„Eine krasse Mannschaft“: Mehr als nur Comeback-Monster – Werders neuer Mix aus Resilienz und Qualität


Stand: 10.10.2026, 21:44 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Beim Remis gegen den BVB hat Werder Bremen einmal mehr seine Widerstandsfähigkeit gezeigt - warum dahinter ein Mix aus Resilienz und Qualität steckt!

Dortmund/Bremen – Es ist ein Signal, das im Stadion oftmals etwas untergeht. Fällt ein Tor, konzentriert sich fast alles auf den Schützen und die anschließende Jubeltraube. Beim SV Werder Bremen hat sich in dieser Saison nach Gegentreffern jedoch ein besonderes Ritual entwickelt, das sinnbildlich dafür steht, wie die Mannschaft mit Rückschlägen umgeht. Wie sie nach einem turbulenten Sommer, vieler negativer Vorzeichen und einem anspruchsvollen Startprogramm stark in die Spur gefunden – und aus fünf Partien bereits acht Punkte eingesammelt hat. Nach Gegentoren warten die Bremer nicht lange, stattdessen wird der Ball sofort wieder auf den Anstoßpunkt gelegt.

Torschützen unter sich: Ludovit Reis (zweiter von links) und Niclas Füllkrug (daneben) erzielten beim BVB die beiden Tore des SV Werder Bremen.

Torschützen unter sich: Ludovit Reis (zweiter von links) und Niclas Füllkrug (daneben) erzielten beim BVB die beiden Tore des SV Werder Bremen. © IMAGO/Cweis/TEAM2sportphoto

Werder Bremen holte in dieser Saison bereits fünf Punkte nach Rückstand - Bundesliga-Bestwert

Gegen den FC Augsburg war es vor drei Wochen Mitchell Weiser, der den Job übernahm. Am Freitagabend im Spiel bei Borussia Dortmund fungierten nach dem 0:2-Rückstand kurz vor Schluss nun Torwart Karl Hein und Mittelstürmer Niclas Füllkrug in dieser Rolle. Sie signalisierten ihren Mitspielern: Es ist noch nicht vorbei, lasst uns weitermachen! Eine Aufforderung, die ankam und auf die derzeit wohl größte Stärke des SV Werder Bremen in der noch jungen Bundesliga-Saison verweist: Widerstandsfähigkeit.

Als Daniel Svensson den BVB in der 80. Minute mit 1:0 in Führung brachte, schien Werder Bremen für seine bis dahin disziplinierte Defensivarbeit um den Lohn gebracht. Nur fünf Minuten später legte Nico Schlotterbeck das 2:0 nach. Bei Borussia Dortmund, bei einem der qualitativ stärksten Teams der Liga und dem derzeitigen Tabellenführer, schien die Partie entschieden. Doch die Bremer hatten etwas dagegen. Ludovit Reis verkürzte in der 88. Minute auf 1:2, ehe Füllkrug in der zweiten Minute der Nachspielzeit tatsächlich noch den 2:2-Ausgleich erzielte. Aus einem Spiel, das kurz zuvor eigentlich schon verloren war, wurde so ein weiterer Beleg für Werders neue Resilienz.

Die Zahlen unterstreichen, dass es sich dabei längst nicht mehr um einen Zufall handelt. Erstmals in der Bundesliga-Geschichte holte der SV Werder Bremen in zwei Spielen in Folge nach einem Zwei-Tore-Rückstand noch Punkte. Vor der Länderspielpause hatten die Grün-Weißen gegen Augsburg sogar noch mit 3:2 gewonnen. Insgesamt stehen nach fünf Spieltagen bereits fünf Zähler zu Buche, die Werder nach Rückständen verbucht hat – Ligabestwert. Dazu kommen sechs Treffer in der Schlussviertelstunde, ebenfalls der Spitzenwert im Oberhaus (Stand: Samstagmittag). Die Bremer sind in dieser Saison offenbar vor allem dann gefährlich, wenn andere Mannschaften sie bereits abgeschrieben haben.

Werder Bremens Niclas Füllkrug: „Wir sind schon eine krasse Mannschaft“

Dass sich die Haltung des Teams jedoch nicht allein auf die letzten Minuten beschränkt, unterstrich Niclas Füllkrug. „Die Bereitschaft in den 75 Minuten vorher finde ich noch viel krasser als die in den 15 Minuten, in denen wir die Tore schießen“, erklärte der Angreifer. Werder Bremen habe Borussia Dortmund mit einem tiefen, kompakten Block lange Zeit vor Probleme gestellt und die große Offensivqualität des Gegners damit im Zaum gehalten. „Guirassy kam sehr wenig in Aktion, Fabio Silva am Ende auch“, analysierte Füllkrug. Erst nach dem 0:2 habe sein Team mutiger und offener spielen müssen. „Wir sind schon eine krasse Mannschaft, wenn man nach 80 Minuten das 0:1 kriegt, schnell das 0:2 bekommt und dann noch mal einen Gang hochschalten kann“, lobte der Stürmer.

Für Cheftrainer Daniel Thioune ist diese Entwicklung das Ergebnis eines Prozesses, den er seit seiner Amtsübernahme im Februar immer wieder hervorgehoben hat. In der vergangenen Saison waren Mentalität, Haltung und Wille zwar regelmäßig Thema, auf dem Platz aber nicht immer in ausreichendem Maße zu sehen. Nun scheint die Mannschaft diese Tugenden immer stärker zu verinnerlichen. „Der Auftritt in Dortmund hat wieder gezeigt, dass wir eine Mannschaft sind und leiden können“, stellte Thioune fest. Dass Werder Bremen auch nach einem 0:2 beim BVB noch zurückkommen könne, zeige, „dass wir auf einem guten Weg sind, auf dem Weg der Entwicklung“. Die acht Punkte nach fünf Spieltagen sind für den Trainer „mehr als verdient und vielleicht gar nicht so zu erwarten gewesen“.

Acht Punkte aus fünf Spielen: Werder Bremen profitiert vom gewachsenen Zusammenhalt und der gestiegenen Qualität im Kader

Einen entscheidenden Anteil daran hat neben dem gewachsenen Zusammenhalt auch die gestiegene Qualität im Kader. Das zeigte sich gegen Borussia Dortmund einmal mehr am derzeitigen Punktegaranten Niclas Füllkrug. Der Mittelstürmer traf zum vierten Mal in Folge in der Bundesliga und bewies erneut, dass Werder Bremen inzwischen einen Angreifer in seinen Reihen hat, der auch in schwierigen Momenten den Unterschied machen kann. „Bei Niclas ist es offensichtlich: Er war zwei Jahre lang nicht in bester körperlicher Verfassung, hatte nicht viel Spielzeit, aber er wollte sich nicht sagen lassen, dass er etwas nicht kann“, hob Daniel Thioune hervor. Der Trainer sieht in dieser Einstellung ein Vorbild für den Rest der Mannschaft. Füllkrug selbst verwies auf die Wirkung des eingangs beschriebenen Signals nach Gegentoren: „Das sind kleine Aktionen, die bei einer Mannschaft und besonders bei jüngeren Spielern etwas bewirken. Da versuche ich, meinen Job gut zu machen.“

„Die Gruppe hat sich gefunden. Sie ist relativ schnell zusammengewachsen. Du merkst, dass jeder für den anderen arbeitet. Das ist das Entscheidende. Wenn einer einen Fehler macht, gleicht ihn der andere wieder aus“, betonte derweil Clemens Fritz, Sportchef des SV Werder Bremen. Und Daniel Thioune ergänzte, dass auch die Spieler, die nicht auf dem Platz stehen, ihren Anteil daran hätten. Die Unterstützung von der Bank aus und das gemeinsame Rollenverständnis seien inzwischen wichtige Bausteine: „Das ist auch eine Haltungs- und Charakterfrage. Da haben wir tolle Jungs dazugewonnen.“

Werder Bremen ist damit allerdings noch lange nicht am Ende der Entwicklung. Daniel Thioune weiß, dass die Mannschaft mitten im Prozess steckt und weiter schwere Aufgaben, sowie auch Rückschläge vor sich hat – das Testspiel-Debakel gegen Twente Enschede (0:7) lässt grüßen. Doch nach den vielen kritischen Stimmen zum Saisonstart ist die Gemütslage inzwischen eine vollkommen andere. Von Genugtuung fehlt am Osterdeich dennoch jede Spur. „Viel wichtiger ist, dass es Ansporn für uns war, es allen zu zeigen oder es zu widerlegen – und das ist bisher gelungen“, erklärte Thioune. Der Punkt bei Borussia Dortmund ist dafür ein weiterer Beleg: Werder kann leiden, kann Rückschläge wegstecken – und hat inzwischen auch die Qualität, sich dafür spät zu belohnen. (bvo)