Trockenheit lässt immer mehr Wasserkraftwerke stillstehen (B+)
Die Schweiz vertrocknet! Seepegel sinken auf Rekordtiefstände, Flüsse schrumpfen zu Rinnsalen. Das bringt nicht nur die Natur erheblich zum Schwitzen, sondern auch die Betreiber von Laufwasserkraftwerken wie jenes an der Thur. Kaspar Böhi (68), Geschäftsführer der Thurkraftwerk AG, ist am Fluss aufgewachsen und sagt: «Eine solche Trockenheit und einen so tiefen Flusspegel in der Thur habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen.»
Am letzten Freitag und Samstag fiel zwar Regen, und drei der fünf Flusskraftwerke konnten wieder in Betrieb gehen. Doch die produzierte Strommenge ist klein und der Effekt praktisch wieder verpufft, wie Böhi sagt. «Falls in den nächsten sieben Tagen kein Regen fällt, müssen wir alle wieder abschalten.» Das Flussbett sehe schon fast wieder aus wie vor dem Regenschauer. Hoffnung auf eine baldige Wende an der Wetterfront hat Böhi derzeit kaum. «Die Langzeitprognose für die nächsten knapp 30 Tage zeigt, dass bloss an zwei Tagen Regen fallen soll.»
Wie viele Kraftwerke fallen noch weg?
Die Schweiz zählt rund 1400 Kleinwasserkraftwerke, die meisten davon in Flüssen und Bächen. Die Laufwasserkraftwerke tragen um diese Jahreszeit normalerweise 10 bis 15 Prozent zum inländischen Strommix bei. Derzeit ist es nur ein Bruchteil davon, wie eine Blick-Umfrage bei mittelgrossen und grossen Anbietern zeigt. Dutzende Flusskraftwerke und Hunderte Turbinen im Land stehen still. Auch bei den Speicherkraftwerken ist die Produktion reduziert, teilt der Verband der Schweizerischen Elektrizitätsunternehmen (VSE) mit.
Der Wassermangel hat drei Kleinkraftwerken im St. Galler Rheintal den Stecker gezogen. Die Prognosen versprechen in den nächsten Tagen keine nennenswerten Regenfälle. «Wir rechnen damit, weitere Laufwasserkraftwerke wieder vorübergehend vom Netz nehmen zu müssen», schreibt eine Mediensprecherin der St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke (SAK) auf Anfrage von Blick.
Auch das Kraftwerk Höngg an der Limmat musste die Stromproduktion ganz einstellen. Der Pegel im Zürichsee hat einen historischen Tiefstand erreicht. Der Kanton reduzierte Ende September den Abfluss. Die direkten Folgen für die Stromproduktion sind erheblich, wie eine Anfrage beim EWZ zeigt: Die drei Flusskraftwerke des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich produzieren nur noch halb so viel Strom wie zuvor – und bereits das vorherige Niveau war im Mehrjahresvergleich äusserst gering. Bei noch geringeren Abflussmengen droht ein kompletter Stillstand der Kraftwerke.
Steigende Zukäufe aus dem Ausland
Der Rheinpegel hat im Herbst den Negativrekord vom Sommer nochmals unterboten: Gemäss Axpo ist die Stromproduktion im Kraftwerk Rheinau zuletzt weiter zurückgegangen. Die Anlage produzierte im September gerade mal 43 Prozent der Durchschnittsmenge der letzten zehn Jahre. Im Kraftwerk Eglisau sind es noch weniger.
Wenig erbaulich ist der Blick auf die Aare-Flusskraftwerke der Alpiq: Auch dort laufen derzeit nur wenige Maschinen. Derart geringe Abflussmengen gab es in der Vergangenheit nur an wenigen Wintertagen. Aktuell sind sie der Normalzustand. Das Ergebnis: Die Stromproduktion liegt gemäss Alpiq ganze 70 Prozent unter dem üblichen Level.
Ein grosser Produzent wie Alpiq, BKW oder Axpo kann die Produktionsausfälle teilweise in anderen Anlagen ausgleichen und kauft, falls nötig, zu. Bei kleineren Versorgern können Flusskraftwerke einen grösseren Anteil an der Gesamtproduktion ausmachen. Sie müssen entsprechend grössere Mengen am sogenannten Spotmarkt besorgen, an dem kurzfristig zugekauft wird.
«Die tiefen Flusspegel haben derzeit einen Einfluss auf die Spotpreise, da Flusskraftwerken in grossen Teilen von Mitteleuropa das Wasser fehlt», sagt René Baggenstos (57), Energieexperte bei der Enerprice AG. Der Spotpreis in der Schweiz ist gegenüber der Vorwoche um 9 Prozent gestiegen. Der grösste Preistreiber der letzten Monate ist jedoch der Iran-Krieg sowie dessen Auswirkungen auf den Gaspreis.
Die Haushalte sind zumindest vorübergehend vor diesen Preiserhöhungen geschützt. Die Tarife fürs nächste Jahr sind fix. Doch am Terminmarkt kostet ein Stromeinkauf fürs Jahr 2027 aktuell über 60 Prozent mehr als im Sommer. Müssen Versorger jetzt zuschlagen, kann das auf die Tarife im übernächsten Jahr durchschlagen.
Baggenstos sieht noch einen weiteren möglichen Effekt: Die Produzenten mit Flusskraftwerken könnten am Terminmarkt künftig weniger Strom verkaufen, weil sie davon ausgehen, dass die produzierten Strommengen generell geringer ausfallen. «Das hätte ebenfalls einen preistreibenden Effekt.»
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