Elversgipfel im Saarland: Wie dieser Dorfklub die Bundesliga auf den Kopf stellt
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Man kennt sich. Man grüßt sich. Einen Bahnhof hat man in Elversberg allerdings nicht in Sicht. Dafür gibt es vier Supermärkte, drei Bäckereien, zwei Hotels und ein Café. Die Gemeinde Spiesen-Elversberg, wie es auf den Ortsschildern offiziell heißt, bringt es auf stolze 12.800 Einwohner. Alles da also für ein beschauliches Leben an der Kaiserlinde. Wenn da nicht diese Sportvereinigung 07 wäre, die im Saarland gerade so einiges auf den Kopf stellt.

Am Sonntagabend (17.30 Uhr/DAZN) empfängt die SV Elversberg den FC Bayern München. Es ist der Elversgipfel, für den Aufsteiger das größte Spiel der Vereinsgeschichte. Da darf es im Dorf ein bisschen mehr kribbeln als sonst. Denn, bitteschön: Wann kommt hier schon mal der Rekordmeister vorbei?
Wer hinter dem Elversberger Aufschwung steckt
Vermutlich bald häufiger. Elversberg ist der 59. Klub der Bundesliga und nach Saarbrücken (zuletzt 1993), Homburg und Borussia Neunkirchen der vierte aus dem Saarland. Vor vier Jahren spielte das neue Aushängeschild der Region noch in der vierten Liga. Der heutige Stammtorwart Nicolas Cristof und Stürmer Luca Schnellbacher waren damals mit dabei. Mit ihnen folgte ein unnachahmlicher Durchmarsch hinauf in die Eliteklasse des deutschen Fußballs. Und elversberg-typisch steht die Mannschaft nach den ersten beiden Spieltagen mit zwei Siegen zum Start (3:2 gegen Bayer Leverkusen, 4:3 gegen Borussia Mönchengladbach) schon wieder weit vorne, sogar vor dem FC Bayern in der Tabelle.

Erstes Auswärtsspiel, erster Auswärtssieg: Vincent Wagner (h.) feiert mit seiner Mannschaft.© dpa | Inderlied
„Sie haben zwei von zwei Spielen gewonnen, und genau das macht mir im Moment ein bisschen Sorgen. Sie kommen so richtig ins Rollen“, warnt Superstar Harry Kane nach dem souveränen 5:0 in der Champions League gegen Bodö/Glimt. Elversberg, der kleinste Ligastandort der Geschichte, empfängt den Königsklassenstammgast, den Rekordmeister FC Bayern München. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Doch wie konnte es dazu kommen?
Hinter dem sensationellen Aufschwung steckt Mäzen Frank Holzer (73). Der frühere Profi von Saarbrücken und Braunschweig übernahm nach seinem Pharmazie-Studium den Arzneimittelhersteller Ursapharm. Mit dem Augenpräparat „Hylo“ ist das saarländische Unternehmen auch in München und bei Darts-Profi Gabriel Clemens als Sponsor dick im Geschäft. So beschaulich Elversberg auch wirkt: Bezahlt wird bei der SVE schon lange nicht mehr mit Dorfgroschen.
Rund zwölf Millionen Euro hat der Klub, der inzwischen von Sohn Dominik (44) operativ weitergeführt wird, im Sommer in Transfers gesteckt. Einnahmen aus Spielerverkäufen stehen dem keine gegenüber. Der familiengeführte Klub ist trotz dieser finanziellen Möglichkeiten womöglich der größte Außenseiter der neuen Bundesliga-Saison, neben dem SC Paderborn bei fast allen Experten der Absteigertipp Nummer eins. Nach zwei Spieltagen allerdings ist von dieser Prognose nicht mehr allzu viel übrig.
Klassenerhalt sei „wie eine Reise zum Mars“
Zum einen, weil in Vincent Wagner ein talentierter und eigenwilliger Trainer an der Seitenlinie steht. Und tatsächlich auch am Sonntag: Seine Sperre wegen der diskutablen Gelb-Roten Karte aus Mönchengladbach wurde aufgehoben. Wagner arbeitete einst im Jugendbereich von Rot-Weiss Essen und beim MSV Duisburg, ehe ihn sein Weg über die TSG Hoffenheim auf den Cheftrainerposten im Herrenbereich führte.
Von seinem Weg abweichen, die halbe Mannschaft austauschen und hinten bunkern – das sei nicht seine Philosophie, sagte Wagner. Spieler beschreiben ihn als Trainer mit einer besonderen Aura. Als Aufsteiger mit mutigem Spiel die Klasse zu halten, das „ist ungefähr so wie eine Reise zum Mars. Aber das ist halt unser Weg“, erklärte der Trainer mit den langen braunen Haaren.

Rot! Schiedsrichter Martin Petersen (r.) stellt Wagner in Gladbach vom Platz. Der wollte in der Halbzeit nur eine klare Fehlentscheidung des Unparteiischen besprechen.© dpa | Inderlied
Dafür setzt Elversberg konsequent auf Talente. In der Vergangenheit ging diese Rechnung unter dem damaligen Macher Ole Book, der inzwischen für Borussia Dortmund arbeitet, regelmäßig auf: bei Younes Ebnoutalib, der heute für Eintracht Frankfurt spielt, bei Fisnik Asllani von der TSG Hoffenheim. Und auch Nick Woltemade half sein Jahr an der Kaiserlinde zum nächsten Karriereschritt. Fortsetzen soll diese Tradition nun unter anderem Cole Campbell. Für den Ex-Dortmunder legte der Verein über sechs Millionen Euro hin – der Rekordeinkauf der Klubgeschichte.
Dass es mit den jungen Spielern so gut klappt, hängt eben auch mit der Erwartungshaltung zusammen. Der Druck ist überschaubar, die Presselandschaft beschaulich. Nach der Königsklasse wird all das ein radikaler Realitätscheck für Kane & Co.

Achtung, Baustelle! Der Ursapharm-Arena an der Kaiserlinde fehlt aktuell noch eine ganze Tribünenseite. Im TV-Bild wird das in diesem Jahr durch die Perspektive kaschiert.© dpa | Kleer
Rund um die Ursapharm-Arena erstreckt sich eine riesige Baustelle, von modernem Stadionluxus ist hier nichts zu sehen. Umgezogen wird sich in Containern. Der Umbau auf die in der Bundesliga geforderten 15.000 Plätze dauert noch an, spätestens im Frühjahr 2027 soll das Stadion endgültig fertig sein – knapp 14 Jahre, nachdem die Arbeiten schrittweise begonnen hatten. Schon jetzt passen mit 10.000 Zuschauern aber mehr Menschen in die Arena, als der Ort Elversberg ohne Spiesen Einwohner hat.