"Die zweite Hälfte Kärntens" vor dem Aus? Das Drama des Villacher SV und zwei Hoffnungsschimmer
Eishockey
"Die zweite Hälfte Kärntens" vor dem Aus? Das Drama des Villacher SV und zwei Hoffnungsschimmer
Der Traditionsverein steht zum Saisonstart der "win2day ICE Hockey League" wirtschaftlich an der Kippe. Liga-Chef Feichtinger baut auf Solidarität der anderen Clubs: "VSV soll und darf nicht sterben"
Fritz Neumann
Wer kann sich noch an "Radio Eriwan" erinnern? So hieß oder heißt ein fiktiver Radiosender, der Zuhörerfragen beantwortet, quasi eine kleine, feine Rache des vom Sowjetregime unterdrückten Geistes. Ersetze "Eriwan" durch "Kärnten", und schon geht es los. "Frage an Radio Kärnten: Gibt es in Villach mehr Humor als anderswo? Antwort: Im Prinzip ja. Aber Villach hat ihn auch bitter nötig."
Im Eishockey gilt das auf jeden Fall, beinahe seit jeher. Der 1923 gegründete Villacher SV, kurz EC VSV stand während seiner mehr als hundertjährigen Geschichte meistens im Schatten von Rekordmeister KAC, immerhin sechs Meistertitel (1981, 1992, 1993, 1999, 2002, 2006) gingen sich aus, freilich kein Vergleich mit den 32 Titelgewinnen der Freunde aus Klagenfurt. Was den Villachern blieb, war der Hinweis auf den Nebel, der angeblich oft über der Landeshauptstadt liegt – und eben ihr berüchtigter Humor. Sei's drum, das Kärntner Eishockeyderby ist eine Institution, aus dem österreichischen Sport nicht wegzudenken.
Nicht mehr lustig
Im Prinzip, das muss man dieser Tage wohl hinzufügen, im Prinzip ist dieses Derby nicht wegzudenken. Am Freitag beginnt die "win2day ICE Hockey League", aber beginnt sie auch für den und mit dem VSV? Nun, in Villach ist die Eishockeylage so traurig, dass es nicht mehr lustig ist. Der VSV steht vor einem Schuldenberg und an der Kippe. In Medienberichten ist von Verbindlichkeiten in Höhe von ein bis zwei Millionen Euro die Rede, im (österreichischen) Eishockey ist das nicht wenig Geld.
Spieler, Trainer und Angestellte sollen zumindest auf Teile ihrer Gehälter warten, es gebe offene Rechnungen, eine Krisensitzung jagt die andere. In der Vorwoche erklärte VSV-Geschäftsführer Martin Winkler seinen Rücktritt, bis dato hat sich in der Draustadt niemand gefunden, der übernehmen kann und will. Am (heutigen) Dienstagvormittag lädt die Liga zum großen Saisoneröffnungstermin, er findet nicht zufällig in Bischofshofen statt, dort sollen Ende Jänner an der Skisprungschanze zwei Open-Air-Spiele steigen, eines davon mit VSV-Beteiligung.
Liga-Geschäftsführer Christian Feichtinger ist hin- und hergerissen. Einerseits hofft er, dass die Saison mit 14 Vereinen, also auch mit dem VSV, beginnen kann. Andererseits nennt er die Villacher Lage "dramatisch". Dabei habe die Liga dem Verein schon zu Jahresbeginn, als erste Gerüchte über die VSV-Schieflage kursierten, "Hilfe, Knowhow und Expertise angeboten". Doch Villach habe sich "die Einmischung verbeten und betont: Wir haben eh alles unter Kontrolle."
Nun zeigt sich: Von wegen! Mittlerweile ist die Gewerkschaft younion mit dem ehemaligen Eishockeyspieler Sascha Tomanek involviert. Am Samstag gab es in Villach einen Termin mit der Mannschaft, auch Feichtinger bemühte sich, die "Adler" zu beruhigen, die tags zuvor im Testspiel gegen Augsburg (4:5 in der Overtime) viel Charakter gezeigt hatten. Erster Ansprechpartner in Villach ist Manfred Herzog, der erst im Mai zum VSV-Obmann avancierte. Der Apothekenbesitzer kündigte "einen kompletten Kassensturz" an und bemüht sich, die Dinge auf die Reihe zu kriegen.
Ob Herzog seitens der Stadtpolitik mit Unterstützung rechnen kann, bleibt abzuwarten. Die Stadt betont,d ass sie seit Jahren die VSV-Nachwuchsarbeit unterstützt. "Wir verlangen vollständige Transparenz. Der erste Schritt muss daher jetzt sein, dass die GmbH des VSV für umfassende Klarheit sorgt", erklären Bürgermeister Günther Albel (SPÖ) sowie die Stadträte Erwin Baumann (FPÖ) und Christian Pober (ÖVP) in einer gemeinsamen Aussendung.
Hoffnungsschimmer Haselsteiner
In der Liga hat man sich mittels Gentlemen's Agreement darauf verständigt, keine VSV-Spieler abzuwerben. ICE-Geschäftsführer Feichtinger betont: "Es ist viel Solidarität der anderen Mannschaften zu spüren. Wir tun alles, um die zweite Hälfte Kärntens zu retten." Möglicherweise werde sich die Solidarität auch in einer Art Unterstützungsaktion niederschlagen. "Viele sagen: Der VSV soll und darf nicht sterben." Das ist der erste Hoffnungsschimmer.
Nach dem Termin in Bischofshofen werden am heutigen Dienstag in Villach Vertreter des Vereins, der Politik und der Liga zu weiteren Gesprächen zusammenkommen. Dem Vernehmen nach nimmt auch der Unternehmer Hans Peter Haselsteiner an diesem Treffen teil. Sein Vermögen wird auf 3,9 Milliarden Euro geschätzt, für die Aufrechterhaltung des VSV-Spielbetriebs sollen 500.000 bis 700.000 Euro benötigt werden. Das ist der zweite Hoffnungsschimmer.
Leistbar und lösbar?
Aktuell wird in Villach nicht nur über Gehälter, sondern auch über ganz andere Basics geredet. Etwa über die Ausrüstung oder den Bus, der das Team zu Auswärtsspielen bringt. "So etwas", sagt Feichtinger, "sollte leistbar und lösbar sein." Es könnte helfen, dass nicht die für den Profibetrieb zuständige GmbH, sondern der (u.a. auch für die Nachwuchsarbeit zuständige) Verein VSV als Mitglied in der Liga vertreten ist. Es könnte helfen, dass alle Spieler ordentlich gemeldet sind. Es könnte helfen, dass die von der ICE geforderte Bankgarantie gelegt wurde. "Im Prinzip", sagt Feichtinger, "sind alle Voraussetzungen gegeben, um den VSV in die Saison starten zu lassen."
Im Prinzip. (Fritz Neumann, 15.9.2026)
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