Hitzewelle trifft die Alpen: Zermatt schliesst Sommerskigebiet


Grosse Hitze, tiefe Spalten: Zermatt schliesst die höchsten Skipisten der Alpen

Zermatt schliesst sein Sommerskigebiet. Die Lage werde wegen fehlenden Schnees und tiefer Gletscherspalten zu gefährlich, sagen die Verantwortlichen. Auch im zweiten Walliser Sommerskigebiet ist das Ende nah.

Patrick Gasser01.08.2026, 16.33 Uhr

4 Leseminuten


Skigebiet in Zermatt: Die Hitzewelle nagt an den Winterreserven.

Skigebiet in Zermatt: Die Hitzewelle nagt an den Winterreserven.

Keystone

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Ausgerechnet Zermatt. Ausgerechnet am Nationalfeiertag. Die Sommerskipisten hoch über dem Weltkurort am Matterhorn sind seit dem 1. August für Gäste und Skiteams gesperrt. Das gaben die Verantwortlichen am Freitag in einer Medienmitteilung bekannt. Schuld sind die hohen Temperaturwerte. Selbst auf dem mehr als 3800 Meter hohen Kleinen Matterhorn liegen die Tiefstwerte nachts deutlich über dem Gefrierpunkt.

Dass es in Zermatt nicht weitergeht, war schon am frühen Freitagmorgen klar. Mit den ersten Sonnenstrahlen bohren Trainer von Skiteams aus der Schweiz und der ganzen Welt jeweils Löcher für ihre Torflaggen in den Gletscherfirn. Sechs-, sieben- oder achtmal fahren die Athletinnen und Athleten dann durch die blau-rot ausgeflaggten Kurse auf mehr als 3500 Meter über Meer. Dann gibt die hart gefrorene Piste unter den messerscharfen Kanten nach.

Irgendwann am Morgen bekommen die Schweizer Trainer eine Whatsapp-Nachricht der Pistenverantwortlichen: «Leider müssen wir euch mitteilen, dass das Skigebiet aufgrund der extremen Temperaturen ab sofort und bis auf weiteres den Betrieb einstellen muss.»

Das liege weniger an den Skipisten selbst als an den Transportanlagen. Die Masten der Skilifte sind normalerweise tief im Gletschereis verankert. Doch nun lässt die extreme Sommerhitze die Metallstützen ausschmelzen. Schlimmstenfalls könnten dadurch einzelne Masten sogar umfallen. Das in der Welt der Skitrainer bestens vernetzte Portal «Skinews» berichtet zudem von tiefen Gletscherspalten auf der Liftspur.

Auf dem Theodulgletscher trainieren täglich bis zu 250 Nachwuchs- und Spitzenathleten. Dazu kommen ein paar Touristen mit und ohne Skilehrer. Ihre Sicherheit können die Verantwortlichen nun nicht mehr gewährleisten und ziehen die Reissleine: «Die Sicherheit der Gäste sowie der Mitarbeitenden hat jederzeit oberste Priorität», wird der Bergbahndirektor Martin Hug in der Medienmitteilung zitiert.

Wie lange die Schliessung dauert, ist noch offen. Bereits vor vier Jahren mussten die Zermatt-Bergbahnen den Betrieb Ende Juli einstellen. 2022 standen die Lifte im höchsten Skigebiet Europas bis Mitte September still.

Nicht betroffen vom Betriebsunterbruch in Zermatt sind Schweizer Spitzenathleten wie Marco Odermatt oder Franjo von Allmen. Zum einen, weil die Topgruppen von Swiss Ski im August ohnehin im Südwinter von Argentinien, Chile und Neuseeland trainieren. Zum anderen, weil die Schweizer in Zermatt Privilegien geniessen.

Die Zermatter Bergbahnen präparieren einen Teil der Trainingspisten für die Schweizer weiter. Statt mit dem Skilift geht es für die Athleten mit dem Schneemobil vom Ziel zurück zum Start der Strecke. Walter Reusser, Co-Geschäftsführer und sportlicher Leiter von Swiss Ski, sagte dazu gegenüber dem Walliser Portal «Pomona»: «Wir schauen nun mit den einzelnen Trainingsgruppen und stellen uns die Frage: Wer bekommt eine höhere Priorität?»

Das Sondersetting verdanken die Schweizer dem erst im vergangenen Jahr unterzeichneten Gletscher-Deal. Ein langjähriger Vertrag sichert den Profiteams den Zugang zu Sommerpisten. Zuvor hing nach den gestrichenen Abfahrtsrennen am Matterhorn der Haussegen schief: Im Sommer 2024 durften die Profimannschaften gar nicht erst auf dem Theodulgletscher trainieren.

Nun mag sich aber die Natur partout nicht an den Vertrag halten. Die Misere begann sich bereits im vergangenen Winter abzuzeichnen. Im südlichen Wallis fiel ein Monat nach dem anderen zu trocken aus. Und so gingen die Gletscher mit einem extrem dünnen Polster in den Sommer. Eine erste Hitzewelle nagte schon Ende Mai an den Winterreserven.

Paradoxerweise führt ausgerechnet die starke Gletscherschmelze im Wallis zu grüneren Wiesen als im Schweizer Mittelland: Noch gibt es Wasser im Überfluss. In manchen Gemeinden verspritzen Bauern und Private sogar Trinkwasser zum Bewässern.

Doch die Gletscher ziehen sich deutlich schneller zurück, als es Forschende noch vor wenigen Jahren für möglich hielten. Allein 2022 verloren sie gemäss dem Schweizerischen Gletschermessnetz (Glamos) mehr als 6 Prozent des Eisvolumens. 2026 ist auf Kurs, um diesen Wert zumindest zu egalisieren.

Mit dem Verschwinden der vor Hunderten von Jahren in Form von Eis eingelagerten Wasserreserven drohen dem Wallis gemäss den Klimaszenarien des Bundes schon zur Mitte des Jahrhunderts in trockenen Sommern Probleme bei der Wasserversorgung. Neue Speicherseen könnten helfen, den sich anbahnenden Nutzungskonflikt zwischen Stromwirtschaft, Waldbrandbekämpfung, Landwirtschaft und Tourismus zu entschärfen.

Geschlossene Skigebiete im Sommer scheinen daher für das Wallis das kleinste Übel des fortschreitenden Klimawandels zu sein. Auch in Saas-Fee war zum Saisonstart Mitte Juli nur die Hälfte des Sommerskigebietes geöffnet. Videos in den sozialen Netzwerken zeigen Skifahrer in einer dystopischen Szenerie von nacktem Fels und braun-grauem Schnee. Trotzdem trainierten in den vergangenen Tagen nach Angaben der Saastal-Bergbahnen bis zu 600 Athleten in Saas-Fee.

Statt rund vierzig bleiben den Skiteams noch knapp zehn Kilometer Pisten. Der Dichtestress auf den Gletscherpisten nimmt zu. Vor allem Nachwuchsteams disponieren deshalb um. Statt auf Walliser Gletschern trainieren 14-jährige Nachwuchstalente in niederländischen Skihallen.

Wie lange es in Saas-Fee noch weitergeht, ist unklar. «Vorläufig sind die Pisten und Anlagen weiterhin geöffnet», sagte der Bergbahndirektor Simon Bumann am Freitagnachmittag gegenüber «Pomona».

Noch mehr als grosse Hitze fürchten die Pistenverantwortlichen kräftige Gewitterschauer. Am Freitagabend passierte in den Bergen von Saas-Fee und Zermatt genau das. Normalerweise hinterlassen solche Niederschläge auch im Hochsommer angezuckerte Berggipfel. Nun fällt selbst auf dem Dach des Matterhorns Regen in Strömen.

Der kräftige Niederschlag weicht die brachial zusammengeschobenen und penibel unterhaltenen Sommerskipisten auf. So sehr, dass man darauf mit den scharfen Kanten der schmalen Rennski kaum fahren kann. Am Nationalfeiertag blieb deshalb auch das Sommerskigebiet oberhalb von Saas-Fee geschlossen. Unten im Tal fragen sich Trainer und Hoteliers, ob die Pisten in den nächsten Wochen nochmals geöffnet werden.

Passend zum Artikel

Die Steinschlaggefahr ist am Matterhorn gross. Und eine der berühmtesten Eiswände der Alpen schmilzt in dramatischem Tempo weg. Der Schweizer Bergführerverband reagiert.

Der ETH-Glaziologe Matthias Huss dokumentiert seit Jahren den Eisverlust in den Schweizer Alpen. Im Gespräch erklärt er, warum er trotz immer neuen «Hiobsbotschaften» weitermacht, seinen Kindern aber andere Berufe empfiehlt.

In der Schweiz beginnt die Wintersaison. Der Chef der Zermatter Bergbahnen will weg vom Hochpreis-Image und friert die Preise ein. Er glaubt, dass Vail Resorts das Geld für die nötigen Investitionen in der Schweiz fehlt.