24 Punkte trennen den EHC Kloten von den ZSC Lions – und Welten im Budget


Den EHC Kloten und die ZSC Lions trennen nicht nur mehrere Millionen Franken im Budget, sondern nach zwölf Runden bereits sagenhafte 24 Punkte

Das bemitleidenswerte Schlusslicht Kloten verliert in Lausanne 2:5, es ist die zehnte Niederlage in den letzten elf Partien. So schlecht ist Kloten seit dem Abstiegsjahr 2017/18 nie mehr in eine Saison gestartet.

18.10.2026, 01.12 Uhr

4 Leseminuten

Aktualisiert


Muss die nächste Niederlagenserie moderieren: Klotens Trainer Michael Linger.

Muss die nächste Niederlagenserie moderieren: Klotens Trainer Michael Linger.

Patrick B. Kraemer / KEYSTONE

1976 hat das NFL-Team Philadelphia Eagles in der Stunde der sportlichen und finanziellen Not «Open Try-Outs» durchgeführt. Öffentliche Probetrainings auch für jene, die trotz Bauchansatz und fehlender Athletik jedes Wochenende glauben, dass sie es besser könnten. Verblüffenderweise schaffte es mit Vince Papale tatsächlich ein Teilnehmer ins Kader, ein 30-jähriger Barkeeper und Hilfslehrer, dessen Geschichte 2006 im Disney-Streifen «Invincible» verfilmt wurde.

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Nun hat die Herbstdepression des EHC Kloten vielleicht noch nicht ganz dieses Level angenommen. Aber viel kann nicht mehr fehlen, bis der Sportchef Ricardo Schödler in der Swiss-Arena einmal prüft, ob vielleicht aus der Bevölkerung jemand seinem schlingernden Team temporär aushelfen könnte. Kloten ist Letzter, am Samstag in Lausanne setzte es die zehnte Niederlage aus den letzten elf Partien, 2:5. Das Schlusslicht schaffte dabei das Kunststück, zur Spielmitte während der gleichen Zweiminutenstrafe zwei Shorthander zu kassieren. Der Gastgeber derweil frohlockte nicht nur des Sieges wegen., sondern auch aufgrund der Kunde, dass der Nationalstürmer Philipp Kurashev sich den von einem Milliardär alimentierten Waadtländern vorerst bis zum Saisonende anschliesst. Man darf davon ausgehen, dass Kurashev, 26, alleine mehr verdient als in Kloten der ganze vierte Block zusammen – inklusive Verteidiger.

In Rapperswil ist die Erklärungsnot grösser

Kloten hat sich schon lange von der Illusion verabschiedet, sich auf dem Transfermarkt im obersten Regal bedienen zu können, die Mittel erlauben nur Einkäufe auf dem Wühltisch. Und doch: Einen so finsteren Herbst hätte niemand für möglich gehalten, nicht nach den für Klotener Verhältnisse namhaften Zuzügen, zu denen auch der bis anhin glücklose Meistergoalie Reto Berra gehört. Der Klub hat sein Kader aufgewertet, aber es ist schmal geblieben, weil es an Geld fehlt. Bis zu acht Stammspieler haben in dieser Anfangsphase verletzt gefehlt, selbst deutlich besser situierte Klubs wie Davos, Gottéron oder Lausanne würde das arg in die Bredouille bringen.

In Kloten führte es zu einer Luvabdeckung, dem Fachbegriff dafür, wenn Wind aus dem Segel genommen wird, wie alte Seebären wissen. Die Mannschaft war in den letzten Wochen nur selten kompetitiv. Die Krise ist mit den gewichtigen Absenzen, darunter dem designierten Erstliniencenter Brandon Gignac, schnell erklärt. Sie hat vor dem Wochenende intern entsprechend nicht für übermässige Unruhe gesorgt. Zumal es in der Liga Mannschaften in grösserer Erklärungsnot gibt, etwa die Rapperswil-Jona Lakers, die nur zwei Punkte mehr als Kloten gesammelt haben, die Baisse aber nicht mit gewichtigen Absenzen begründen können. Der unter Beschuss geratene Lakers-Coach Johan Lundskog versuchte am Samstag Kevin Labanc (31), seinem bisher mit 4 Skorerpunkten aus 12 Partien bitter enttäuschenden Zuzug mit langer NHL-Vergangenheit, einen Denkzettel zu verpassen, indem er ihn als 13. Stürmer aufstellte. Dennoch setzte es gegen das ebenfalls miserabel gestartete Biel die nächste Niederlage ab.

Bei den Lakers dürfte die Nervosität zunehmen, und in Kloten ist das ebenfalls der Fall. 9 Punkte aus den ersten 13 Partien, das ist die schlechteste Bilanz seit 2017/18. Damals hatte Kloten zum gleichen Zeitpunkt drei Zähler weniger gesammelt, in jener denkwürdigen Saison, die im Abstieg in die Swiss League endete.

Zwar stellt der Präsident Jan Schibli klar, dass er nichts von Aktionismus halte und «jetzt sicher nicht die Nerven verlieren» werde. Aber der Auftritt beim 0:5 am Freitagabend gegen Ambri hat ihm zu denken gegeben. Er sagt: «Wenn manche Zuschauer das Stadion schon vor dem Abpfiff verlassen, dann ist das die ultimative Demütigung. Ich erwarte von der Mannschaft und vom Coaching-Staff mehr.» Letzteren führt Michael Liniger an, ein empathischer, aufgeweckter, junger Coach mit Potenzial, der innert Jahresfrist die zweite schwere Krise einer von ihm betreuten Mannschaft moderieren muss. Im Januar wurde er in Zug nach zehn Niederlagen am Stück entlassen. In Kloten konnte er diesen Meilenstein dank einem Sieg in Davos vor Wochenfrist abwenden, aber Stalkingvorwürfe wird er der Glücksgöttin Fortuna 2026 nicht mehr machen.

Die ZSC Lions bauen ihren eindrücklichen Startrekord aus

Liniger, 46, ist um seinen Job nicht zu beneiden. Es liegt nicht am Trainer, dass dieses Kollektiv kaum Punkte holt, sondern an der eklatant mangelnden Substanz eines stark ersatzgeschwächten Kaders. Das Team weiss das, der Sportchef, der Präsident, der Verwaltungsrat. Und doch steigt der Druck unerbittlich, Geduld ist im Profisport ein flüchtiges Gut. Kloten hat ohnehin schon die mit einigem Abstand tiefste Stadionauslastung der Liga. Wenn die Chancen auf eine Play-In-Platzierung schon dahin sind, ehe im Hardwald die Blätter gefallen sind, wird der Winter auch finanziell hart.

Der Schnellschuss-Gegner Schibli sagt, er hoffe auf eine Beruhigung der sportlichen Situation bis zur Nationalmannschaftspause Anfang November. Eine Entlassung scheint heute und morgen kein Thema zu sein – weil mutmasslich auch Anders Eldebrink und Wladimir Jursinow in der Blüte ihres Schaffens derzeit nicht mehr aus dieser Equipe herausholen könnten. Und Liniger bis 2028 unter Vertrag steht.

Diametral anders präsentiert sich die Gefühlslage beim Kantonsrivalen ZSC Lions. Kloten und den ZSC trennen nicht nur mehrere Millionen Franken im Budget, sondern nach zwölf Runden bereits sagenhafte 24 Punkte – der ZSC hat sogar eine Partie weniger absolviert. Die Zürcher bauten mit einem 5:1 in Davos ihre unheimliche Siegesserie auf zwölf Spiele aus, besser ist noch nie ein Team in eine National-League-Saison gestartet. Das Team des im Sommer verpflichteten langjährigen NHL-Trainers Claude Julien scheint in diesen Tagen übers Wasser wandeln zu können, der ZSC gewinnt auch dann, wenn er nicht die bessere Mannschaft ist; die Tore fallen derzeit aus allen Lagen. Am Dienstag wird der HCD in Zürich den nächsten Anlauf nehmen, die Phalanx des Rivalen zu brechen. Im Tor dürfte dann wieder Sandro Aeschlimann stehen, der am Samstag geschonte Torhüter. Diesem hatte der ZSC-Goalie Simon Hrubec zuletzt in einem Blogbeitrag unverhohlen Ausrüstungsbetrug vorgeworfen. An Motivation wird es den Davosern in der Swiss-Life-Arena nicht fehlen.

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