Der SPD droht in Sachsen-Anhalt das Aus
Stand: 09.08.2026, 18:25 Uhr
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Bei der Landtagswahl könnte die Partei an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Generalsekretär Tim Klüssendorf ist zur Wahlkampfhilfe unterwegs – und trifft auf Frust in den eigenen Reihen.
Auf dem Marktplatz in Wittenberg ist an diesem Samstagvormittag einiges los. Ein paar Sportvereine haben sich vor dem Rathaus versammelt. Man erkennt sie gut an den einheitlichen T-Shirts. Sie bilden einen Sprechchor, der dem Hochzeitspaar gilt, das gerade zum Haupteingang herauskommt. Es ist der 8.8. – Schnapszahl halt; da gibt es heute eben Trauungen im Halbstundentakt.

An der anderen Ecke des Marktplatzes ist es ruhiger. Hier kommen kurz nach zwölf einige Freiwillige der SPD und bauen ihren Infostand auf. Heute sollen sie von 12.30 Uhr bis 14 Uhr Flyer verteilen. Tina Führer bereitet die Flugblätter mit ihrem Konterfei und dem Slogan „Für unsere Heimat Sachsen-Anhalt“ vor: An Kugelschreiber geklemmt, kommen sie in einen Bottich. So bringt man heutzutage die Politik unters Volk – möglichst kurz und mit Mehrwert.
Die SPD zittert um den Wiedereinzug in den Landtag bei der Wahl in Sachsen-Anhalt
Die 39-Jährige kandidiert bei der Landtagswahl für den Wahlkreis 24, dazu gehören die Stadt Wittenberg und die Gemeinde Zahna-Elster. Sie hat gute Chancen, ins Parlament einzuziehen, sieht die Lage der Partei aber eher nüchtern. „Eigentlich wollten wir in Sachsen-Anhalt ein zweistelliges Wahlergebnis erzielen“, sagt sie. „Das werden wir sicherlich nicht erreichen.“ Vor fünf Jahren sackte die SPD landesweit auf 8,4 Prozent ab. Jetzt gibt es Umfragen, wonach sie an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern können.
Die Partei braucht jede Unterstützung, die sie kriegen kann. Daher steht an diesem Samstag auch SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf mit auf dem Marktplatz in der prallen Sonne, diskutiert mit jungen Leuten, verteilt Flyer und macht Selfies. Er ist ein paar Tage unterwegs, um die Genossinnen und Genossen vor Ort zu unterstützen. Am Nachmittag geht’s weiter nach Quedlinburg, am Vortag war er in Halle.
Keine einfachen Termine: Beim Haustürwahlkampf etwa wurden der kleinen Gruppe um Klüssendorf sogar Schläge angedroht. Auf Wittenbergs Marktplatz bleibt es friedlich; obwohl Samstag ist, „steppt hier nicht gerade der Bär“, wie eine schwäbische Touristin sagt. Der SPD-Trupp bleibt längere Zeit unter sich. Über die Verstärkung aus Berlin sind nicht alle begeistert. Eine Genossin kritisiert im Gespräch mit Klüssendorf die Parteiführung. „Dass du hier bist, finde ich aber gut“, setzt sie hinzu.
Am Freitagabend in Halle klang das noch etwas anders. Dort wurde Klüssendorf in der SPD-Geschäftsstelle erwartet, um über den Sozialstaat, die Rente und die Unbezahlbarkeit des Alltags zu sprechen. 500 SPD-Mitglieder hat die Stadt, gerade mal 30 von ihnen sind gekommen, um den Generalsekretär zu hören. Unter ihnen sind auch zwei Genossinnen aus Köln, die zur Wahlkampfhilfe angereist sind, ein junges Paar aus Braunschweig und eine ältere Frau, die ihren Rentenvorbescheid bekommen hat und erschüttert ist, dass ihr so vieles, was sie gemacht hat gar nicht oder nur gering angerechnet wird.
SPD-Bundespolitiker auf Wahlkampftour in Sachsen-Anhalt – „Ich will die alle hier nicht haben“
„Ich will die alle hier nicht haben“, sagt ein führender Genosse der Stadt der Frankfurter Rundschau vor der Veranstaltung über die Bundesspitze. Am selben Tag war ein Brief aus dem SPD-Unterbezirk Groß-Gerau in Hessen an die Parteiführung bekanntgeworden – Tenor: „Die Wut wächst.“ So ähnlich formulieren es auch die Parteimitglieder in Halle, wenn man sie fragt.
Dann geht es aber doch recht harmonisch anderthalb Stunden um die Zwänge der SPD in der Regierung. Natürlich wolle man viel mehr vom eigenen Programm umsetzen, sagt Klüssendorf, als kleinerer Koalitionspartner könne man da aber nicht viel machen. „Wir machen das aber auch, weil es gewisse Rahmenbedingungen gibt, die man nicht leugnen kann“, sagt er. „Wir haben seit fünf Jahren kein Wachstum, die Kommunen haben alle kein Geld in den Kassen. Der Druck ist riesig.“
Das geplante Rentenpaket, das SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas ja als „Gesamtkunstwerk“ ansieht, wird dabei ebenfalls aufgeschnürt. 45 Jahre Rentenbeiträge zahlen sei genug, befindet ein Zuhörer. Klüssendorf stimmt ihn auf den womöglich angestrebten Kompromiss ein: „Es kann natürlich sein, dass wir am Ende bei 47 Beitragsjahren landen.“ Er sagt aber auch, dass viele in der SPD-Fraktion zurückhaltend seien und die Rentenvorschläge in ihrer Gesamtheit umsetzen wollten.
Auf dem Marktplatz in Wittenberg geht es um den Nahost-Konflikt und ob Israel in Gaza einen Völkermord begeht. Dann zieht das nächste Hochzeitspaar vorbei. Das Rathaus ist begehrt, weil es ein schönes Trauzimmer hat, sagt Reinhard Rauschning. Der 72-Jährige ist seit 1994 Stadtrat und steht der SPD-Fraktion vor. Die ist auch hier in der Minderheit. Stärkste Fraktion ist die AfD. Rauschnigg hält wenig von Brandmauern. Das habe seinerzeit bei der PDS nicht funktioniert und werde nun auch bei der AfD auf Dauer nicht klappen. „In der DDR hieß es immer, dass nichts sein kann, was nicht sein soll“, sagt er und lacht. Ist ja schon mal schiefgegangen.
Aktuell hat die SPD aber andere Probleme. Die Zahl der Plakate für die Parteien ist vorgeschrieben und orientiert sich am letzten Wahlergebnis. Riesennachteil für die SPD, Riesenvorteil für die AfD. Letztlich ist das vielleicht aber auch egal – Alexander Riedle, SPD-Kandidat im Wahlkreis 25, hat schon seine Bilanz: „40 Plakate aufgehängt, 40 Plakate über Nacht abgerissen.“ Er zuckt die Schultern. So sieht’s aus in Sachsen-Anhalt.