Für Menschen und Tiere lebenswichtige Korallenriffe werden absterben – die Gesellschaft interessiert es nicht


Nick Reimer

Es ist dramatisch: Die für viele Menschen und Tiere lebenswichtigen Korallen drohen zugrunde zu gehen. Doch die Gesellschaft interessiert es nicht.

Korallen am Great Barrier Reef, die von der Korallenbleiche betroffen sind, vor der Küste von Cairns
Korallen im Überlebenskampf

Foto: Daniel Naupold/dpa

W ieder mal schlechte Nachrichten für das Klima: Das EU-Parlament hat die Klimaschutzregeln für ausländische Fossilbrennstoffe verschoben. Ursprünglich sollten Importeure nachweisen müssen, dass der Produzent im Herkunftsland seine Methan-Emissionen überwacht und reduziert. Nur zur Erinnerung: Methan ist viel klimaschädlicher als Kohlendioxid. Die Verschiebung bis 2031 begründete das Parlament mit der „Energiepreiskrise“.

Irgendwas ist immer, das den Klimaschutz auf die lange Bank verschiebt. Zwar warnt die Wissenschaft, dass ohne ein schnelles Herunterschrauben des Methanausstoßes in den nächsten Jahren das im Paris-Protokoll anvisierte 1,5-Grad-Ziel nicht mehr zu schaffen ist. Aber erstens ist das sowieso schon allen klar und zweitens ist halt gerade Krise.

Es ist dramatisch, dass Politik und Gesellschaft nicht mehr den Erkenntnissen der Wissenschaft vertrauen. Diese warnt seit Langem: Wenn die Erderwärmung dauerhaft 1,5 Grad überschreitet, werden weltweit die Korallenriffe absterben. Ein Bericht der Weltnaturschutzunion IUCN warnte an diesem Donnerstag, dass die Klimaerhitzung binnen der kommenden 50 Jahre 96 Prozent aller Korallenriffe in den Weltmeeren dahinrafft. Andere Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass 99 Prozent aller Korallenriffe der Welt vernichtet werden, wenn sich die Temperatur 2 Grad über der vorindustriellen Zeit bewegt.

Korallen sind nicht nur in tropischen Gewässern, sondern auch in kälteren Meeresregionen heimisch. Diese kämpfen aber noch stärker um ihr Überleben, denn die Temperaturen steigen in den nördlichen und südlichen Breiten stärker als rund um den Äquator. Menschliches Leben ohne Korallen – das erscheint undenkbar: Mindestens eine halbe Milliarde Menschen gründen ihre Lebensgrundlage auf den Leistungen der Korallenriffe. Mit ihrem Artenreichtum sind sie Ausgangspunkt für viele Nahrungsketten.

Sie dienen auch Flutschutz

Ohne Korallen fehlen Algen und Zooplankton, die Schnecken oder Krabben fehlen und damit auch den Raubfischen. Die Riffe sind Kinderstube für kommerziell wichtige Fische. Studien zufolge beläuft sich der Wert der ökologischen Dienstleistung auf 6,8 Milliarden Dollar pro Jahr. Zudem sind die Riffe effektive Wellenbrecher, die den Großteil der Wellenenergie absorbieren – und so Erosionen und Fluten an den Küsten abfedern.

In 50 Jahren ist damit Schluss, sollte sich der Bericht bewahrheiten. Mag ja sein, dass das die Politik, die Gesellschaft heute noch nicht glauben mag. Dann aber wird wirklich deutlich werden, was eine Krise ist.

Nick Reimer

Nick Reimer

Seit 1998 bei der taz (mit Unterbrechungen), zunächst als Korrespondent in Dresden, dann als Wirtschaftsredakteur mit Schwerpunkt Energie, Klima und Landwirtschaft, heute Autor im Zukunftsressort.

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