Flucht, Trauma, Wiederholung: Warum die Wunden von 1945 bis heute nicht heilen
Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,
dieser 2. September ist für viele Deutsche ein besonderer Tag. Das Berliner Dokumentationszentrum für Flucht, Vertreibung und Versöhnung startet heute einen bundesweiten Aufruf, Zeugnisse zu sammeln: Briefe, Fotos und Erinnerungsstücke für eine Ausstellung, die im kommenden Jahr an die Vertreibung von Millionen Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten vor acht Jahrzehnten erinnern soll. Es ist eine kollektive Aufforderung, das Gedächtnis noch einmal zu befragen, bevor die letzten Zeitzeugen verstummen.
Was damals geschah, hat Spuren in unzähligen Familien hinterlassen. Im Winter 1944/45 brachen Millionen Deutsche auf: aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Danzig und Ostbrandenburg, dann auch aus dem Sudetenland, aus Ungarn und Rumänien. Sie flohen vor der heranrückenden Roten Armee, über zugefrorene Haffe und verschneite Äcker, mit Pferden oder Handkarren, in einem Europa, das in Trümmern lag. Schlussendlich hatten mehr als 14 Millionen Menschen ihre Heimat verloren; etwa 12,5 Millionen erreichten die Gebiete westlich der Oder.
Wie viele unterwegs ums Leben kamen, weiß niemand genau: Das Bundesarchiv und der Kirchliche Suchdienst nennen rund 600.000 nachweisbare Opfer, das Dokumentationszentrum spricht von bis zu einer Million, während Vertriebenenverbände an der Zahl von zwei Millionen festhalten. Schon der Streit um die Toten ist Teil der Geschichte.
Auch zur Gewalt gegen Frauen gibt es nur grobe Schätzungen. Allein für die Stadt Berlin kursiert die Zahl von 100.000 Vergewaltigungen; für den gesamten Vormarsch der Sowjetarmee reichen die Annahmen von Hunderttausenden bis zur schwer belegbaren Marke von zwei Millionen – die Historikerin Miriam Gebhardt kommt für die sowjetische Zone, aus der später die DDR hervorging, auf eine halbe Million. Viele Rotarmisten begriffen ihre Gewalttaten als Rache für die Verbrechen der deutschen Einsatzgruppen des SD, der SS und der Wehrmacht, die in Osteuropa jahrelang bestialisch gewütet und Millionen Menschen gequält und ermordet hatten.
Menschliches Leid lässt sich nicht aufrechnen. Es gibt keine Waage, auf der tote Deutsche gegen tote Ukrainer, Russen oder Belarussen verrechnet werden könnten. Wem Leid widerfährt, der ist ein Opfer und verdient Mitgefühl. Wer anderen Leid zufügt, ist ein Täter und verdient Ächtung und Strafe. Doch auf beiden Seiten wurden viele Täter von damals nie zur Rechenschaft gezogen. Strafen hätten das Leiden der Opfer nicht geschmälert, aber für die Angehörigen und Nachfahren ein Zeichen gesetzt, was Recht ist und was Unrecht. Das ist zigtausendfach unterblieben, und auch das macht die historische Last der Verbrechen so schwer.
Sie bedrückt viele Familien bis heute. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich individuelle Schreckenserlebnisse von einer Generation auf die folgenden fortpflanzen können – psychologisch, aber auch genetisch. So kommt es, dass die vor mehr als 80 Jahren begangenen Verbrechen bis heute viele Familien bedrücken. Sie schüren Konflikte, versteinern Erinnerungen zu Unsagbarem und bereiten manchen Zeitgenossen immer noch Albträume. Selbst lange zurückliegende Traumata lassen sich nur schwerlich überwinden, manchmal gelingt es nicht einmal durch Therapien.
Auch deshalb sind Gedenkprojekte wie das in Berlin so wichtig: Nur so bleibt die Erinnerung an die Opfer wach, nur so wird die europäische Geschichte verständlich, nur so lässt sich etwas aus ihr lernen, damit sich dergleichen hoffentlich nie wiederholt. Und vielleicht helfen sie auch manchen Menschen, die dunklen Winkel ihrer Familiengeschichte auszuleuchten.
Sich darum zu kümmern, erschöpft sich nicht in Vergangenheitsbewältigung. Flucht und Vertreibung zählen auch zu den größten Problemen der Gegenwart. Immer mehr Menschen müssen ihre Heimat verlassen – sie fliehen vor Kriegen und Konflikten, Armut oder den Folgen der Klimakrise. Mitteleuropa gerät dabei unter wachsenden Druck aus Nordafrika, dem Nahen Osten und Osteuropa. Die Illusion, man könne diese Dynamik allein durch das Abriegeln von Grenzen zum Stehen bringen, ist in diesem Sommer öffentlichkeitswirksam entlarvt worden: Beim Ansturm auf die spanische Exklave Ceuta in Marokko kamen wohl mehr als 70 Menschen ums Leben; einen Monat später hausen noch immer 5.000 Migranten in behelfsmäßigen Unterkünften, während ein scharfer Streit über das Schengen-Grenzabkommen die EU-Staaten entzweit. Kaum ging es darum, die Krise solidarisch zu bewältigen, war es mit der europäischen Einigkeit vorbei. Das zeigt, wie wackelig das mit großem Bohei beschlossene Gemeinsame Europäische Asylsystem in Wirklichkeit ist.
Was immer noch fehlt, ist ein politischer Konsens darüber, dass Europa die Fluchtursachen an der Wurzel bekämpfen muss. Wenn Dürren in Nordostafrika Menschen die Lebensgrundlage entziehen, ist das nicht deren Schuld – sie haben zum Klimawandel kaum beigetragen, den hat überwiegend der reiche Norden verursacht. Auch die Kriege in der Ukraine und im Sudan sind nicht von den Bewohnern dieser Länder angezettelt worden, sondern von skrupellosen Warlords wie Wladimir Putin und Mohammed Daglo.
Darauf braucht Europa neue Antworten. Sollte Putin nach den Scheinwahlen in zwei Wochen wirklich eine Generalmobilmachung anordnen und weitere Hunderttausende Soldaten an die Front schicken, geriete die ukrainische Verteidigung unter noch größeren Druck. Zerbräche sie, könnte die nächste große Fluchtwelle Richtung Deutschland, Polen, Tschechien rollen. Erst dann an die innereuropäische Solidarität zu appellieren, käme zu spät. Niemand, der halbwegs bei Verstand ist, wünscht sich eine Niederlage der Ukraine gegen den Aggressor aus Moskau. Aber Kriege gehorchen nun einmal nicht dem Wunschdenken. Besser, man bereitet sich rechtzeitig auf alle Eventualitäten vor, statt später vom Chaos überfordert zu werden.
So gesehen ist der heutige Tag ein Weckruf. Flucht und Vertreibung zählen wieder zu den größten Herausforderungen der Gegenwart. Deshalb braucht es ehrliche gesellschaftliche Debatten, neue politische Konzepte und mehr solidarische Initiativen. Die Handkarren von 1945 verblassen auf den Schwarzweißbildern. Die Karren der Geschichte aber rollen weiter. Man sollte sie rechtzeitig kommen sehen.
Scharfe Antwort auf Putin
Anschläge, Sabotage, Propaganda: Seit Jahren führt das Kreml-Regime einen hybriden Krieg gegen Deutschland; in jüngster Zeit werden die Attacken immer brutaler. Nun hat die Bundesregierung Russland für den versuchten Sprengstoffanschlag auf ein Flugzeug in Leipzig verantwortlich gemacht – und reagiert hart: Das russische Generalkonsulat in Bonn und das Russische Haus in Berlin werden geschlossen. Außenminister Johann Wadephul (CDU) und Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) verkündeten die Strafen gemeinsam. "Das ist längst überfällig", kommentiert meine Kollegin Julia Naue. "Doch es hätte ein Machtwort des Kanzlers gebraucht, eine deutliche Ansage an Putin von ganz oben."