Frühgeburt durch Dürre? Studie zeigt, wie der Klimawandel Schwangere gefährdet
Stand: 17.09.2026, 19:00 Uhr

Dürreperioden während der Schwangerschaft erhöhen das Risiko für Frühgeburten messbar. Welches Ausmaß die Klimakrise auf die Gesundheit von Mutter und Kind hat, zeigt die Analyse von 30 Millionen Geburten.
Der Klimawandel und Hitzewellen setzen die Gesundheit von Mensch und Planet stark unter Druck. Einer internationalen Studie zufolge, die vom spanischen Forschungsinstitut IR Sant Pau gemeinsam mit dem brasilianischen CIDACS-Zentrum koordiniert und in The Lancet Regional Health – Americas veröffentlicht wurde, erhöht Dürre während der Schwangerschaft das Risiko für Frühgeburten und ein geringes Geburtsgewicht. Die Forschenden weisen darauf hin, dass die gesundheitlichen Folgen weit über die Schwangerschaft hinausreichen könnten.
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Dieser Artikel von Valentina Rorato entstand in Kooperation mit Corriere della Sera.
Die Untersuchung stützt sich auf ein außergewöhnlich großes Datenvolumen: Die Autoren analysierten rund 29,8 Millionen Geburten, die zwischen 2001 und 2020 in Brasilien registriert wurden. Die Kohorte umfasst Personen, die in Sozialprogramme eingeschrieben sind. Sie repräsentiert damit die sozioökonomisch am stärksten benachteiligte Hälfte der Bevölkerung – eine Gruppe, die häufiger unter Ernährungsunsicherheit, Wassermangel und Hürden bei der medizinischen Versorgung leidet.
Die Forschenden betrachteten drei Endpunkte:
- die Geburt vor der 37. Schwangerschaftswoche
- ein niedriges Geburtsgewicht bei reif geborenen Kindern (unter 2.500 Gramm nach mindestens 37 Wochen)
- sowie Neugeborene, die für ihr Gestationsalter zu klein sind.
Das Ausmaß der Dürre ermittelten die Forschenden über einen Index, der Niederschlag und temperaturbedingten Wasserverlust für drei, sechs und neun Monate vor der Geburt kombiniert. Der wichtigste Befund: Die Wahrscheinlichkeit für eine Frühgeburt steigt über alle Zeiträume hinweg konsistent um rund 2 Prozent. Absolut entspricht dies 1,4 bis 1,7 zusätzlichen Fällen pro tausend Geburten.
Besonders deutlich zeigt sich dieser Zusammenhang bei einer Dürrebelastung über sechs Monate, wobei das Risiko mit der Intensität zunimmt: von etwa 1 Prozent bei moderaten Ereignissen über 3 Prozent bei schweren bis hin zu 5 Prozent bei extremen Dürreperioden. Am empfindlichsten reagieren Schwangere in der mittleren und späten Phase der Schwangerschaft.
Geringe Effekte – große Auswirkungen auf Bevölkerungsebene
„Die relative Größenordnung mag bescheiden erscheinen, muss aber aus Bevölkerungsperspektive gelesen werden“, erklärt Aline Rocha, Erstautorin der Studie. „Dürren treffen gleichzeitig große Gebiete und Millionen von Menschen. Deshalb kann schon ein kleiner Anstieg zu vielen zusätzlichen Frühgeburten führen.“ Sechs- oder neunmonatige Dürreperioden stehen zudem mit einem Anstieg um 1 bis 2 Prozent bei Neugeborenen in Zusammenhang, die für ihr Gestationsalter zu klein sind – insbesondere bei einer Belastung in der frühen oder mittleren Schwangerschaftsphase. Bei termingerecht geborenen Kindern zeigt sich dagegen kein klarer Zusammenhang mit einem niedrigen Geburtsgewicht. Hier sind weitere Analysen nötig.
Das Risiko für eine Frühgeburt steigt zusätzlich, wenn Dürre und extreme Hitze zusammenfallen. In Gemeinden mit einem sehr niedrigen Index der menschlichen Entwicklung ist eine sechs- oder neunmonatige Dürre mit einem Anstieg der Frühgeburtsrate von etwa 8 bis 10 Prozent verbunden – ein Wert deutlich über dem Studienmittel. „Klimatische Ereignisse treffen nicht alle gleich“, betont Rocha. „Soziale Bedingungen bestimmen, in welchem Maß Menschen sich vor Nahrungsknappheit und Wassermangel schützen, sich angemessen ernähren oder pränatale Versorgung nutzen können. Anpassungsmaßnahmen müssen sich daher gezielt an besonders verletzliche Schwangere richten.“
Mögliche biologische Mechanismen und Rolle sozialer Ungleichheiten
Die Untersuchung ist als Beobachtungsstudie angelegt. Sie belegt keinen kausalen Zusammenhang und weist die beteiligten Mechanismen nicht eindeutig nach. Die Autoren nennen jedoch mehrere mögliche Auslöser: Dehydration, Hitzestress, Entzündungsprozesse, hormonelle Veränderungen sowie Versorgungsengpässe bei Nahrung, Wasser oder Pränatalbetreuung. Eine längere Belastung kann sich zudem auf die mütterliche Ernährung und die Funktion der Plazenta auswirken. Dadurch verschlechtert sich die Versorgung des Fötus mit Sauerstoff und Nährstoffen, was das Risiko für Frühgeburten und Wachstumsstörungen erhöht.
Obwohl sich die Forschung auf Brasilien konzentriert, sind die Ergebnisse auch für andere Regionen wie das Mittelmeerbecken relevant, das zunehmend unter Dürre und Extremtemperaturen leidet. „Wir müssen die Folgen solcher Krisen frühzeitig erkennen und verstehen, wie sie sich auf empfindliche Gruppen wie Schwangere und Kinder auswirken“, erklärt Otavio Ranzani, wissenschaftlicher Koordinator der Studie. Die Forschenden betonen jedoch, dass sich die Schätzungen nicht eins zu eins auf andere Regionen übertragen lassen, da Effekte von Klimabedingungen, Infrastruktur, sozialen Ungleichheiten und der lokalen Anpassungsfähigkeit abhängen.
Klimadaten stärker in die Gesundheitsvorsorge integrieren
Auf Basis dieser Daten halten es die Forschenden für sinnvoll, Klimainformationen in Strategien der Mutter-Kind-Gesundheit zu integrieren. Dazu gehören der Ausbau der Pränatalversorgung während Extremwetterlagen, der gesicherte Zugang zu sauberem Trinkwasser, gezielte Ernährungsunterstützung sowie Frühwarnsysteme, die Umwelt- und Gesundheitsdaten zusammenführen. Parallel setzt das IR Sant Pau die Forschungsarbeit fort: Die Wissenschaftler untersuchen nun, ob Dürrebelastung auch das Wachstum von Kindern in den ersten fünf Lebensjahren beeinträchtigt und welche Präventivmaßnahmen helfen.