Größter Windpark, kleinere Ziele: EnBW widerspricht der eigenen Erfolgsgeschichte


Stand: 19.08.2026, 06:55 Uhr

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EnBW nimmt den größten deutschen Offshore-Windpark ohne Förderung ans Netz und fordert gleichzeitig, die Ausbauziele der Regierung zu kappen. Ein Widerspruch mit Ansage.

64 Windräder, 2,4 Mrd. Euro, keine Einspeisevergütung und trotzdem fordert der eigene Vorstandschef eine Bremse beim Ausbau.
Der Windpark He Dreiht vor Helgoland ist Deutschlands größtes Offshore-Projekt und zugleich ein Beleg dafür, dass Wirtschaftlichkeit und Politikziele in der Energiewende gerade auseinanderdriften. EnBW zeigt, dass Offshore-Wind ohne Staatshilfe funktionieren kann, warnt aber im selben Atemzug vor zu ambitionierten Zielen.

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Der Park, der ohne Fördertopf auskommt

Rund 110 Kilometer westlich von Helgoland stehen jetzt 64 Anlagen mit einer Nabenhöhe von 142 Metern. Die installierte Gesamtleistung liegt bei 960 Megawatt, rechnerisch genug für 1,1 Millionen Haushalte, wie EnBW mitteilt. Statt einer Einspeisevergütung nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz setzt der Konzern auf langfristige Abnahmeverträge mit Google, Bosch, Salzgitter, der Deutschen Bahn und dem Flughafenbetreiber Fraport. Damit verschiebt sich das Risiko: weg vom staatlich garantierten Fördersystem, hin zu Vertragsbindungen mit der Bonität der Abnehmer. Peter Heydecker, EnBW-Vorstand für Nachhaltige Erzeugungsinfrastruktur, erklärte laut heise online, Offshore-Wind sei eine heimische Energiequelle, die einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit und Dekarbonisierung leiste.

64 Windräder, 2,4 Mrd. Euro, keine Einspeisevergütung und trotzdem fordert der eigene Vorstandschef eine Bremse beim Ausbau.

EnBW nimmt den größten deutschen Offshore-Windpark ohne Förderung ans Netz. © IMAGO/imageBROKER/rafapress

Ein Rotor hat einen Durchmesser von 236 Metern, bei einer Umdrehung durchstreicht er eine Fläche von 43.742 Quadratmetern, so viel wie sechs Fußballfelder. Die Anbindung läuft über eine Konverterstation auf See und zwei Hochspannungskabel, die über 120 Kilometer unter Wasser und weitere 110 Kilometer an Land verlegt sind. Ende Juli war ein 20 Meter langes Rotorblatt-Teil abgebrochen und im Meer getrieben, der Hersteller Vestas untersucht den Schaden noch immer. He Dreiht ist bereits der fünfte Offshore-Windpark im Portfolio von EnBW. Mit der Anlage verdoppelt der Konzern seine bisherige Offshore-Leistung von 976 Megawatt nahezu. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil He Dreiht zu den ersten großen förderfreien Projekten in Deutschland gehört. Die meisten Anlagen sind laut Unternehmensangaben bereits am Netz, die vollständige Inbetriebnahme wird für den Spätsommer erwartet.

Der eigene Chef bremst die eigene Erfolgsgeschichte

Parallel zur Inbetriebnahme fordert EnBW-Vorstandschef Georg Stamatelopoulos eine Kurskorrektur bei den staatlichen Ausbauzielen. „Wir müssen die Bezahlbarkeit im Auge behalten“, sagte er laut FAZ. Die Situation habe sich dramatisch verschlechtert, Turbinen, Logistik und Kabel seien im Fünf-Jahres-Vergleich um 30 bis 40 Prozent teurer geworden. Sein Vorschlag: Lasst uns erst einmal 55 Gigawatt bauen und dann sehen wir weiter. Das gesetzliche Ziel der Bundesregierung liegt bei 30 Gigawatt bis 2030 und 70 Gigawatt bis 2045. Aktuell sind laut Stiftung Offshore-Windenergie, Stand Ende Juni, rund 10,8 Gigawatt installiert, verteilt auf 1.764 Anlagen. Die aktuellen Planungen reichen bis 2035 und umfassen laut der Stiftung eine Gesamtleistung von etwa 41 Gigawatt.

Zwischen dem heutigen Ausbaustand, dem selbst gesteckten Zwischenziel von Stamatelopoulos und den gesetzlichen Vorgaben der Regierung liegt also eine erhebliche Lücke, die sich nicht allein mit gutem Willen schließen lässt. Wie it boltwise einordnet, lassen sich Kostensteigerungen dieser Größenordnung nicht einfach wegplanen: Sie drücken die Rendite, erhöhen nötige Einnahmen oder verschieben Zahlungen in die Zukunft. Gerade weil He Dreiht ohne staatliche Förderung finanziert wurde, wiegt die Warnung des eigenen Vorstandschefs doppelt. Wer zeigt, dass es ohne Subvention geht, aber gleichzeitig langsamere Ausbauziele fordert, macht deutlich, dass das Modell der Abnahmeverträge nicht beliebig skalierbar ist.

Es braucht genügend zahlungskräftige Industriekunden, die sich langfristig binden wollen und diese Zahl ist begrenzt. Dass EnBW im Januar zwei britische Projekte, Morgan und Mona, wegen weggefallener Förderung aufgegeben und dabei 1,2 Mrd. Euro abgeschrieben hat, zeigt, wie schnell politische Rahmenbedingungen ganze Bilanzen kippen können. Der Konzern begründete den Rückzug vor allem damit, dass beide Projekte in Großbritannien zuletzt keine staatliche Förderung mehr erhalten hatten. Die Episode liefert den Kontrast zu He Dreiht: Ein Projekt funktioniert ohne Förderung, wenn Abnahmeverträge stehen, zwei andere scheitern, sobald die Förderung wegfällt und keine gleichwertigen Verträge existieren. Genau in dieser Differenz liegt der eigentliche Kern der Debatte um die Ausbauziele.

Business Punk Check

He Dreiht ist ein echter Beweis: Offshore-Wind kann ohne Subvention funktionieren, wenn zahlungskräftige Industriekunden langfristig binden. Das ist belegt, kein PR-Trick. Die zweite Botschaft, die Forderung nach weniger Ausbauzielen, ist aber auch Interessenpolitik: Wer selbst schon 960 Megawatt am Netz hat, kann sich Bremsen für den Rest der Branche leisten. Die 1,2 Mrd. Euro Abschreibung aus Irland zeigen, wie fragil das Modell wird, sobald Förderrahmen wegfallen, ohne dass Abnahmeverträge existieren.

Für Entscheider heißt das: Wer auf Corporate-PPAs setzt, braucht Bonität und Planungssicherheit bei den Abnehmern, nicht nur beim Wind. Wer auf staatliche Ausbauziele wartet, riskiert, dass genau die Unternehmen die Zielmarke definieren, die am meisten von einer Verlangsamung profitieren. Die Rotorblatt-Panne bei Vestas erinnert daran, dass Offshore-Technik trotz aller Milliarden noch nicht auserzählt ist.

Auf einen Blick