Noskova gegen Muchova im Wimbledon-Finale: Woher kommt Tschechiens Dominanz?


Zugegeben, es ist sehr früh für das große F.A.Z.-Weihnachtsrätsel, aber eine mögliche Millionenfrage hätten wir schon parat: Zählen Sie die  verschiedenen Wimbledonsiegerinnen der vergangenen zehn Auflagen in der richtigen Reihenfolge auf! Klar, auf Angelique Kerber im Jahr 2018 könnte man kommen. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass irgendwann in diesem Zeitraum Serena Williams einen ihrer sieben Titel gewonnen hat. Aber die restlichen Siegerinnen? An die erinnern sich vor allem Experten. Aber auch von denen geraten einige echt ins Grübeln.

Wir hätten da noch eine einfachere Frage: Welche Tennisnation wird an diesem Samstag die dritte Gewinnerin innerhalb von vier Jahren stellen? Tschechien! Markéta Vondroušová (2023) und Barbora Krejčíková (2024) haben ihre Meriten und Moneten schon sicher. Dazu kommt am Samstag entweder Karolina Muchová oder Linda Nosková zu Ehren. Ganz schön viele -ovás in so kurzer Zeit.

Wie kommt es, dass ein Land mit nicht einmal elf Millionen Einwohnern seit 2011, als Petra Kvitová den ersten ihrer zwei Titel gewann, ständig neue Wimbledon-Siegerinnen hervorbringt? Darauf gibt es mehrere Antworten. Die kürzeste kommt von Karolina Muchová : „Die Frage ermüdet mich. Ich höre sie jeden zweiten Tag.“

Das zweitgrößte Kontingent im Hauptfeld

Ihre Finalgegnerin Linda Nosková gibt sich gesprächiger. Sie würden in Tschechien zwar auf ähnliche Weise ans Tennis herangeführt wie anderswo, sagte sie nach ihrem Halbfinalsieg gegen die Ukrainerin Marta Kostjuk. Doch die Ausprägungen seien verschieden: „Wir sind sehr kreativ. Rasen erlaubt es uns, alle Seiten des Tennissports auszuspielen: ob Serve-und-Volley wie in alten Zeiten, Slice und Volley in dieser neuen Ära.“ In Wimbledon kämen diese Fähigkeiten zur Entfaltung, sagte Nosková.

Tschechinnen-Power: Linda Noskoá steht im Endspiel in WImbledon
Tschechinnen-Power: Linda Noskoá steht im Endspiel in WImbledonAP

Der beste Beleg für die Vielfalt des tschechischen Damentennis ist die Finalbesetzung an diesem Samstag auf dem Centre Court. Die 21 Jahre alte Nosková gehört zu den Vertreterinnen des Powertennis, die über einen schnellen Aufschlag verfügen und nicht lange fackeln. Dagegen besticht die acht Jahre ältere Muchová durch ihre Vielseitigkeit. Unterschnittene Rückhand, stark am Netz, eingestreute Stoppbälle: Niemand auf der WTA-Tour spielt auf natürliche Weise so variabel, weshalb die Weltranglistenneunte oft mit dem früher erfolgreichen Schönspieler Roger Federer verglichen wird.

Mit zehn Spielerinnen im Hauptfeld stellte Tschechien in Wimbledon das zweitgrößte Kontingent nach den USA (18). Vier Frauen standen unter den letzten 16; hätte es das Los nicht so schlecht gemeint, dass sie sich gegenseitig rauswerfen mussten, hätten es mindestens im Achtelfinale noch mehr werden können.

Siegerinnen in Berlin und Bad Homburg

Dass sich nun Muchová und Nosková gegenüberstehen, überrascht nur Außenstehende. Muchová hat das Vorbereitungsturnier in Bad Homburg gewonnen und ist seit zehn Matches auf Rasen ungeschlagen. Nosková siegte zuvor beim Berliner Rasenturnier in Einzel und Doppel und ist mit 18 Matchgewinnen die erfolgreichste Spielerin der Jahre 2025/2026 auf Rasen. Ob es am Septum-Piercing liegt? Gut möglich, findet Nosková, die als einzige Topspielerin so einen Nasenring trägt. Für die Sandplatzsaison habe sie das Schmuckstück entfernt. „Jetzt ist es zurück. Es fühlt sich an, als ob es mir Glück bringt.“ Auch ungewöhnlich: Sie mag Wrestling.

Muchová und Nosková wollen zwar ihre eigene Erfolgsgeschichte schreiben. Doch ist ihnen bewusst, wie ihre sportliche Ahnengalerie aussieht. Angefangen von Martina Navratilova, die 1956 in Prag geboren wurde, in Wimbledon sieben Einzeltitel gewann und später die US-Staatsbürgerschaft annahm. Es folgten Hana Mandlíková, Helena Suková und Jana Novotná und die jüngsten Weltranglistenersten Petra Kvitová und Karolína Plíšková sowie Kateřina Siniaková, die Nummer eins im Doppel, und ihrer Vorgängerin Barbora Strýcová. „Es ist unglaublich, sich mit all diesen wunderbaren Spielerinnen zu unterhalten. Ich fühle mich dann immer wie ein Kind zwischen Berühmtheiten, zu denen ich immer aufgesehen habe“, sagte Nosková.

Die „Berühmtheiten“ sonnen sich aber nicht in ollen Erfolgen, sondern arbeiten am tschechischen Erfolgsprojekt mit. Sie halfen als Coach (wie die verstorbene Novotná oder Suková) oder betreuen das Nationalteam (Strýcová). Was im tschechischen Ausbildungssystem anders läuft als beispielsweise im amerikanischen, hat Navratilova im vergangenen Jahr in einem Interview erklärt. Der Trainer stehe nicht mit einem Einkaufswagen voller Tennisbälle auf der anderen Seite und drille das Talent, einen Schlag nach dem anderen übers Netz zu pfeffern. Stattdessen würden Spielsituationen eingeübt.

Schon junge Spielerinnen und Spieler lernen, Punkte vorzubereiten, messen sich, um zu verstehen, dass sie in einem Match Höhen und Tiefen zu überstehen haben, und sollen erkennen, mit welchem Handwerkszeug sie welchen Gegner bezwingen können. Außerdem gebe es in Tschechien viele Turniere, sagte Krejčíková: „Wir spielen jedes Wochenende Einzel und Doppel gegeneinander.“ Das i-Tüpfelchen sind die Vorbilder. Als Jungprofi, erzählte Karolina Muchová, habe sie auf jene Spielerinnen geblickt, die etwa fünf Jahre älter waren: „Das hat mir den Glauben geschenkt, es auch zu schaffen zu können.“