Herbstputz: Florentina Holzinger gibt mit „House Wash“ das Volksbad zum Abriss frei


Wo früher der Schriftzug „OST“ von Bert Neumann stand, räkelt sich pünktlich zum Spielzeitauftakt der Volksbühne unter der neuen Intendanz von Matthias Lilienthal eine überdimensionale Gummipuppe: Die Nachbildung von Gustave Courbets umstrittenem Gemälde „Der Ursprung der Welt“. Ein liegender Akt.

Man kennt die Requisite aus Florentina Holzingers Arbeit „A Year Without Summer“, die auch in dieser Spielzeit auf dem Plan steht. Und natürlich zielt die Vulva auf alle Gesichter, die sich auf der „Volkswiese“ vor dem abgespielten Volksbad für Holzingers „House Wash“ mit Wein, letzten Pommes und Fruchtschorlen versammeln.

Wer schlecht sitzt oder keinen Regenschirm dabei hat, wird zum Finale angespritzt. Mit dem unwiederbringlichen Wasser des Volksbads, das aus C-Rohren in den Himmel geschossen wird und damit Lilienthals Stadtraummanöver zu einem fulminanten Abschluss bringt.

Putzen und sexuelle Befreiung

Doch zugleich wird mit einer Performance von Florentina Holzinger und ihren Spielerinnen ein Anfang gesetzt: Die Wegemarken einer neuen Volksbühne zeigen sich in Form von Amazonen, die sich wie Spinnen von den verstopften Rinnen der alten Gemäuer der Volksbühne abseilen, um den Mief der letzten 40 Sommer abzuwaschen.

Links und rechts der Putzkolonne werden mit jedem Meter Richtung Erde Buchstaben auf die beiden Schenkelbanner der Volksbühne gemalt. „Volks-Falls“ steht darauf am Ende, doch bevor das S zustande kommt, hofft man auf ein E.

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Holzinger und vier andere Performerinnen landen am Ende dort, wo noch vor wenigen Wochen das Transparent „Fickt euch“ hing. Eine Reaktion von Volksbühnenmitarbeitern auf den Shitstorm, den ein Bade-Slot nur für Schwarze ausgelöst hatte. Und heute wird in Begleitung der Musikerinnen vom Dach die Volksbühne von den nackten Putzfrauen auch sexuell bearbeitet, bis Volksbad und Ursprung der Welt ejakulieren.

Die Amazonen in ihren Bondage-Harnessen – nein, es sind nur Geschirre zum Abseilen – kopulieren mit dem frischgeputzten Sandstein der Volksbühne. So, wie man es aus schlechten Pornos kennt. Geliebt an Holzinger wird genau das: Fleisch, Nähe, Urgewalten. Dass bei ihr alles zusammenfließt. Wasser und Körperflüssigkeiten, Ekel und Ermächtigung. Dass alles, was Körper freigeben, abstreiten, empfangen oder weihen, in Räumen größter Lust und größtem Widerstand stattfindet.

Florentina Holzinger bei den Proben zu „House Wash“.

Florentina Holzinger bei den Proben zu „House Wash“.

© Berliner Zeitung

„House Wash“ ist ein Inititiationsritual

Schon vor der Heimlichtuerei und den voyeuristischen Spekulationen zu „House Wash“ war klar: Wenn Florentina Holzinger, als einer der wichtigsten jungen Planeten im Volksbühnen-Kosmos, für die neue Spielzeit das Wasser des Volksbads in einer Performance aufbereitet, dann wird es nicht nur um den Abgesang des Bads gehen. Sondern viel mehr um eine rituelle Reinigung. Immer wieder hallen Worte vom Dachsims herunter: „Das Haus muss gereinigt sein, um neue Ideen zu gebären – The house must be clean to give birth to new ideas.“

Die Vergangenheit wird weggewaschen, um Raum für eine neue Volksbühne zu schaffen. Initiation und Einweihung. Die Taufe eines unsinkbaren Schiffs und ein Startschuss. Am Ende werden weiße Flaggen gehisst und vor der Vulva ein Schwert geschluckt. Ein Friedensangebot.

„House of Hope“ von Rimini-Protokoll

Der Abend ging dann im Haus weiter, das die Performer und Produzenten von Rimini-Protokoll zum „House of Hope“ umbenannten und kleinteilig eroberten. Ein Kontrast zu den Kraft- und Überwältigungsgesten von Holzinger.

Grundbezug ist ein historisches Datum, der Abend des 40. Jahrestags der Deutschen Demokratischen Republik, an dem sich im Sternfoyer der Volksbühne Theaterleute und ein paar Neugierige, darunter der Mitschreiber dieses Textes, versammelten und von Gregor Gysi auf die abstruse Idee gebracht wurden, eine Demonstration bei den DDR-Behörden anzumelden. Am 4. November auf dem Alexanderplatz war es dann so weit.

Viele Perspektiven, biografische Einblicke

Rote Fahne im Sternfoyer der Volksbühne. Szene aus „House of Hope“ von Rimini-Protokoll.

Rote Fahne im Sternfoyer der Volksbühne. Szene aus „House of Hope“ von Rimini-Protokoll.

© Bahar Kaygusuz

Aber gemäß der Ansage von Lilienthal, dem die Volksbühne eine etwas sehr deutsche Institution ist, wird aus internationaler, gebrochener und dann wieder zusammengefügter Perspektive auf den Fall des Eisernen Vorhangs geblickt. Das Publikum wird in Gruppen aufgeteilt, durchstreift das Haus und lauscht den zeitgeschichtlich hinterlegten Lebensläufen der Protagonisten unter anderem aus China, Afghanistan, Ungarn, Rumänien, Israel oder Iran.

Das ist interessant und eingängig, zuweilen durch die Authentizität auch berührend. Aber bevor man sich tiefer einlassen kann, wird man zur nächsten Station geschickt. Am Ende findet sich das Publikum im großen Saal zusammen und bei der Applausordnung wird aus den Einzelgeschichten so etwas wie ein Tableau der Hoffnung. Es ist, als würde man ein politisches Themenmagazin mit zeitgeschichtlichem Schwerpunkt, vielen Infografiken und Biokästen zuschlagen und durchseufzen. Der stehende Jubel zeugte von großer Gemeinschaft und der Gewissheit, zu den Guten zu gehören.

Eröffnung der Volksbühne. Informationen und Karten im Ticketshop der Berliner Zeitung

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