Die 3 Typen von ADHS: Nicht alle sind der klassische „Zappelphilipp“


Circa drei bis fünf Prozent der Menschen in Deutschland sind von der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (kurz: ADHS) betroffen. Es handelt sich dabei um eine „zerebrale Entwicklungsstörung“, also eine neurologische Erkrankung, die vor, während oder kurz nach der Geburt entsteht. Eine genetische Veranlagung gilt als eine wahrscheinliche Ursache, doch auch das Umfeld kann Einflüsse auf die verschiedenen Ausprägungen von ADHS haben.

Klinisch wird zwischen drei verschiedenen ADHS-Typen differenziert. Dr. Kirsten Stollhoff arbeitet seit über 40 Jahren als Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Neuropädiatrie und Sozialpsychiatrie in Hamburg. Gemeinsam mit Prof. Dr. Thomas Ethofer, Oberarzt im Universitätsklinikum Tübingen und Leiter der Spezialsprechstunde „ADHS im Erwachsenenalter“, erklärt sie im Interview, inwiefern sich die drei ADHS-Typen unterscheiden und mit welchen Schwierigkeiten sie verbunden sind.

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ADHS Typ 1: kombiniertes ADHS

Es wird zwischen drei Hauptmerkmalen von ADHS unterschieden, deren unterschiedliche Ausprägung den entsprechenden Typus ergeben. Dazu gehören:

Bei der Diagnose von ADHS gibt es laut Prof. Ethofer jeweils neun Symptome aus dem Bereich Aufmerksamkeitsstörung einerseits und dem Bereich Hyperaktivität/Impulsivität andererseits. Der Typ 1 – auch kombiniertes ADHS genannt – ist dabei der wohl auffälligste Typus. Den „klassischen Zappelphilipp“ nennt ihn Fachärztin Stollhoff. Er gilt als Hauptvariante und ist wissenschaftlich am besten erforscht.

Um den kombinierten Typus, also das „klassische ADHS“ zu diagnostizieren, müssen in beiden Kategorien mindestens sechs Symptome erfüllt sein, wodurch Betroffene dem höchsten Leidensdruck ausgesetzt sind. „Die, die am meisten leiden, sind Menschen mit kombiniertem ADHS. Deshalb sind das auch die Patienten, die typischerweise an den Therapiestudien teilnehmen“, erklärt Ethofer.

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ADHS Typ 2: ADHS ohne Hyperaktivität

Eine differenzierte Gruppe ist das sogenannte ADS, also eine Aufmerksamkeitsstörung, die sich weder durch besondere Hyperaktivität auszeichnet noch auffällig impulsiv ist. „Im wissenschaftlichen Bereich nennt man alles ADHS, in dem Fall Typ 2 ohne Hyperaktivität“, so Frau Dr. Stollhoff.

Mädchen seien häufig nicht hyperaktiv, sondern eher von Typ 2 betroffen. „Sie kommen an ihre Grenzen, sind permanent überfordert und leiden an psychosomatischen Beschwerden, beispielsweise Kopf- oder Bauchschmerzen.“ Auch sind sie laut Stollhoff häufig von starken Stimmungsschwankungen betroffen, „weil sie gar nicht mehr die Energie haben, sich selbst zu kontrollieren. Ihre Gedanken wandern ständig woanders hin.“ Überraschenderweise bildet dieser Typ 2 ohne Hyperaktivität den häufigsten ADHS-Typus, berichtet Ethofer. Klinisch seien Betroffene jedoch weniger relevant, da der Leidensdruck nicht so hoch sei wie bei Menschen mit kombiniertem ADHS.

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ADHS Typ 3: Impulsivität steht im Vordergrund

Der Typ 3 kommt in seiner Ausprägung seltener vor als die beiden anderen Formen. Betroffene sind überwiegend hyperaktiv und besonders impulsiv, zeigen jedoch keinerlei oder kaum Probleme mit mangelnder Aufmerksamkeit. Typische Ausprägungen: Wutanfälle und mangelnde Impulskontrolle. „Sie sehen etwas ganz Spannendes auf der anderen Straßenseite und wusch, sind sie da“, weiß Stollhoff.

Diese Form von ADHS wird gelegentlich mit ähnlich impulsiven Persönlichkeitsstörungen verwechselt – etwa mit Borderline, aber: „Bei Borderline ist eine viel ausgeprägtere emotionale Dysregulation und auch Autoaggression dabei. Menschen mit ADHS Typ 3 können sich nicht bremsen, ihre Aggression wendet sich aber nicht nur gegen sich selbst, sondern auch gegen andere“, so die Fachärztin. Borderline und ADHS Typ 3 existieren teils überlappend, werden jedoch differenzialdiagnostisch unterschieden.

Behandlung von ADHS: Medikamente und weitere Intervention

Trotz der unterschiedlichen ADHS-Typen verläuft die Behandlung in der Regel immer gleich. „Was evidenzbasiert wirklich einen Effekt hat, und ich spreche für Erwachsene mit ADHS, ist im Wesentlichen die Medikation. Das ist überwiegend für den kombinierten Typus untersucht. Es gibt keine differenziellen Empfehlungen für die beiden anderen Varianten“, betont Facharzt Prof. Ethofer.

ADHS belastet den Familienalltag

Dem stimmt auch Dr. Stollhoff zu, die sich auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen spezialisiert hat: „Ein ganz wesentlicher Baustein für die Therapie, und das, was ehrlicherweise auch am wirksamsten ist, gerade was die Konzentrationsfähigkeit und die Aufmerksamkeit betrifft, das sind die Medikamente.“ Sie greifen in das neurobiologische Störungsbild ein und tragen zur Funktionsfähigkeit bestimmter Netzwerke bei, wodurch Betroffene Reize besser filtern und priorisieren können. Stollhoff: „Was ist wichtig, was ist nicht wichtig? Was fange ich an und wie bringe ich es zu Ende? Das wird durch Medikamente besser gelenkt.“

Für ebenso wichtig hält die Fachärztin jedoch die sogenannten psychoedukativen Maßnahmen – das heißt Aufklärung, Intervention und Nachteilsausgleiche, etwa für betroffene Kinder in der Schule. „Die Eltern und das Umfeld müssen mehr Wissen über ADHS haben. Wenn sie verstehen, dass das nicht Kinder sind, die bösartig sind, dass es nicht einfach eine fehlerhafte Erziehung ist, dass die Kinder nicht dumm oder faul sind, das ist der erste Schritt.“ Es sei dann möglich, bestimmte Situationen frühzeitig zu erkennen, die für Kinder, aber auch für Erwachsene mit ADHS, eine Überforderung darstellten. „Dann kann man das Umfeld optimieren.“

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Die gute Nachricht: „Als ich noch studiert habe, wurde ADHS als Kinder- und Jugendkrankheit definiert“, erzählt Prof. Ethofer. „Mit dem 18. Lebensjahr war man also definitionsgemäß gesund. Das ist nicht der Fall, aber die Symptome nehmen im Laufe der Zeit tendenziell ab. Etwa die Hälfte derjenigen, bei denen ADHS im Kinder- und Jugendalter diagnostiziert wurde, haben die Störung im Erwachsenenalter nicht mehr.“ ADHS ist demnach eine Erkrankung, die „auf eine gewisse Art und Weise selbst ausheilt“.