"Frau Winkler verlässt das Haus" mit einem Tschechow rezitierenden Roboter


Im Kino

"Frau Winkler verlässt das Haus" mit einem Tschechow rezitierenden Roboter

Im neuen Film von Doris Dörrie spielt Angela Winkler eine Großmutter, die sich mit ihrem Pflegeroboter Pawlowitsch anfreundet

Valerie Dirk

In einem farbenfrohen Raum steht eine Gruppe von Menschen und ein humanoider Roboter zusammen. Eine ältere Frau sitzt in einem Pflegebett, während ein Mädchen, eine Frau und eine weitere Person neben dem Roboter stehen. Der Roboter trägt einen gestreiften Bademantel, und sein Bildschirm zeigt ein neutrales Gesicht mit leuchtenden Augen. Die Stimmung wirkt ruhig und freundschaftlich.
Familienaufstellung mit Roboter: Angela Winkler, Laura Tonke, Zoë Baier, der Österreicher Josef Ellers im Robo-Kostüm und Via Jikeli.

Spätestens seit der großen Retrospektive zu Doris Dörrie, die 2023 im Filmarchiv Austria stattfand, fällt einem zu der deutschen Regisseurin nicht mehr nur reflexartig ihr erster großer Kinoerfolg Männer von 1985 ein, in dem sich Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht im Yuppie-Dasein messen. Nein, die 71-jährige Dörrie, die wie ein Komet über der deutschen Filmbranche schwebt und gelegentlich eine Sternschnuppe regnen lässt, hat sich längst freigemacht von ihrem Publikumsliebling, der bis heute die deutsche Komödie prägt.

Dieses Genre hat sich, im Gegensatz zu seiner Schöpferin, nicht weiterentwickelt. Dörries Filmen kann man eine Neugier und Offenheit ablesen, sie mischen Komisches mit Tragischem, und harsche Werturteile und platte Stereotypisierungen liegen ihnen fern. Gerade Dörries Alterswerk zeugt von einer tiefen Auseinandersetzung mit Tod, Liebe und Verlust. Hanami – Kirschblüten mit den bereits verstorbenen deutschen Schauspielerikonen Elmar Wepper und Hannelore Elsner erweicht auch die härtesten Herzen. Darin zieht Weppers Figur die Kleidung seiner verstorbenen Frau an, um seine Trauer zu verarbeiten.

Kein Vodka für Frau Winkler

In Dörries neuem, nun im Kino laufenden Film Frau Winkler verlässt das Haus trauert die Hauptfigur Frau Winkler – gespielt von der grandiosen, bereits 82-jährigen Angela Winkler – noch immer um ihren vor langer Zeit bei einer Wanderung in den bayerischen Alpen verstorbenen Mann und Schauspielpartner Bruno (verkörpert vom Kärntner Josef Ellers in einer Doppelrolle). Frau Winkler legt noch immer Wert auf ihr Äußeres, auch wenn sie sich vor dem Spiegel fragt, für wen sie das überhaupt noch mache. Sagen wir mal so: Wenn sie den sozialen Medien aufgeschlossener gegenüberstehen würde, könnte sie mit ihrem Modestil eine "Granny-Influencerin" werden.

Eine ältere Frau mit grauen Haaren steht am Ufer eines Gewässers. Sie trägt einen bunten Karoschal und blickt gedankenverloren in die Ferne. Im Hintergrund ist Wasser und eine verschwommene Stadtlandschaft zu sehen.
Die unverwechselbare Angela Winkler spielt Frau Winkler, eine ehemalige Schauspielerin.

Doch Frau Winkler steht der Technisierung skeptisch gegenüber, dabei ist ihre Umwelt, wir sind in der nahen Zukunft im Jahr 2030, voll davon: Der Kühlschrank teilt ihr mit, dass ihre Lebensmittel abgelaufen sind, im Café bedient ein Roboter, der ihr den Vodka-Konsum untersagt, auf der Straße gehen Roboter mit Hunden Gassi.

Moralische Schwergewichte

Nach einem Sturz, ist Frau Winkler aber auf technische Hilfe angewiesen, da ihre Tochter Emi, die die nicht minder grandiose Laura Tonke mit viel Natürlichkeit spielt, ein Schauspielengagement ergattert hat (obwohl das Theater natürlich nur noch etwas für wenige Feingeister ist). Mit fremden Leuten im Dunkeln sitzen, das sei gar nichts für sie, sagt etwa die Mitarbeiterin der Versicherung, die Frau Winkler mit dem Pflegeroboter ausstattet. Frau Winkler, anfangs offen feindselig, freundet sich mit Pawlowitsch an, wie sie den Roboter nennt. Denn dieser kann, dank KI‑gespeistem Hirn, ganz toll Tschechow rezitieren. So spielen Mutter und Tochter Theater und beide sind, trotz mancher Probleme, ganz zufrieden.

Dass Pawlowitsch auch assistierten Suizid anbietet, sei volkswirtschaftlich einfach sinnvoll, sagt die Versicherungsangestellte. Es kommt dann irgendwie fast so, wie es kommen muss. Aber nicht ganz. Und das unterscheidet ein mittelmäßiges von einem klugen Drehbuch. Ganz genau weiß man letztlich zwar nicht, wo die Moral der Geschichte liegt, denn die Themen wiegen schwer – Pflegekrise, Kulturkrise, Klimakrise, Sterbehilfe, KI –, aber man ist auch dankbar, dass Dörrie ihre einfallsreiche und grandios gespielte Tragikomödie nicht mit Urteilen beschwert hat. (Valerie Dirk, 6.10.2026)

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