Das Warten auf Godot bei Impulstanz
Spezial
Das Warten auf Godot bei Impulstanz
Maguy Marins "May B" ist seit den 1980er-Jahren eine der bedeutendsten europäischen Choreografien: Bei Impulstanz im Volkstheater ist jetzt zu sehen, warum
Ein Tanzstück, das 45 Jahre nach seiner Uraufführung nicht nur nichts an Aktualität eingebüßt hat, sondern neu an Brisanz zulegt, ist eine echte Seltenheit. Das große May B der Französin Maguy Marin kommt zurück zu Impulstanz, wo es zuletzt im Jahr 2009 zu sehen war.
Das Ende der Winterreise von Franz Schubert, Der Leiermann, steht am Anfang dieser Darstellung einer Vorhölle: "Barfuß auf dem Eise / Wankt er hin und her / Und sein kleiner Teller / Bleibt ihm immer leer", heißt es da. Zielstrebig naht der Tod, und die zehn Figuren in May B scheinen auf ihn zu warten. Deutlich ist den gekalkt wirkenden, staubenden Gestalten ihre Nähe zu Samuel Beckett anzumerken, den Marin immer als direkten Einfluss auf ihr Werk benannt hat.
So tauchen hier Figuren aus Warten auf Godot auf, zum Beispiel ein gewisser Pozzo mit seinem Diener Lucky an der Leine. Mit Genuss entwickelt Marin Becketts existenzialistische Metaphern weiter. Franz Schuberts Der Tod und das Mädchen erklingt, Lucky tanzt einen Netztanz. Der passt wie maßgeknüpft zu den skurrilen Mumien von May B, die sich in einer Reuse verfangen zu haben scheinen, aus der es kein Entrinnen gibt.
Kommentar zur Gesellschaft
Ein haltlos machendes "maybe" – "Er könnte vielleicht zuerst tanzen und dann denken" (Estragon) – treibt Becketts Figuren zu allerlei Kapriolen an. Doch ihre Spiele wirken löchrig, wie zerrissene Erinnerungen. Bei Maguy Marin driften die Gestalten orientierungslos zu Klängen von Marschmusik und dem Gequäke einer Jahrmarktskapelle in ihren Zeitschleifen, drängen aneinander, schielen umwerfend ratlos in ihre Unterhosen.
Selbstverständlich ist May B von Anfang an ein Kommentar zur Gesellschaft gewesen. Haben doch die 1980er-Jahre im Tanz den Abschied vom Existenzialismus und den Beginn eines boomenden Hedonismus eingeleitet, der während der 1990er in einen "Semiotic Turn" mündete. Diese Wende hat sich ab den Zehnerjahren ideologisch überladen und, wie soll man es besser sagen, überdreht. May B hingegen ist gültig geblieben. (Helmut Ploebst)
Erdrückende Umstände des Frauseins
Die Struktur von Maldonne ist einfach. Eine Szene folgt auf die nächste, Übergänge werden schlichtweg durch Kostümwechsel markiert. Fünf Tänzerinnen tragen insgesamt vierzig verschiedene Kleider: Vom Nachthemd über die Schürze bis zu bodenlanger Abendrobe und Hochzeitskleid. Doch dann werfen sie ihre Körper zu Boden, rappeln sich mühselig wieder auf. Die markant eindringliche Tanzsprache von Leïla Ka hat ihre Wurzeln im Urban Dance, einer Form, in der sich die französische Newcomerin bereits mit sechzehn Jahren ihren Weg bahnte. Selbst ohne offizielle Ausbildung war Ka erst als Performerin tätig, heute ist sie Choreografin für Musikerinnen wie etwa Beyoncé. Maldonne ist ihr erstes Gruppenstück.
Aus der seidenen Materialität der Kleider wird schnell etwas Bedrohliches, Gewaltvolles, Peitschendes. Zusammen mit der Intensität der Bewegungen kristallisiert sich aus dem lieblichen Setting von Maldonne ein Ringen um Freiheit heraus. Seien es Stereotype, Missbrauch oder Ungerechtigkeiten: Dieses Stück führt einen feministischen Kampf gegen erdrückende Umstände des Frauseins. Es zeigt gleichzeitig Zerbrechlichkeit und Widerstand seiner Protagonistinnen, die vielen Kostüme stellen eine Vielfalt weiblicher Identitäten dar, die sich an den herrschenden Missständen abmühen. (Helene Slancar, 20.7.2026)
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