Film „Transit Times“: Ein Land verschwindet nicht mit einem Knall
In Deutschland gibt es nur selten Filme aus Moldau zu sehen. Dieser fängt den Alltag im Land im Jahr 1997 grandios ein.
Foto: Filmreederei GmbH
E igentlich, dachte ich vergangene Woche, möchte ich meine nächste Kolumne den Männern widmen. Osteuropäischen Männern. Solchen, die den Zusammenbruch des Sozialismus erlebt haben, vielleicht in den Westen ausgewandert sind und dort auf den Systemwechsel und das neue Leben mit Lethargie reagiert haben oder klinisch ausgedrückt: mit Depression. Die bald wie faules Obst in ihren Sesseln zusammenfielen und ihre Frauen das machen ließen, was sie schon im Sozialismus getan hatten: die Familie durchbringen, sie irgendwie notgedrungen zusammenhalten.
Ich kam darauf, weil die Mutter einer Freundin so freudig über den Film „Transit Times“ berichtete, den sie im Kino gesehen hatte. Die Geschichte ist schnell umrissen: Eine Familie – Mutter Zina, Vater Victor, Tochter Eva – in Moldau 1997, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Früher Teil der Intelligenzija, kämpfen sie jetzt ums Überleben. Zina, die an einem Kindertheater arbeitet, hat seit Monaten keinen Lohn bekommen. Victor ist Künstler, malt weiter, obwohl er nichts verkauft, und versinkt in Melancholie. Eva, begabte Klavierspielerin, soll weiter am Konservatorium unterrichtet werden, doch eigentlich reicht das Geld nicht einmal für den Strom.
Zuvor dachte ich also: Von diesen Männern will ich erzählen. Die mit einer Welt verschwinden, in der sie einmal wussten, wer sie waren. Victor sagt irgendwann: „Ich bin immer noch Künstler. Bin ich nicht gut genug? Passe ich nicht in diese Welt?“ Er schläft beleidigt im Atelier, während Zina versucht, Geld aufzutreiben. Sie schickt ihn aufs Dorf, um Wodka zu holen, und verkauft ihn in der Stadt.
Doch dann saß ich im Kino, mit fünf anderen, die weiß Gott was Sonntagabend in diesen Film gezogen hatte, und konnte mein Glück nicht fassen. Diesen Film sollten alle sehen, dachte ich tief berührt! Nicht, weil er die Geschichte besonders laut oder dramatisch erzählt. Im Gegenteil.
Was war mit denen, die blieben?
„Transit Times“ ist erstaunlich unspektakulär, alltäglich. Und fängt gerade deshalb diese Zeit so genau ein. Ein Land verschwindet nicht mit einem Knall. Es verschwindet aus dem Alltag: Russisch wird durch Rumänisch ersetzt, Geschäfte bleiben leer, Kriminelle machen Business, Klöster werden wieder aufgebaut, weil die Kirche an Macht gewinnt. Plötzlich ging es um viel mehr als die Männer. Eigentlich war es ein Film über das Verschwinden – und die Zurückgelassenen.
Über Moldau gibt es selten Filme, noch seltener sind sie hier zu sehen. Vielleicht hat mich dieser deshalb so getroffen. Als Journalistin habe ich mich viel mit dem Leben derjenigen beschäftigt, die einst wie wir in den Neunzigern aus dem Osten in den Westen gegangen waren. Aber was war mit denen, die blieben? Die nicht gehen konnten, nicht wollten oder nicht wussten, wie? Wie sah ihr Alltag aus, wenn die alte Welt verschwunden war, aber eine neue noch nicht entstanden?
Alle um Zina herum gehen. Eine Nachbarin, Jüdin, sagt über ihre Auswanderung nach Israel: „Ich gehe zum Sterben, nicht zum Leben.“ Andere versuchen es mit gefälschten Pässen, Heiratsagenturen oder kleinen Geschäften.
Wahrscheinlich hat mich der Film deshalb so überwältigt: Weil er mich auf die Menschen schauen ließ, die in meiner eigenen Auswanderungsgeschichte unsichtbar geworden waren. Und weil er daran erinnert, dass die Neunzigerjahre in den ehemaligen Sowjetrepubliken nicht einfach eine abgeschlossene historische Episode sind. Wenn wir heute auf Armut, Korruption oder das Misstrauen gegenüber Institutionen in diesen Ländern schauen, sehen wir auch die Folgen dieser Jahre.
Entfremdung, „Înstrăinare“, lautet der rumänische Zweittitel des Films. Ich fühlte mich ertappt. Entfremdet waren die Menschen nicht nur von ihrem Staat, sondern auch voneinander.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.
Jetzt unterstützen
Erica Zingher
Autorin und Kolumnistin
Beschäftigt sich mit Antisemitismus, jüdischem Leben, postsowjetischer Migration sowie Osteuropa und Israel. Kolumnistin der "Grauzone" bei tazzwei. Freie Podcasterin und Moderatorin. Axel-Springer-Preis für jungen Journalismus 2021, Kategorie Silber.
Chronisch kranke Frauen
Wenn Schmerzen bagatellisiert werden
Kolumne Grauzone von Erica Zingher
Frauen und Kinder stehen im Gesundheitssystem an hinterster Stelle, sagt ein Arzt zu unserer Kolumnistin für diesem Text. Soll das wirklich so bleiben?
Kunst in Krisen- und Kriegszeiten
Die Kultur bleibt wehrhaft
Kolumne Eastsplaining von Yelizaveta Landenberger
Autoritäre, prorussische Regime schränken Kultur zunehmend ein. Wie die Kunst sich dagegen wehren kann, damit beschäftigte sich ein Symposium in München.
Vereinigung von Moldau und Rumänien
Vision, Versicherung – oder Verrat?
Kolumne Grauzone von Erica Zingher
Für ihr Land werde es schwieriger, als demokratischer und souveräner Staat zu überleben, sagt die Präsidentin der Republik Moldau. Hat sie recht?
taz FUTURZWEI im Abo entdecken
Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren