Englische Privatschulen wie Eton bleiben Sprungbrett für politische Karrieren


Höchstwahrscheinlich wird dem Herzog von Wellington gar nicht zu Recht die Feststellung zugeschrieben, die Schlacht von Waterloo sei auf den Sportfeldern von Eton gewonnen worden. Jedenfalls aber siegte Wellington nicht bloß in jener letzten Schlacht gegen Napoleon, sondern war auch einer der zwanzig britischen Premierminister, die das College an der Themse absolvierten – die Namen der beiden bislang letzten lauten David Cameron und Boris Johnson.

Der Mythos, dass es in der erfolgreichen englischen Erziehung nicht bloß auf akademische Wissensvermittlung, sondern auch auf die Förderung von Sportsgeist und Führungskraft ankomme (und dass diese vor allem an Privatschulen, am besten auf Internaten zu erwerben seien), ist weiter lebendig und gerade erst durch die Nachricht aufgefrischt worden, dass Prinz George, der mutmaßlich übernächste Monarch des Vereinigten Königreiches, Eton College bezogen hat.

Trotz aller Bemühungen britischer Bildungspolitiker, zumal der Labour-Partei, dem Schulsystem im Vereinigten Königreich zu einer egalitären Ausgewogenheit zu verhelfen, bleibt die verbreitete Annahme zutreffend, dass der Besuch kostenpflichtiger höherer Privatschulen die beruflichen Aussichten auf dem weiteren Lebensweg entscheidend verbessere. Die Statistik belegt das. Die privaten Schulen, die in England irritierenderweise als Public Schools bezeichnet werden, weil sie einst ihren Zugang nicht auf bestimmte regionale oder berufliche Herkünfte beschränkten, bilden rund sieben Prozent einer Jahrgangskohorte britischer Schüler und Schülerinnen aus.

Auch Stipendien helfen nur begrenzt

An den Universitäten des Vereinigten Königreiches stellen die Absolventen der Privatschulen insgesamt rund knapp zehn Prozent der Studentenschaft. Diese Durchschnittszahl sagt wenig aus. Doch an acht der führenden britischen Universitäten, unter ihnen Oxford und Cambridge, Exeter und Edinburgh, Imperial College und University College London, lag letzthin der Anteil der Privatschüler bei mindestens dreißig Prozent.

Der Verband „Unabhängiger Schulen“ – wie sich die privat geführten Bildungsstätten selbst etikettieren – weist darauf hin, dass rund ein Drittel der privaten Schülerschaft mit einem Stipendium materiell unterstützt wird, sodass die Schulgebühren, die bei den Internaten umgerechnet bis zu rund 75.000 Euro im Jahr erreichen können, nur von zwei Drittel der Schüler-Familien selbst aufgebracht werden müssen.

Allerdings hat eine Studie des University College London jüngst ermittelt, dass Schüler aus bedürftigen Familien lediglich 18 Prozent der Stipendien-Empfänger stellen, während Schüler aus wohlhabenden Familien dreißig Prozent der Stipendien in Anspruch nehmen. Überdies hält nach der Studie die Höhe der ausgezahlten Unterstützungsbeiträge bei Weitem nicht Schritt mit den in den vergangenen Jahren drastisch gestiegenen Schulgebühren.

Mehrwertsteuer auf die Schulgebühren

Zu deren Erhöhung hat neben allgemeinen Inflationsmechanismen vor allem die Entscheidung der aktuellen britischen Labour-Regierung beigetragen, die Schulgebühren im privaten Bildungssektor seit 2025 mit dem normalen Mehrwertsteuersatz zu belegen. Die zusätzlichen Steuereinnahmen von umgerechnet knapp 2,5 Milliarden Euro jährlich sollten dem staatlichen Schulsystem zugutekommen; eine Absicht lautete, 6500 zusätzliche Lehrer einzustellen. D

iese unverhüllte Umverteilung hatte nach Angaben des Privatschulverbands den Effekt, dass rund 30.000 Schüler die gebührenpflichtigen Schulen verließen und im staatlichen Erziehungssystem um Aufnahme baten. Außerdem sei es zu einem Anstieg von Insolvenzen gekommen. Rund hundert der insgesamt 2400 unabhängigen Schulen hätten im vergangenen Jahr ihre Schließung bekannt gegeben.

Dass die aktuelle Labour-Regierung ihren kühnen Besteuerungsbeschluss gegen massiven öffentlichen Widerstand durchsetzte und damit der privaten Bildung quasi den Status der Gemeinnützigkeit nahm, hat womöglich auch mit der ihrer eigenen Bildungsgeschichte zu tun. Nur acht Prozent des Kabinetts Starmer, das die Entscheidung fällte, waren Absolventen privater Schulen. In den früheren Labour-Kabinetten Blair und Brown hatte deren Quote noch bei rund einem Drittel gelegen – am Kabinettstisch sämtlicher konservativer Premierminister hatten stets rund zwei Drittel der Minister und Ministerinnen eine private Schulbildung genossen.

Bildungsexport nach China

Es ist trotzdem eher unwahrscheinlich, dass diese über Steuern gesteuerte Umverteilung im englischen Bildungswesen (das schottische Bildungssystem ist stärker staatlich und egalitär geprägt) die starke soziale Spreizung der englischen Gesellschaft dauerhaft vermindern wird. Der elitäre, aber umfassende Bildungsbegriff, den die „public schools“ vermitteln, wird seine Anziehungskraft nicht verlieren; er hat sich im Gegenteil in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Exportartikel entwickelt. Englische Privatschulen betreiben mittlerweile rund 150 Schul-Satelliten in asiatischen und afrikanischen Ländern, die meisten davon in China.

Zu den Mutterhäusern, die damit im Ausland mit ihrem Namen zusätzliche Einkünfte erzeugen, zählt zwar nicht Eton, aber dessen Rivale Harrow oder das gleichfalls nahe gelegene Wellington College. Dort war einst der Schriftsteller George Orwell untergebracht, bevor er dann doch nach Eton wechselte und – im Jahr 1941 – das vermeintliche Bonmot des Herzogs aktualisierte. Orwell befand, vielleicht sei der Sieg von Waterloo auf den Sportfeldern von Eton gewonnen worden, sicher aber seien die Eröffnungsschlachten aller folgenden Kriege dort verloren gegangen.