter und so fort.

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Für unsere Serie der Berliner Sterneköche hat sich Franz Michael Rohm mit Tim getroffen und erzählt hier die bewegende und bewegte Geschichte des berühmten Zwei-Sterne-Kochs.

Von Nizza an die Steglitzer Schloßstraße

Gesamtübersicht und Stadtgebiet mit Außenbezirken und Innenstadtbereich in Nizza in Provence-Alpes-Cote d'Azur, Frankreich

Luftbildaufnahme von Nizza und Umgebung. © picture alliance / ZB/euroluftbild.de | euroluftbild.de/Erich Meyer

Wenn Sie diese Zeilen lesen, dann bereite ich mich auf die Fahrt zum Flughafen vor, um nach Berlin zurückzukehren. Drei meist unbeschwerte Wochen an der Côte d’Azur sind vorbei. Ich verlasse einen Landstrich, der in mehrerer Hinsicht vom lieben Gott geküsst wurde. Das „Grand Bleu“, bei dem Himmel und Meer sich zu einem großen Blau vereinen, atemberaubende Landschaften, sympathische, sonnenverwöhnte Menschen und Produkte in den Supermärkten, von denen wir nur träumen können.

Vor wenigen Tagen waren wir bei einem Schulfreund meiner Frau in Nizza eingeladen. Er und sein Mann sind Hobbyköche und servierten uns kleine Köstlichkeiten auf ihrem breiten, aber nicht tiefen Balkon mit Blick auf die Baie des Anges. Dabei gab es auch Wassermelone mit Ziegenfrischkäse, dazu etwas Basilikum, Dill, Olivenöl, Salz und Pfeffer. Ganz schlicht, ganz naturbelassen. Die Qualität von Melone und Käse, dazu die wirklich geniale Kombination mit dem Dill haute mich vom Hocker. Es bewies mir die alte Weisheit, dass ein Gericht nur so gut sein kann wie die verwendeten Produkte.

Lunch Schloßstraße

Von der „Heißen Theke“ zu Mittag: Gastro-Abteilungsleiter vom „Edeka Center No. 1“, Andy Schiff, mit Krustenbraten, Speckbohnen und Spätzle. © Manuela Blisse | Manuela Blisse

In Berlin sind wir damit leider nicht verwöhnt. Aber wer ein wenig sucht, der wird auch fündig, meist auf Wochenmärkten. Und auch an der Steglitzer Schloßstraße gibt es Köstlichkeiten zu entdecken. Wie Sie ja wissen, lebe ich dort in der Nähe, und als mir meine Kollegin Manuela Blisse vorschlug, das Lunchangebot an der Einkaufstraße zu beschreiben, da sagte ich sofort zu. Zum einen, weil ich gerne Werbung für den häufig aus Mitte und Prenzlauer Berg geschmähten Berliner Südwesten mache, zum anderen aus eigennütziger Neugier. Betroffenheitsjournalismus nennt man das übrigens.

In jedem Fall hat sie ein paar Tipps für Sie gesammelt, die Sie bei Ihrem nächsten Einkaufsbummel ausprobieren können. Viel Spaß damit.

Damit verabschiede ich mich für heute von Ihnen. Nächste Woche erfahren Sie schon, was es beim Morgenpost-Menü im August gibt. Ich glaube, ich verspreche nicht zu viel, wenn ich sage, dass es ganz sicher großartig werden wird – auch wenn ich es erst am Montag kosten darf. Der Besitzer und Küchenchef sowie seine Partnerin liegen mir ähnlich am Herzen wie Tim Raue. Ihnen wünsche ich viel Erfolg bei der Suche nach wirklich guten Produkten, bei einem entspannten Lunch an der Schloßstraße oder auch bei einem Besuch in einem der Restaurants „by Tim Raue“. Und natürlich wie immer eine genussvolle Woche.

Herzlich, Ihr

Alexander Uhl

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