Halle besser als Leipzig: Chefin verteidigt Zukunftszentrum gegen Kritik


Porträt Uta Bretschneider: Eine Frau mit blonder Kurzhaarfrisur und Brille

AUDIO: Zukunftszentrum Halle: Uta Bretschneider seit 100 Tagen im Amt (4 Min)

100 Tage im Amt

"Zu teuer, zu ostdeutsch"? Direktorin verteidigt Zukunftszentrum Halle

Stand: 09.08.2026 04:00 Uhr

Eine riesige Baustelle am Riebeckplatz in Halle und Skepsis gegenüber einem Bundesprojekt im Osten: Seit ihrem Amtsantritt vor 100 Tagen muss sich Programmdirektorin Uta Bretschneider immer wieder Kritik am Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation stellen. Die Vorwürfe sieht sie vor allem als Chance, in den Dialog über ostdeutsche Erfahrungen zu treten.

von Sandra Meyer, MDR Kulturdesk

100 Tage ist Uta Bretschneider jetzt Programmdirektorin des Zukunftszentrums in Halle. Für sie fühlt es sich aber eher wie 100 Jahre an, lacht die 41-jährige Kulturwissenschaftlerin, so viel sei inzwischen passiert. Es sei "wahnsinnig und wunderbar", wie sie bei MDR KULTUR verrät. Vor allem Netzwerkarbeit hat ihre bisherige Arbeit geprägt: Termine mit Politik und Medien, Ausschüsse im Bundestag, Kennenlernen mit Landes-und Bundespolitikern. Auch die Planungen für erste Veranstaltungen schritten voran.

Team des Zukunftszentrums Halle wächst

Noch sitzt Bretschneider in einem Ausweichgebäude am Hansering. Das Zukunftszentrum existiert vor allem als Idee, als wachsendes Team und Programm – der architektonisch ambitionierte Neubau mitten in der Stadt am Riebeckplatz kommt erst noch. Aber im Inneren wächst die Institution rasant: 2026 werde die Zahl der Mitarbeitenden noch auf knapp 30 anwachsen, so Bretschneider. Sie freue sich, das Team in dieser frühen Phase mitgestalten zu können.

Schild weist auf Bau des Zukunftszentrums am Riebeckplatz in Halle hin.

Am Riebeckplatz in Halle soll das Zukunftszentrum entstehen.

Viele Bewerbungen, viele Gespräche, viele Reisen zwischen den Welten, das ist der neue Job der promovierten Volkskundlerin. Mal nach Brüssel, mal ins Mansfelder Land bewegt sie sich zwischen Bundestag und Bürgergespräch am Gartenzaun. Dabei lerne sie viel Neues, erklärt die Programmdirektorin. Und mit diesem Anspruch sei sie angetreten.

Zwischen Halle, Bundestag und Gartenzaun

Halle ist dafür der passende Ort, findet Uta Bretschneider, die vorher in Museen in Thüringen und Leipzig tätig war. Halle sei eine Stadt mit Brüchen, mit rauen Kanten, mit vielen offenen Baustellen – mental und baulich. Deshalb sei es auch ein genialer Standort für das Zukunftszentrum. Hier passiere noch viel, es gebe viele Entwicklungen. Gerade dieses "Unfertige" möge sie besonders.

Ich finde sie spannungsreicher und eigentlich auch interessanter als viele Ecken in Leipzig, weil hier noch so viel passiert und so viel Unfertiges ist. Uta Bretschneider über die Stadt Halle als Standort
Händeldenkmal und Fünftürme-Ensemble auf dem Marktplatz in Halle.

Uta Bretschneider hält Halle für den idealen Ort für das Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation.

Ihr Buch "Provinzlust" über Erotikshops in der ostdeutschen Provinz erzählt von diesen Umbrüchen, und auch im Gespräch wird deutlich, wie die gebürtige Sächsin denkt und arbeitet: unvoreingenommen, wissbegierig, mit Humor, aber respektvoll im Umgang mit ihrem Gegenüber. Denn darin sieht sie auch ihre Rolle als Mittlerin zwischen den "unterschiedlichen Temperaturen", wie sie es nennt.

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Kritik: "zu teuer, zu spät, zu ostdeutsch"

So hat sie schon zu Beginn ihrer Amtszeit das Thema Wut auf den Tisch gebracht: "Das Thema Wut wird bleiben, begegnet uns ja überall und wird in diesen Tagen wichtiger denn je", erklärt Uta Bretschneider. Allein zum Aufbau des Zukunftszentrums bekommt sie jede Menge Gegenwind – die riesige Baustelle am Riebeckplatz, die Skepsis gegenüber einem Bundesprojekt im Osten, über das es oft heiße, es sei "zu teuer, zu spät, zu ostdeutsch."

Das Thema Wut wird bleiben, begegnet uns ja überall und wird in diesen Tagen wichtiger denn je. Uta Bretschneider

Mittlerweile habe sie sogar Spaß daran, diese Vorwürfe zu kontern und immer wieder ins Gespräch zu gehen, einzuordnen, wozu dieses Haus da sei. Und warum es gerade jetzt Sinn mache. Für Uta Bretschneider heißt Zukunftszentrum: Erfahrungen sammeln und Emotionen ernst nehmen.

Uta Bretschneider

Seit 100 Tagen im Amt: Programmdirektorin Uta Bretschneider.

Vom Erzählen und Zuhören im Osten

Und in diesem Sinn beginnt auch der erste große Programmpunkt im Oktober: "Der Markt für nützliches Wissen und Nichtwissen" zum Thema Schichtwechsel. Im Neuen Theater Halle werden Besucher in einer Art theatralen Inszenierung auf vielfältige Weise ins Zwiegespräch gebracht. Ein Angebot, sich über Lebensleistungen, Biografie, Wege und vor allem Erfahrungen auszutauschen.

Ein Entwurf zeigt ein Gebäude aus Glas und Stahl

Das Zukunftszentrum soll ein Ort für Gespräche und Begegnungen sein.

Denn davon lebe das Zukunftszentrum, sagt Bretschneider: Von Geschichten, von Gesprächen, von Menschen, die sich einlassen. Sie als Programmdirektorin ist von Anfang an dabei. Wie wohltuend, wenn sie sagt: "Es bitzelt im Hirn und macht einfach Spaß".


Redaktionelle Bearbeitung: vp, tsa