Die Politik, der Tod und das endlose Liebesleben bei Impulstanz


Spezial

Die Politik, der Tod und das endlose Liebesleben bei Impulstanz

"The (a) Point Between 2 (or more) Confessions" von Bill T. Jones mit Raja Feather Kelly und queerer Witz von Rony Rizzi

Pia Pilsbacher Helmut Ploebst

Schwarz-weiß-Bild mit einer Überblendung von zwei großformatigen Porträtgesichtern im Hintergrund und zwei Personen, die in einem Tanzstudio auftreten, im Vordergrund. Die Atmosphäre ist künstlerisch und ausdrucksstark.
Bei "The (a) Point Between 2 (or more) Confessions" bei Impulstanz geht es um Themen wie Liebe, Erinnern und Überleben.

Mit Bill T. Jones und Raja Feather Kelly bringen zwei echte New Yorker Größen ihre Performance The (a) Point Between 2 (or more) Confessions auf die Bühne. Bereits in den 1970er-Jahren begann Jones, elegante Bewegungen mit gesprochenen Passagen voller Reflexion und Erinnerungen zu kombinieren. Dies prägt auch das von ihm choreografierte Solo, das jetzt bei Impulstanz Weltpremiere feiert.

Zur Berühmtheit gelangte Jones in den 1980er-Jahren mit provokanten Duetten, die er mit seinem Partner Arnie Zane tanzte. Er machte in eindrucksvollen Performances auf die Aids-Krise und systematische Ungerechtigkeit aufmerksam. Politisch war Jones’ Arbeit also schon immer, und nichts anderes ist von der neuen Produktion zu erwarten: Musikalisch stützt sie sich auf Protestlieder aus den 60ern, zusätzlich sind Texte aus Jones‘ Autobiografie, aber auch solche aus Kellys Feder zu hören.

Ihm als Tänzer hat Jones das Solo sozusagen auf den Leib geschneidert. Kelly bezieht in seiner Arbeit als Choreograf und Tänzer ebenfalls politisch Stellung und setzt sich mit Queerness und seiner Erfahrung als schwarze Person auseinander. Seine Produktionen, die der New Yorker als "radical downtown surrealist" bezeichnet, schrecken wie jene von Jones nicht vor Themen wie Tod und Krankheit zurück. Kelly ist auch bekannt für seine Arbeit mit popkulturellen Referenzen: In seinem diesjährigen Workshop "Honest Reactions to Imaginary Situations", den er im Rahmen von Impulstanz hält, stehen Wahrheit und Echtheit im Vordergrund, und radikale Authentizität wird wohl ebenfalls in The (a) Point Between 2 (or more) Confessions spürbar werden.

Erste gemeinsame Arbeit

Sowohl Raja Feather Kelly als auch Bill T. Jones begeisterten bereits in vergangenen Jahren in Wien: Kelly setzte sich 2021 in Ugly (Black Queer Zoo) mit Hässlichkeit, Subjektivität und Ausgrenzung auseinander, während Jones das letzte Mal vor zehn Jahren selbst mit As I Was Saying … als Tänzer und Geschichtenerzähler auf der Bühne stand. Die erste gemeinsame Produktion der beiden für Impulstanz greift große Themen wie Liebe, Erinnern und Überleben auf und vereint die Energien der zwei ausdrucksstarken Persönlichkeiten in einem Solo.

Ein bisschen weniger ernsthaft geht es bei Tony Rizzi zu: In Endless Love / Endless Life, das auf jetzt zu seiner Österreich-Premiere kommt, wird der Kitsch des Kinos zelebriert. Mit queer codiertem Humor verkörpern die Performer – Rizzi selbst mit Manuel Gaubatz – Filmstars, tanzen unter anderem zu famosen Soundtrack-Schnulzen wie My Heart Will Go On und scheuen nicht vor Theatralik zurück, um trotz Schelmereien dem Glanz und Glamour der Filmwelt gerecht zu werden. (Pia Pilsbacher)

Das Ende der Spaßgesellschaft

Vier aufstrebende Choreografinnen aus Ungarn, Estland, Polen und Griechenland zeigen, wohin sich die weibliche Gegenwartsperformance aus Europa derzeit bewegt. Boglárka Börcsök bringt Subjoyride mit, Netti Nüganen – die als Teil von Florentina Holzingers Ensemble auch in Österreich verankert ist – hat Ash, Horizon, Riding a House im Gepäck, Ewa Dziarnowska This resting, patience und Chara Kotsali It’s The End Of The Amusement Phase.

Nüganen und Dziarnowska haben ihre Arbeiten bereits im Tanzquartier vorgestellt. Wer sie dort versäumt hat, erhält bei Impulstanz noch eine Chance. Wobei sich Nüganens Stück hervorragend zur Abkühlung an heißen Abenden eignet, weil darin reichlich gefrorenes Wasser zum Einsatz kommt. Zusammen mit der Künstlerin Pire Sova und der Sounddesignerin Michaela Kisling reflektiert Nüganen die Destabilisierung unserer Lebenswelt durch die Ökonomisierung aller verfügbaren Bereiche darin.

Eine Frau in einem leuchtend roten Kostüm mit passender Perücke sitzt auf einer Bühne, ihre Arme ausgebreitet, der Mund weit aufgerissen. Die Szene ist dramatisch beleuchtet, der Hintergrund dunkel gehalten.
Boglarka Borsok und Andreas-Bolm beleuchten in "Subjoyride" Elsa von Freytag-Loringhoven.

Zu den Eigenschaften dieser planetaren Verwurstung zählt, die Menschen in den Sog einer immer noch stärkeren Beschleunigung zu hetzen. Mit Ewa Dziarnowska aber ist das nicht zu machen. Sie beansprucht reichlich Zeit für This resting, patience, um mit ihrer Bühnenpartnerin Leah Marojević durch widersprüchliche Gefühlslagen zu driften. Die beiden tanzen in wechselnden Körperdekorationen, zitieren weibliche Klischees, beschwören erotische Stereotype.

Für Chara Kotsali ist mit dem Katzenjammer der Gegenwart Schluss für die Party der fetten Jahre, weil der Hyperkapitalismus seine Spaßgesellschaft in eine zunehmend aggressive Meute verwandelt. Hier arbeiten sich drei junge Frauen in grotesken Szenen lautstark an der Einsicht It’s The End Of The Amusement Phase ab.

Kotsalis irrwitziger Zitatenreigen unterscheidet sich deutlich von der Vergegenwärtigung der dadaistischen Ästhetik von Elsa von Freytag-Loringhoven in den Roaring Twenties des vorigen Jahrhunderts. Diese Meisterin der Subversion beleuchtet Boglárka Börcsök mit dem Filmer Andreas Bolm in einem schillernden Solo: Subjoyride. (Helmut Ploebst, 20.7.2026)

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