Die Geburt eines Clans: So mitreißend ist die Vorgeschichte zu „4 Blocks“


Stand: 23.09.2026, 08:00 Uhr

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4 Blocks Zero - Die Familie ist wieder vereint: Malik (Rami Fadel Khalaf rechts), Großmutter Hanin (Fatima Khanfour, links) und Amara (Siana Zayed) freuen sich über die Rückkehr von Ibrahim (Tariq Al-Saies).

4 Blocks Zero - Die Familie ist wieder vereint: Malik (Rami Fadel Khalaf rechts), Großmutter Hanin (Fatima Khanfour, links) und Amara (Siana Zayed) freuen sich über die Rückkehr von Ibrahim (Tariq Al-Saies). © 2026 Warner Bros.Discovery / W&B TV / Julia Terjung

Wie wird man zum Gangsterboss? Nach der Erfolgsserie „4 Blocks“ blickt der Ableger auf die Vorgeschichte der Familie Hamady. „4 Blocks Zero“ erzählt vom Aufstieg Tonis zum späteren Clan-Chef im wilden Berlin der 90er-Jahre.

Vor fast zehn Jahren revolutionierte ein Gangster-Epos die deutsche Serienlandschaft: „4 Blocks“ erzählte 2017 hierzulande erstmals eine ernstzunehmende Mafia-Geschichte. Ob Drogenhandel, Geldwäsche, Prostitution, Schutzgeld, Auftragsmorde oder Revierkämpfe - die Story des Familienclans um Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) in Berlin-Neukölln galt manchen gar als ein deutsches „Sopranos“. Entsprechend räumte der hochgelobte Erfolgs-Hit zahlreiche Preise ab, vom Grimme-Preis über den Deutschen Fernsehpreis zur Goldenen Kamera. Nach drei furiosen Staffeln war 2019 trotzdem Schluss. Bis jetzt: Das Prequel „4 Blocks Zero“ (ab 25. September bei HBO Max) erzählt die Vorgeschichte der Hamadys und ihre Entwicklung zum Clan im Berlin der 90er-Jahre.

4 Blocks Zero - Ibrahim (Tariq Al-Saies, rechts) legt sich mit den Kriminellen im Berliner Untergrund an.

4 Blocks Zero - Ibrahim (Tariq Al-Saies, rechts) legt sich mit den Kriminellen im Berliner Untergrund an. © 2026 Warner Bros.Discovery / W&B TV / Julia Terjung

In acht Episoden beleuchtet die Serie die libanesische Ursprungsfamilie von Ali Hamady, bevor er zu Clan-Chef „Toni“ wurde. Tareq Nassery spielt den jungen Mann, der mit seinen drei Geschwistern bei Vater Malik (Rami Fadel Khalaf) und Großmutter Hanin (Fatima Khanfour) in Berlin-Neukölln aufwächst. Nach der Flucht aus dem Libanon und dem Tod der Mutter will das Familienoberhaupt seinen Kindern ein besseres Leben ermöglichen. Nicht leicht, muss er sich doch ohne echte Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis als Koch durchschlagen. Trotz ärmlicher Verhältnisse und rassistischer Stimmungsmache sollen aus den Geschwistern gut integrierte Menschen werden. „Sprich Deutsch hier“, ermahnt Malik seine Tochter Amara (Siana Zayed), die Oma kontert auf Arabisch: „Die Kinder sollten ihre Muttersprache nicht vergessen“.

Der libanesische Onkel und die schiefe Bahn

Hier ist schon die Grundlage gelegt für Ali, der später als Toni „zum Deutschesten aller Deutschen“ werden will - wären da nicht die Steine, die ihm etwa in der Schule von den Lehrern in den Weg gelegt werden. Viel lieber hängt er im glaubwürdigen 90er-Flair mit seinen Brüdern Abbas (Soufiane El Mesaudi) und Marwan (Almountaser „Monty“ Alchltouh) ab, die über die US-Rapper 2Pac und Biggie streiten und bei illegalen Breakdance-Battles ein bisschen Geld verdienen wollen, dabei aber immer wieder in Konflikt mit der Staatsmacht geraten und auf die Ablehnung der Deutschen stoßen. Auf der Straße gibt es mehr zu holen als über den beschwerlichen Weg in einer feindlichen Gesellschaft.

In dieser Gemengelage kommt Onkel Ibrahim (Tariq Al-Saies) aus dem - brutal inszenierten - Gefängnis im Libanon frei und im Auftrag eines großen Bosses nach Berlin, wo er von der Familie freudig empfangen wird, aber bald in den kriminellen Untergrund gerät. Mit nur zwei Monaten Duldung durch die Behörden hofft Ibrahim, sein Heil im Kokain-Handel zu finden, stößt dabei aber auf jede Menge zwielichtige Figuren. Für die gesamte Familie nimmt das Chaos seinen Lauf, der Weg auf die schiefe Bahn scheint vorgezeichnet. Ein Wiedersehen gibt es dabei auch mit Vince Kerner, der als Kleinkrimineller in der Ursprungsserie von Frederick Lau verkörpert wurde und dessen wohlhabend aufgewachsene junge Version (toll gespielt von Luis Vorbach) sich in der Schule mit Ali anfreundet.

„Es gab andere Wege, als Gangster zu werden“

„4 Blocks Zero“ präsentiert sich als turbulente Gangster-Serie samt brutalen Szenen und zweifelnden Kriminellen - und ist doch viel mehr als das. Sie erzählt vom alltäglichen Chaos einer liebevollen Familie, die sich in einem von Armut geprägten Viertel über Wasser halten muss und mit kriminellen Verlockungen hadert. Von den Schwierigkeiten der Integration in einem Land, das Migranten fast ausschließlich skeptisch begegnet, vom institutionellen und alltäglichen Rassismus, der mit den Nährboden für die heute bestehenden Clan-Strukturen bildete.

Nicht zuletzt erzählt „4 Blocks Zero“ auch vom irren Berlin der 90er-Jahre, einer gerade noch geteilten Stadt, in der zwischen Untergrundclubs und heruntergekommenen Altbauten viel Freiraum herrschte - auch für kleine Nachwuchsgangster. Von 90er-HipHop über verwahrloste Hausflure bis zur lebendigen Community im Einwandererviertel gelingt es der Serie, eine authentische Kulisse für die Drehbücher unter Leitung von Headautor Bernd Lange zu schaffen. Hinzukommt, dass die Darsteller, die fast ausschließlich selbst Migrationsgeschichte besitzen, ihre Figuren viel Arabisch sprechen lassen.

„4 Blocks Zero“ illustriert mitreißend - und mit gebotener Leichtfüßigkeit („Die Deutschen schreiben zu viel, die Ausländer reden zu viel“) -, wie ganz normale Jungs unter bestimmten Umständen zu Gangstern werden, Wie schon „4 Blocks“ nimmt auch das Prequel seine Protagonisten ernst und beschönigt nichts. So entsteht unter Regie von „4 Blocks“-Veteran Özgür Yıldırım und Hüseyin Tabak das Panorama einer Gesellschaft im Wandel, die aber mit Einwanderern nicht umzugehen weiß.

Die Figuren erleben, „dass Deutschland kein Einwanderungsland sein wollte und sie nicht erwünscht waren“, drückt es Regisseur Özgür Yıldırım aus: „Die Beharrlichkeit, mit der man davon ausgegangen ist, dass alle Geflüchteten irgendwann schon wieder in ihre Heimatländer verschwinden werden, obwohl sie dort auch keine Heimat mehr hatten, hat dazu beigetragen, dass sich Parallelgesellschaften entwickelt haben und Clanstrukturen entstehen konnten.“ Damit werde die Serie zu „einer Chronik eines angekündigten Scheiterns“. Zugleich wolle man auch zeigen, dass keine Zwangsläufigkeit dahinter steckte: „Die Familie hatte Wahlmöglichkeiten. Es gab andere Wege, als Gangster zu werden.“

„4 Blocks Zero“ ist spannender Mafia-Thriller, Coming-of-Age-Drama und akkurater historischer Abriss der deutschen Migrationsgesellschaft in einem - und deshalb ein würdiger Ableger der großen Mutterserie. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit teleschau.)