„Es hat nicht jeder 50 Euro“ – Rentenexpertin widerspricht Merz‘ Renten-Tipp scharf


Stand: 13.07.2026, 15:26 Uhr

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Kanzler Merz rät zur privaten Altersvorsorge, doch Millionen Menschen haben dafür nicht genug Geld. Eine Expertin wirft Merz vor, die Realität zu verkennen.

Berlin – Viele arbeitende Menschen dürften sich diese Fragen mit einer gewissen Sorge stellen: Wird meine Rente später mal reichen? Klar ist, dass das deutsche System Reformen braucht, sonst drohen steigende Beiträge bei sinkender Leistung in der gesetzlichen Rentenversicherung. Zuletzt lieferte die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission deshalb einen breiten Katalog an Vorschlägen. Neben der gesetzlichen Rente werden auch die anderen Säulen wichtiger: die betriebliche und die private Altersvorsorge. Bei letzterer unterliegt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) aber einem Trugschluss, sagt nun eine Expertin.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) rät den Menschen, für das Alter auch privat vorzusorgen. Doch viele können das nicht, kritisiert nun eine Fachfrau.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) rät den Menschen, für das Alter auch privat vorzusorgen. Doch viele können das nicht, kritisiert nun eine Fachfrau. © picture alliance/dpa | Fernando Gutierrez-Juarez/ Elisa Schu

Dass angesichts der alternden Gesellschaft und drohender steigender Arbeitslosigkeit Stellschrauben im Rentensystem angepasst werden müssen, weiß auch Henriette Wunderlich. Die Rentenexpertin beim Sozialverband Deutschland (SoVD) verteidigt im aktuellen Videointerview unserer Serie „Ihr wollt‘s wissen“ die viel gescholtene gesetzliche Rente und ihr Umlagesystem aber auch. „Das Geld, das hereinkommt, wird direkt weitergegeben. Und aktuell funktioniert es ja auch noch ganz gut“, erklärte Wunderlich.

Rente: Viele Menschen haben nicht genug Geld für private Vorsorge

Sie sieht das Problem in der Rentendebatte woanders. „Wir haben in Deutschland ganz viel Geld, es ist nur super ungleich verteilt. Und die, die besonders hohe Vermögen haben, die werden zu wenig an den Kosten der Gesellschaft beteiligt“, lautet die Kritik der SoVD-Expertin. „Es redet keiner mehr über Vermögensteuer, über Erbschaftsteuerreform, das sind auch Themen, an die man rangehen könnte.“ Stattdessen schaue die Politik nur darauf, welche Kosten man habe und wie man diese reduzieren könne. „Aber es wird nicht geguckt: Was können wir vielleicht auch mal an der Einnahmenseite machen?“

Für den Sozialverband zeigt die politische Linie der Bundesregierung aus CDU, CSU und SPD in die falsche Richtung: „Und dann, das ist unser Eindruck beim SoVD, wird vor allem bei denen gekürzt, die ohnehin schon wenig haben“, sagt Wunderlich im Videointerview (das gesamte Gespräch rund um die Rente und die Frage, was die neuen Reformen für Sie bedeuten, finden Sie auf unserem YouTube-Kanal sowie im ausführlichen Video unten). „In der gesetzlichen Rentenversicherung erwirbt man kaum Renten, die über 2400 Euro brutto sind, wohlgemerkt. Und da fängt die Beamtenpension gerade erst an.“

Besonders Aussagen des Bundeskanzlers haben bei der Rentenfachfrau für Unverständnis gesorgt. „Er hat ja auf einer Konferenz mal gesagt: ‚50 Euro jeden Monat hat doch jeder, um das privat anzulegen‘ – das ist nicht so. Es hat nicht jeder 50 Euro zur Verfügung“, sagt Wunderlich.

Tatsächlich betonte Merz vor einigen Wochen, private Altersvorsorge sei entscheidend für eine auskömmliche Rente. „Man muss nur mit kleinen Beträgen früh genug anfangen und darf es nie unterbrechen“, so Merz. „Und wenn Sie mit 50 Euro im Monat anfangen, dann haben Sie eine sechsstellige Altersversorgung, wenn Sie dann mit 65, 68 in den Ruhestand gehen.“ Für die SoVD-Expertin ein falscher Blick auf die Bedingungen vieler Menschen. „Das ist ein Trugschluss und ich glaube, da verkennt er die Realität“, sagt Wunderlich.

Denn private Altersvorsorge könnten sich viele Menschen nicht leisten. „Gerade im Osten gibt es viele Menschen, die ausschließlich auf die gesetzliche Rente angewiesen sind. Und wenn ich in einem Minijob arbeite, wenn ich hohe Mieten habe, wenn ich generell nicht so viel verdiene – wie soll ich dann noch zusätzlich sparen?“

Die Bundesregierung plant, die private Altersvorsorge durch mehrere Hebel attraktiver zu machen. So soll die zwar viel genutzte, aber durch hohe Gebühren oft kaum rentable Riester-Rente durch „neue, flexiblere, renditenstärkere und kostengünstigere Produkte“ ersetzt werden. Ab 2027 soll außerdem ein Altersvorsorgedepot ohne Garantie steuerlich extra gefördert werden. (Quellen: Videoserie „Ihr wollt‘s wissen“, dpa, Bundesregierung)