Handelskrieg oder Handelslust? Ein deutsches Batteriewerk zeigt das Dilemma im Umgang mit China auf
Von Ningde nach Arnstadt
Handelskrieg oder Handelslust? Ein deutsches Batteriewerk zeigt das Dilemma im Umgang mit China auf
Der chinesische Konzern CATL betreibt in Thüringen die größte Batteriezellenproduktion Westeuropas. Zugleich drohen zwischen China und der EU Zölle und Embargos. Über Handelsbeziehungen zwischen Investitionsfreude und Abschottung
Reportage
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Leonardo Pape
aus Arnstadt
Fabrikhallen, Werkszäune, ein Autobahnknoten: Auf den ersten Blick gleicht das Erfurter Kreuz unzähligen anderen Industriegebieten. Bis zur Robert-Bosch-Straße. An den Außentüren eines Fabrikkomplexes prangt das chinesische Zeichen für Glück. Wie in China allerorts üblich hängt es zur Begrüßung, in markantem Rot, an dem Batteriewerk im thüringischen Arnstadt. An der Fassade steht auf Deutsch und Chinesisch der Firmenname: CATL.
Seit Ende 2022 produziert das Batterieunternehmen aus dem Süden Chinas in Thüringen. Es ist das erste europäische Werk des weltgrößten Herstellers von Batterien für Elektroautos. Beim Pressebesuch ist die Modulproduktion nur durch eine Glasscheibe einsehbar. In einer Werkhalle stecken Dutzende Industrieroboter, Marke Kuka, einzelne Zellelemente zu Batterien zusammen. Um sie herum wuseln einige wenige Vorarbeiter. Die Lithium-Ionen-Akkus bilden das Kernelement der E-Auto-Produktion. CATL zufolge ist das Werk in Arnstadt die einzige vollintegrierte Batteriezellenproduktion in ganz Westeuropa. Kunden sind vor allem große Automobilkonzerne.
Weltweit Schlagzeilen
Vor einigen Jahren machte die Ansiedlung von CATL in Thüringen weltweit Schlagzeilen. Der chinesische Batteriekonzern im Herzen des Autolands Deutschlands, für viele ein Symbol wirtschaftlicher Wachablösung. "Hier sind schon viele Journalisten durchgezogen", sagt Frank Spilling beim Gespräch im Rathaus. Seit 2018 ist er Bürgermeister von Arnstadt.
Einst beherbergte der Gebäudekomplex im Süden Erfurts das Unternehmen Bosch-Solar, später den PV-Hersteller SolarWorld. Der meldete Konkurs an, auch weil er nicht mit der chinesischen Konkurrenz mithalten konnte. 2019 zog CATL in das verwaiste Werk ein. Spilling nimmt es mit Fassung: Entscheidend sei es, die Wertschöpfung vor Ort zu halten. Rund 1700 Mitarbeitende beschäftigt CATL in Arnstadt. Bei knapp 30.000 Einwohnern sei es der größte Industriebetrieb am Standort. Er habe nie einen größeren Konflikt rund um CATL wahrgenommen, sagt Spilling.
Ist der Handelskrieg da?
In der Handelspolitik zwischen der EU und China geht es dieser Tage weniger konfliktfrei zu. An einem Freitag Mitte September haben sich Vertreter diverser europäischer Wirtschaftsverbände in München versammelt. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft hat eingeladen. Die Stimmung ist heiter bis vorfreudig, der Wiesn-Beginn steht an.
Die Keynote-Rede hält Janka Oertel vom Thinktank European Council on Foreign Relations. Sie ist eine der prominentesten Verfechterinnen einer härteren Linie gegenüber China. "Wir befinden uns schon in einem Handelskrieg mit China, wir wissen es nur nicht", sagt sie. Die EU werde nicht um Zölle herumkommen. "Deutschland verliert 15.000 Industriearbeitsplätze im Monat", sagt sie. In Österreich sind es rund 1500. Eine seriöse Schätzung darüber, wie viel davon direkt auf chinesische Konkurrenz zurückgeht, gibt es bisher nicht.
Gespräche in Peking
Vor allem die EU-Kommission rüstet sich für einen Handelsstreit. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič verhandelt derzeit in Peking mit Chinas Handelsminister Wang Wentao. Schon in den kommenden Tagen könnte ein EU-Gipfel härtere Handelsschutzmaßnahmen beschließen. Das österreichische Wirtschaftsministerium schreibt auf Anfrage des STANDARD, der internationale Wettbewerbsdruck auf die europäische Industrie nehme deutlich zu.
Zurück in Arnstadt. Matthias Hilbeck steht stolz vor einer Wand mit den Steckbriefen seiner Auszubildenden. 24 junge Menschen sind es derzeit bei CATL in Arnstadt. Seit zwölf Jahren arbeitet Hilbeck als Ausbilder, zuerst bei der Industrie- und Handelskammer, nun bei CATL.
Der "China-Speed"
Hilbeck ist von den technischen Details seiner Arbeit sichtlich begeistert. "Wir wollen einen eigenen Ausbildungsberuf Batterietechnik etablieren", erzählt er. Aber das sei in Deutschland ein langer Weg. Fünf bis sechs Jahre könnte es bis zur Zulassung dauern. Ob man von China lernen könne? Auf jeden Fall, findet Hilbeck, "den China-Speed zum Beispiel".
Beim Verbändetreffen in München kreist die Diskussion derweil um Zollforderungen. EU-Parlamentarier Manfred Weber (CSU) kommt auf den Industrial Accelerator Act (IAA) zu sprechen, ein Gesetzesprojekt. Mit dem IAA, seit März im Abstimmungsprozess, will die EU-Kommission Wertschöpfungsquoten für die Industrieproduktion in Europa festschreiben. Chinesische und andere internationale Hersteller sollen gezwungen werden, sich an den EU-Standort zu binden.
"Naivität"
Sollten tatsächlich chinesische Konzerne die Transformation zur E-Mobilität in der EU anführen, wäre es ein neuer Abschnitt in der globalen Wirtschaftsgeschichte. CATLs chinesischer Name, Ningde Shidai, würde dazu passen. Die Stadt Ningde in der Provinz Fujian ist der Hauptsitz des Konzerns mit 185.000 Mitarbeitenden. Shidai bedeutet "Zeitalter". Einst zogen europäische Unternehmen im großen Stil nach China. Bricht nun das Zeitalter chinesischer Industrieunternehmen in Europa an?
Das Wirtschaftsministerium in Wien ist zurückhaltend. Minister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) betont, dass Europa offen für Handel und Investitionen bleiben müsse. Doch "Offenheit darf nicht Naivität bedeuten". Zuversichtlich zeigt sich das Ministerium im Hinblick auf zwei bestehende größere chinesische Werkspräsenzen in Österreich: Magna Steyr produziert für die chinesischen Hersteller Xpeng und GAC in Graz E-Automobile. Steyr Automotive stellt in Oberösterreich für SuperPanther und Sinotruck Lastwagen her.
Fertige Produktbausätze
In beiden Projekten werden weitestgehend fertige Produktbausätze nach Europa importiert und vor Ort zusammengebaut. Hersteller, die die lokale Wertschöpfung gering halten und Einfuhrzölle umgehen – es ist eigentlich genau das, was der Industrial Accelerator Act verhindern will. Doch das Wirtschaftsministerium kommentiert, Bausatzmontagen der chinesischen Hersteller seien "auch oft der erste Schritt in Richtung Lokalisierung der Produktion in Europa".
Doch es gibt große Vorbehalte gegenüber chinesischen Investoren. Eine Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung im deutschen Mannheim zeigt zwar einerseits, dass die Menschen den Anteil Chinas an allen Direktinvestitionen in Deutschland krass überschätzen: Die Befragung ergab im Durchschnitt 33 Prozent; faktisch liegt er nur bei einem Prozent. Andererseits: Chinas Investitionen werden sehr negativ gesehen. Fast zwei Drittel bewerteten chinesische Direktinvestitionen als nachteilig für die politische Unabhängigkeit. Für Österreich existieren keine vergleichbaren Studien. Nur die Verhältnisse sind ähnlich: Der Anteil chinesischer Investitionen liegt lediglich zwischen einem und zwei Prozent.
Kein Widerstand
Bürgermeister Frank Spilling blickt gelassen auf die Lage. Die Ansiedlung von CATL sei bemerkenswert geräuschlos vonstattengegangen. Bei einer Bürgerversammlung relativ zu Beginn der Werkserrichtung kamen vor allem Bedenken zur Verteilung von Wasser und anderen Ressourcen zur Sprache. Politischen Widerstand gegen die Ansiedlung habe es nicht gegeben.
Aufseiten CATLs nimmt Spilling teils eine Zurückhaltung wahr, wenn es darum geht, nach außen als chinesisches Unternehmen sichtbar zu werden. Auch ein Stimmungsbild im Ort zeigt: CATL ist im Stadtbild wenig präsent. Die chinesischen Beschäftigten kennen viele nur vom Hörensagen. Mehr hört man von chinesischen und anderen asiatischen Touristen.
"Europäisches Unternehmen"
Tatsächlich hat die Zahl der chinastämmigen Mitarbeitenden bei CATL in Arnstadt abgenommen. Die Quote liegt laut dem Unternehmen bei unter zehn Prozent, deutlich weniger als zu Beginn der Ansiedlung. "Wir wollen uns als europäisches Unternehmen positionieren", sagt Unternehmenssprecher Caspar Spinnen.
Auch knapp die Hälfte der Beschaffung von CATL ist laut Unternehmen mittlerweile lokal, sprich europäisch. "An einigen Stellen ist die Wahl chinesischer Lieferanten alternativlos, das wäre selbst bei einem rein europäischen Batterieunternehmen nicht anders", so Spinnen.
Deutschland, Ungarn, Spanien
Derzeit baut CATL an einem deutlich größeren Werk in Debrecen in Ungarn und, im Joint Venture mit dem Automobilhersteller Stellantis, an einem weiteren in Spanien. Doch bei aller technologischen Stärke bleibt das Unternehmen abhängig von der Ausrichtung der Autoindustrie insgesamt. CATLs Zukunft in Europa hängt an der Frage: Gelingt die Transformation hin zur E-Mobilität? Und trotz Rekordölpreisen und steigenden Absatzraten von E-Autos: Wer sich in den Führungsetagen großer Automobilunternehmen und auch beim Verbändetreffen in München umhört, der kann daran seine Zweifel bekommen.
Frank Spilling hat nicht den Eindruck, dass CATL seine Zelte in Arnstadt bald abbrechen wird. Doch er sei sich bewusst, dass da so einige Faktoren außerhalb seiner Kontrolle wirkten. Von China würde er aber dann doch gerne mehr sehen: Arnstadt plant eine Städtepartnerschaft mit CATLs Gründungsort. Die Bevölkerung der beiden Städte trennten schließlich nur zwei Nullen, sagt Spilling. Im kommenden Jahr soll es zum ersten Mal mit einer Delegation losgehen, in die Dreimillionenstadt Ningde. (Leonardo Pape aus Arnstadt, 10.10.2026)
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