Die Finals in Hannover: Mit Leichtigkeit in den Sommer


Nach zwei brillanten Wettkämpfen blickte Helen Kevric noch einmal zurück auf die dunklen Tage, an denen sie beinahe den Glauben an eine erfolgreiche Rückkehr verloren hätte. „Nur wenige Menschen können verstehen, wie schwierig solch eine Situation ist“, sagte sie. Für einen Moment schien es, als durchlebe die junge Turnerin noch einmal die bitteren Stunden nach ihrer schweren Knieverletzung, die bangen Tage, an denen nichts voranging, an denen sie mühsam wieder laufen lernen musste.

Bei den Finals, dem großen nationalen Sportfestival in Hannover, gewann sie die Leichtigkeit wieder: Zuerst sicherte sie sich mit einer Weltklasseübung den deutschen Meistertitel am Stufenbarren, dann siegte sie auch am Schwebebalken. „Ich bin sehr glücklich, wenn auch nicht zufrieden mit meiner Leistung“, sagte die erst 18 Jahre alte Stuttgarter Turnerin anschließend am Fernsehmikrofon der ARD: „Ich weiß, dass ich es besser kann.“

Schon 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris überraschte sie als Deutschlands Beste an den Geräten mit den Plätzen acht im Mehrkampf und sechs am Stufenbarren. Ein Jahr später bei der EM 2025 in Leipzig war sie als strahlende Vorturnerin der jungen deutschen Mannschaft vorgesehen und gewann tatsächlich die Silbermedaille mit dem Team. Dann der Schock: Bei der Landung beim Sprung verletzte sie sich, im Krankenhaus wurde ein gerissener Streckapparat des Kniegelenkes diagnostiziert.

Es folgte eine Leidenszeit, die sie an ihre Grenzen brachte. In Hannover hat Helen Kevric nun andeuten können, was möglich ist. „Mein Ziel ist es, wieder zur alten Form zurückzukommen“, hatte sie vor der Meisterschaft im Podcast „Von Staub zu Gold“ des Deutschen Turner-Bundes gesagt.

Auch ihre Kollegin Pauline Schäfer-Betz, 29, aus Chemnitz hat die nationale Meisterschaft im Rahmen der Finals in Hannover zu einem glänzenden Comeback nutzen können. Die Schwebebalken-Weltmeisterin von 2017 hatte wegen diverser Verletzungen eine komplette Wettkampfsaison verpasst. Am Wochenende wurde sie am Balken, ihrem Paradegerät, punktgleich mit Helen Kevric Zweite. Im Mehrkampf, den die 18 Jahre alte Silja Stöhr gewann, kam sie auf Platz drei, Europameisterin Karina Schönmaier war am Sprung und am Boden jeweils die Beste. Schäfer-Betz liebäugelt inzwischen sogar wieder mit ihrer vierten Olympiateilnahme 2028 in Los Angeles: „Mein Plan führt genau in diese Richtung“, sagte sie. Zuvor stehen aber erst mal die EM in Zagreb (13. bis 16. August) sowie vom 17. bis 25. Oktober die WM in Rotterdam an.

Tatsächlich diente das „Finals“ genannte Festival vielen deutschen Spitzenathleten zu einer Standortbestimmung. In 24 Sportarten wurden 143 deutsche Meistertitel vergeben. Den Titel im Mehrkampf der Rhythmischen Sportgymnastik sicherte sich, kaum überraschend, die Olympiasiegerin Darja Varfolomeev, die im August Favoritin der WM in Frankfurt ist. Und bei den Schwimmern gewann Olympiasieger Lukas Märtens die deutsche Lagenmeisterschaft über 100 und 200 Meter Freistil. Für Märtens geht es weiter nach Paris, wo er vom 31. Juli an bei den Europameisterschaften als Weltrekordler und Favorit am Startblock steht. Allerdings geht er nicht über alle Distanzen ins Wasser. „Ich würde am liebsten alles schwimmen“, sagte er in Hannover, geplant ist aber offenbar, dass er sich auf die 400 und 200 Meter Freistil konzentriert.