Deutsche Unternehmen und Klimaschutz: Eine Bayer-Welt wäre 7,5 Grad heißer
Ein neuer Bericht zeigt: Nicht nur die Bundesregierung bremst Klimaschutz, auch deutsche Unternehmen verlangsamen ihre Transformation. Die Pariser Klimaziele erreichen sie nicht.
Foto: Oliver Berg/picture alliance
Immer weniger börsennotierte Unternehmen in Deutschland sind auf dem richtigen Weg, um das Pariser Klimaziel einzuhalten. Das geht aus dem WhatIf-Bericht der Unternehmensberatung Right hervor, der am Donnerstag veröffentlicht wurde.
Demnach sind nur noch 26 statt 28 der 71 untersuchten Unternehmen auf Kurs, die Erderhitzung auf 1,7 Grad zu begrenzen – so legt Right das in Paris vereinbarte Ziel aus, den globalen Temperaturanstieg auf jeden Fall unter 2 Grad und möglichst unter 1,5 Grad zu halten.
Für ihren Bericht wertet Right die Nachhaltigkeitsberichte börsennotierter Unternehmen aus. Davon ausgehend wird berechnet, wie viel CO₂ die Firma pro Euro Bruttowertschöpfung ausstößt – die sogenannte Emissionsintensität. Ein Abgleich mit den Klimaneutralitätspfaden der Internationalen Energie-Agentur IEA für den jeweiligen Sektor ergibt dann, in welchem Tempo diese Emissionsintensität bis 2050 schrumpfen muss.
So lassen sich Unternehmen über Sektoren hinweg vergleichen: Ein Software-Entwickler produziert zum Beispiel weniger CO2 als ein Stahl-Hersteller. Und er hat es auch leichter, seinen CO2-Ausstoß noch weiter zu senken. Klimaneutral werden müssen aber beide. Der WhatIf-Bericht misst nun, wie schnell die jeweiligen Unternehmen im Vergleich mit ihrer Branche aktuell sind. Übersetzt wird das in konkrete Grad-Celsius.
Bayer kritisiert die Methodik
„Möglich wird das nur wegen der Nachhaltigkeitsrichtlinie der EU“, sagt Hannah Helmke, Gründerin von Right. Diese Richtlinie verpflichtet Unternehmen, Klimadaten offenzulegen, wurde von der EU-Kommission aber auf Druck von Lobby-Organisationen abgeschwächt.
Der größte Chemiekonzern der Welt, BASF, ist laut WhatIf-Bericht zum Beispiel auf 4,6 Grad-Kurs. Das heißt: Hätten sich die Klimaschutz-Bemühungen jedes Unternehmens in den vergangenen Jahren so entwickelt, würde sich die Erde um 4,6 Grad erhitzen. Noch schlimmer: 2022 war BASF laut Right noch auf 3,9-Grad-Kurs, der Konzern hat sich also von einem ohnehin schlechten Pfad noch verschlechtert.
BASF verweist darauf, dass die Wertschöpfungsketten von Chemieunternehmen zu unterschiedlich seien, um sie aussagekräftig miteinander vergleichen zu können.
Auch der Pharmariese Bayer sticht negativ hervor: Er ist sogar auf 7,5 Grad-Kurs. Auf taz-Anfrage mahnt der Mischkonzern aber, ihn nicht mit anderen Pharma-Unternehmen zu vergleichen, wie Right es tut: „Die vom Pharmasektor sich stark unterscheidenden Rahmenbedingungen der Agrarindustrie werden dabei außer Acht gelassen“, sagt ein Sprecher. Bei anderen Agenturen erhalte Bayer bessere Noten.
RWE als Vorbild?
Welche Klimaziele sich die Unternehmen gesetzt haben, hat offenbar wenig damit zu tun, wie weit sie tatsächlich mit ihrer Dekarbonisierung sind: 37 Prozent der untersuchten Unternehmen mit Paris-konformem Ziel sind auf Paris-Kurs, aber auch 36 Prozent der Unternehmen ohne ein solches Ziel halten die 1,7-Grad-Grenze ein.
Zu den Unternehmen mit Paris-Tempo gehören zum Beispiel Adidas, der Chiphersteller Infineon und Siemens, das sich 2020 vom Gasturbinen-Hersteller Siemens Energy getrennt hat. Auch der Energiekonzern RWE hat sich vorbildlich entwickelt – wobei hier die Grenzen des Berichts sichtbar werden.
Denn die Methodik wurde zwar von Wissenschaftler*innen überprüft und wird unter anderem von der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde genutzt. Aber sie bildet nicht ab, dass RWE beim Bundeswirtschaftsministerium für fossile Gaskraftwerke und gegen klimafreundliche Batteriespeicher lobbyiert hat. Auch dass RWE seit Jahrzehnten extrem klimaschädliche Kohle zur Stromerzeugung verbrennt und deshalb laut dem Projekt CarbonMajors allein 0,37 Prozent zum globalen CO2-Ausstoß beigetragen hat, wird im Bericht nicht abgebildet.
„RWE hat zwar in den vergangenen Jahren viele Kohlekraftwerke abgeschaltet, baut aber in den USA sein Gasgeschäft aus“, sagt Helmke. „Wir müssen schauen, ob der Konzern auf Kurs bleibt.“
Wer ganz fehlt im WhatIf-Bericht, sind Banken. Die Finanzhäuser legen nicht offen, wie viele CO2-Emissionen sie mit ihren Krediten ermöglichen – also lässt sich auch ihr Beitrag zum Klimaschutz nicht messen. Einem Bericht der NGO Urgewald zufolge hat aber zum Beispiel die Deutsche Bank ihr Geschäft mit fossilen Konzernen um fast 20 Prozent ausgeweitet.
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