Gersprenz bekommt Kokoswalzen, Kies und Fischtreppe


Stand: 07.08.2026, 08:00 Uhr

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Die Gersprenz kommt aus dem Odenwald und mündet in den Main. Viel an Leben hat das Flüsschen durch menschliche Zugriffe eingebüßt. Inzwischen gibt es ein Umdenken, Renaturierungsmaßnahmen und Fördergelder. Einer, der sich engagiert, ist ASV-Gewässerwart Thomas Reis.

Die Gersprenz kommt aus dem Odenwald und mündet in den Main. Viel an Leben hat das Flüsschen durch menschliche Zugriffe eingebüßt. Inzwischen gibt es ein Umdenken, Renaturierungsmaßnahmen und Fördergelder. Einer, der sich engagiert, ist ASV-Gewässerwart Thomas Reis. © Ursula Friedrich

Der ASV Harreshausen hat ein Pilotprojekt angestoßen, um die seit den 1930er-Jahren begradigte Gersprenz zu renaturieren. Der Wasserverband setzt die Ideen nun um – mit zwei Lkw-Ladungen Kies, Kokoswalzen gegen Unterspülung und einer geplanten Fischtreppe.

Babenhausen – Vom renaturierten Kiessee bis zur Rückkehr des verschwundenen Karpfenfischs in die Gersprenz: Der ASV Harreshausen hat bewiesen, was Artenschutz bewirken kann, und packt nun die ökologische Aufwertung des gesamten Fließgewässers in seinem Revier an. Denn – und das reicht bis in die 1930er-Jahre zurück – die Gersprenz wurde durch den ehemaligen Reichswehrdienst künstlich begradigt. Im schnurgeraden Bett eingeschnürt, hat das Gewässer, das vom Odenwald bis in den Main fließt, an seiner Tier- und Pflanzenwelt massiv eingebüßt.

Das Erbe der 1930er-Jahre

Der Angelverein hat nicht nur den Vereinssee am Stockstädter Weg bei Harreshausen vom Kunstgewässer (Kiesgrube) in einen artenreichen Natursee verwandelt. Der ASV ist auch für rund vier Kilometer der Gersprenz verantwortlich, die unter anderem regelmäßig entmüllt wird. „Es gibt hier keine Wasserpflanzen, es fehlen typische Wasserbewohner wie Köcherfliegen und Bachflohkrebse – und damit die Basis für viele Fische“, berichtet Gewässerwart Thomas Reis. Gemeinsam mit ASV-Vereinschef Kevin Kuhn hat er ein Renaturierungsprojekt angeschoben und damit eine Welle geschlagen. Bei einer außergewöhnlichen Gewässerschau im April sind etliche Behörden an Bord, unter anderem die Obere Fischereibehörde des Regierungspräsidiums Darmstadt (RP) und der Wasserverband Gersprenzgebiet. Das Konzept, das die Harreshäuser Angler zur Strukturverbesserung der Gersprenz vorstellen, wird nicht nur angehört, der Gewässerverband nimmt viele Ideen auf und setzt sie in einem Pilotprojekt um.

„Die Gersprenz wurde begradigt, durch Einleitungen verunreinigt und Bauwerke wurden eingebracht“, benennt Thomas Elgert, Verbandsingenieur des Wasserverbands Gersprenzgebiet, die Problemlage. Das Flüsschen, das einst mäanderte, wurde in ein Bett gezwungen. Dadurch verschwanden Pflanzen, Insekten, Krebse und viele Fischarten. „Durch die Fließgeschwindigkeit gibt es keine Laichmöglichkeiten, kein Totholz, und kleine Fische werden einfach weggetrieben“, so der ASV-Gewässerwart. Hinzu kommt, dass sieben Meter Gefälle im Bereich Harreshausen zu verzeichnen sind.

Es gibt ein Umdenken, und im Schulterschluss mit Kommunen werden Maßnahmen zum naturnahen Rückbau zur Biodiversität und Gewässergüte am gesamten Strömungsverlauf der Gersprenz vorangetrieben. Dem Wasserverband Gersprenzgebiet gehören 21 Kommunen sowie der Landkreis Darmstadt-Dieburg an. Er betreut rund 160 Kilometer Verbandsgewässer und ist für Unterhaltung, naturnahen Rückbau und Hochwasserschutz zuständig. Übergeordnet sind EU-Vorgaben, Fließgewässer in einen guten ökologischen Zustand zu versetzen, die sogenannte Wasserrahmenrichtlinie. In Harreshausen, wo der ASV vier Kilometer der Gesprenz betreut, hätten die Angler den Impuls für ein Pilotprojekt gesetzt: „Mit sogenannten Kokoswalzen als Schutz wollen wir die stark unterspülten Ufer befestigen und so die Basis für Wasserpflanzen schaffen, sodass sich neue Strukturen ausbilden können“, erklärt Reis, der am liebsten mit den Vereinskollegen losgestartet wäre. „Versicherungstechnisch dürfen wir es nicht umsetzen“, bedauert er. Doch der Wasserverband griff das Gros der Ideen auf und ist bereits gestartet.

Mit zwei Lkw-Ladungen Kies oberhalb und unterhalb der Brücken wurden am Grund des Gewässers neue Strukturen geschaffen – die Basis für Fische, die nun ablaichen können. Neuland betritt der Verband mit den Kokoswalzen, die demnächst bestellt und je nach Lieferung im Herbst oder Frühjahr montiert werden. Sie sollen mit Pflöcken und Seilen befestigt werden, die Böschung stützen und Pflanzen beim Wurzeln helfen und so Lebensbedingungen für Amphibien, Schnecken, Muscheln, Würmer, Insekten und mehr herstellen. Zudem werden im Wasser und außerhalb Bepflanzungen vorgenommen. Finanziert wird all das über ein Förderprogramm des Landes Hessen zur Förderung von Maßnahmen zur Gewässerentwicklung und zum Hochwasserschutz.

Schulterschluss für den Artenschutz

„Ohne den geraden Verlauf eines Flusses in die ursprünglichen Schlanglinien zu verändern, gibt es spezielle moderne Verfahren“, erklärt Thomas Elgert. Nach dem sogenannten Instream River Training kann Strömung gesteuert werden. Die Gersprenz zwischen Münster und Hergershausen soll etwa durch große Störsteine (Buhnen) renaturiert werden. In Harreshausen erwartet den Verband zudem eine größere Herausforderung: Das alte Wehr soll zurückgebaut und durch eine Fischtreppe ersetzt werden. Das Projekt ist für 2028/29 vorgesehen. „Unser Antrag liegt beim Regierungspräsidium“, berichtet Projektleiter Elgert. Nach seinen Erfahrungen kosten solche Projekte 1 bis 1,5 Millionen Euro. Viele Maßnahmen zeigen bereits Erfolge: „Es haben sich wieder verschiedene Arten in der Gesprenz angesiedelt“, sagt der Verbandsingenieur. Daran haben auch engagierte Anglervereine ihren Anteil. „Der Erfolg von (Fisch-)Besatz oder weiteren Maßnahmen wird turnusmäßig durch Elektrobefischung überprüft.“ So konnten im September 2025 unter anderem die Bachschmerle, Barbe, Döbel, Hasel, Giebel, Gründling und Rotauge nachgewiesen werden. Der Gewässerabschnitt gilt als Barbenregion. In Harreshausen war Gewässerwart Reis 2024 mit der Wiederansiedlung eines verschwundenen Fisches beschäftigt: der Nase. Ob das gefruchtet hat (1.250 Fischchen wurden 2025 eingesetzt), vermag er derzeit nicht zu sagen: „Wir werden noch einmal nachbesetzen.“