Hochfunktionale Depression: Fünf Warnzeichen, die kaum jemand kennt
Stand: 15.08.2026, 06:50 Uhr
Kommentare
In Deutschland sind viel mehr Menschen depressiv, als gedacht, sagt eine Neurologin. Sie nennt Warnsignale, die von vielen falsch eingeschätzt werden.
Frankfurt – Perfekte Leistung im Job, stets ein Lächeln auf den Lippen, alle Termine im Griff: Von außen betrachtet wirkt das Leben mancher Menschen mühelos. Doch hinter der makellosen Fassade verstecken sich bei vielen Menschen Sorgen, Stress, Ängste – oder sogar eine hochfunktionale Depression.

Hier „funktionieren Betroffene perfekt, während sie innerlich unter tiefer Erschöpfung und Leere leiden“, sagt die Neurologin Andrea Winkler der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. „Die Prävalenz psychischer Erkrankungen wird extrem unterschätzt“, sagt die leitende Forscherin an der Klinik für Neurologie der Technischen Universität München (TUM). „Viele Leute sind depressiv und merken es gar nicht.“
1. Die sinnlose Suche nach einem Grund
Viele Menschen schließen eine Depression aus, weil es keinen äußeren, offensichtlichen Grund gibt. Doch diesen brauche es nicht. „Viele Menschen neigen dazu, alles zu rationalisieren, erkennen und fokussieren die Stressoren. Sie suchen stets äußere Gründe, wenn sie traurig sind. Das ist jedoch nicht das Grundprinzip der Psyche“, sagt der Psychiater Andreas Menke der Frankfurter Rundschau. „Bei einer Depression braucht man keinen Grund – das ist ein Symptom der Erkrankung.“
2. Reizbarkeit und Wut
„Eine Depression bedeutet nicht zwangsläufig, dass man ständig traurig ist“, sagt Winkler. Sie zeige sich keineswegs immer durch ständiges Weinen oder Niedergeschlagenheit. Manche Menschen seien unausgeglichen, ängstlich oder unruhig. „Gerade Männer sind oft wütend und gereizt. Die gehen nicht zum Arzt und sagen: ‚Ich bin depressiv.‘ Die sagen zum Beispiel: ‚Ich weiß nicht, wie lange ich meine Wut noch kontrollieren kann.‘“
3. Brain Fog
Vergesslichkeit und Konzentrationsstörungen werden selten sofort mit einer Depression in Verbindung gebracht. In der Neurokognition spricht man bei depressiven Episoden jedoch manchmal von einer sogenannten „Pseudodemenz“ oder auch von Brain Fog. Winkler erklärt: „Betroffene sind langsamer, können sich schlechter fokussieren und ihnen fällt Multitasking schwerer. Auch können Vergesslichkeit oder Wortfindungsstörungen auftreten.“ Wer sich fühlt, als würde er oder sie durch Milchglas auf das schauen, was um ihn oder sie herum passiert, sollte die psychische Gesundheit überprüfen lassen. Oft könne dieser „Gehirnnebel“ durch eine erfolgreiche Depressionstherapie wieder komplett verschwinden.
4. Wenn körperliche Erschöpfung zur Tarnung wird
Wenn die Psyche keine Schwäche zeigen darf, schickt der Körper Warnsignale. Körperliche Symptome wie chronische Rückenschmerzen, Verspannungen, Migräne oder Magen-Darm-Beschwerden seien typische Begleiter einer hochfunktionalen Depression, erklärt Menke, der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie des Medical Park Chiemseeblic ist. Auch aufgrund dieser körperlichen Symptome bleibe die Erkrankung häufig lange unerkannt. Nicht ohne Grund sei die Diagnose „Burn-out“ oft ein Streitthema unter Fachleuten. „Viele sehen darin eine somatisierte Depression, also eine Depression, bei der sich das psychische Leiden mithilfe der körperlichen Erschöpfung tarnt“, sagt Winkler.
5. Keine Erholung nach Regenerationsphasen
Bei der Frage, ob es eine hochfunktionale Depression beziehungsweise ein Burn-out ist – oder „nur Stress“ –, hat Menke einen Tipp: „Wenn man sich nach einer Regenerationsphase nicht wiederhergestellt fühlt – und das Gefühl hat, dass gar kein Land mehr in Sicht ist“, dann ist die Grenze überschritten, sagt er. Der Punkt, an dem der Antrieb komplett versiege, komme schleichend. Besonders häufig betroffen seien leistungsorientierte Menschen, Akademikerinnen, Sportler, Künstlerinnen und Führungskräfte – also Menschen, die es gewohnt sind, alles im Griff zu haben.
Jeder Mensch sollte lernen, dass die Psyche verwundbar ist und ebenso viel Aufmerksamkeit verdient wie der Körper, sagt Menke. Und wenn sie Hilfe braucht, ist es kein Zeichen von Schwäche, diese anzunehmen – sondern von Mut. „Glücklicherweise nehmen gerade junge Leute Psychotherapien heute viel besser an. Das Thema ist nicht mehr so stigmatisiert wie noch vor dreißig Jahren“, sagt Winkler. „Umso tragischer ist, dass unsere Regierung bei Psychotherapeuten jetzt kürzen will. Wenn das passiert, bekommt man wahrscheinlich unter einem Jahr Wartezeit gar keinen Therapieplatz mehr.“ (Quellen: eigene Recherche)