«Ich kann die Kosten für den Tierarzt kaum noch zahlen» (B+)


Florence Wibring zog vor fünf Jahren mit neun Hunden von Solothurn nach Schweden. Inzwischen sind es elf geworden, vom Husky bis zum Dackel. Die 53-Jährige betreibt in der Nähe der südschwedischen Stadt Jönköping eine Art Gnadenhof.

Wibring lebt mit ihrem Mann in einem abgelegenen Haus, das alle Klischees des skandinavischen Lebensstils erfüllt – zu sehen in der SRF-Doku-Serie «Hin und weg». Nur die Tierarztkosten passen nicht ins Bild des Wohlfahrtsstaates.

«Als ich hier ankam, waren die Preise noch akzeptabel», sagt Wibring. «Jetzt sind sie so gestiegen, dass ich sie kaum noch zahlen kann. Wir zahlen hier zwei- bis dreimal so viel wie in der Schweiz.»

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So hätte die Augenoperation für einen ihrer Dackel in Schweden vor zwei Jahren rund 6800 Franken gekostet. Wibring rechnete nach und fuhr in die Schweiz: Die Fahrt, eine Airbnb-Unterkunft und die Behandlung in einer Schweizer Klinik kosteten zusammen nur rund 3500 Franken. Die Ursache für diesen «Wucher» sieht sie in der Marktdominanz grosser Ketten wie Evidensia, Anicura oder Vetopia. «Sie kaufen hier alles auf.»

Evidensia gehört zu den weltweit grössten Betreibern von Tierarztpraxen, Anicura zum US-Konzern Mars und Vetopia, in der Schweiz als Helvetiera präsent, zum skandinavischen Finanzinvestor Axcel.

Politische Diskussionen in Schweden und den Niederlanden

Schweden gilt heute als eines der teuersten Länder für Veterinärmedizin. Gemäss einem Bericht der schwedischen Wettbewerbsbehörde stiegen die Preise für Behandlungen seit 2020 um durchschnittlich 40 Prozent, bei Notfällen sogar um bis zu 50 Prozent. Der Umsatz der schwedischen Veterinärbranche betrug 2024 mehr als eine Milliarde Franken.

Fast alle vom Wettbewerbsamt befragten Interessenorganisationen machen die grossen Tierklinik-Ketten für die drastischen Kosten- und Preissteigerungen in der Tiermedizin verantwortlich.

Das Thema beschäftigt darum die schwedische Politik. Selbst die liberale Zeitung «Svenska Dagbladet» kommentierte kürzlich, dass viele Menschen ihre Tiere aus finanziellen Gründen einschläfern lassen müssen. 

In den Niederlanden gibt es eine ähnliche Debatte. Eine Studie zeigte, dass Notfallbehandlungen dort bis zu 40 Prozent teurer sind als in Einzelpraxen.

Der Schweizer Veterinärmarkt ist lukrativ

Diese Entwicklung betrifft auch die Schweiz. Laut «ValIndex» wächst der Veterinärmarkt jährlich um 5 bis 7 Prozent und umfasst mittlerweile 1,5 bis 2 Milliarden Franken.

Noch führen die meisten Tierärztinnen und Tierärzte ihre Praxen selbst, doch der Einfluss internationaler Ketten wächst. Vor zehn Jahren gehörte kaum eine Schweizer Praxis einer Unternehmensgruppe, heute sind es schätzungsweise 10 bis 15 Prozent. Neben Evidensia mit 17 Praxen betreiben Anicura und Helvetiera je acht. Die Eigentümerverhältnisse sind meist nur im Impressum ausgewiesen, die Praxen behalten ihre alten Namen. Manchmal nicht einmal dort. So gibt etwa die Kleintierpraxis Letzi in Zürich nirgends an, dass sie zur Helvetiera-Gruppe gehört.

Ein Grund für die Übernahmen ist der Generationenwechsel: Über 35 Prozent der Schweizer Tierärzte sind 55 Jahre alt oder älter. Viele junge Berufsleute, meist Frauen, bevorzugen ein Angestelltenverhältnis, sodass internationale Ketten die Lücke füllen und Betriebe aufkaufen.

Gestiegene Ansprüche der Tierhalter

Gleichzeitig steigen die Ansprüche der Tierhalter. Wie Roberto Mossi, Präsident der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte, kürzlich dem Beobachter sagte, würden viele Tierhalter zunehmend moderne Untersuchungen wie ein CT erwarten, was die Kosten in die Höhe treibe.

Evidensia will sich nicht zu politischen Debatten im Ausland äussern, wie das Unternehmen auf Anfrage schreibt. Aufgrund «unterschiedlicher Marktstrukturen» seien zudem «keine belastbaren Rückschlüsse» auf die Schweiz möglich. Man setze sich für hochwertige tiermedizinische Versorgung zum Wohl der Tiere ein. Anicura, Helvetiera und die Kleintierpraxis Letzi reagierten nicht auf Fragen des Beobachters.

Auswanderin Florence Wibring beobachtet die Entwicklung in der Schweiz mit Sorge. Sie befürchtet, dass der Markt den gleichen Weg nimmt wie in Schweden. Um die letzte grosse Tierarztrechnung bezahlen zu können, musste sie ihr Quad verkaufen, das sie für den Wald- und Winterdienst gebraucht hat. Auf einen Kredit war sie bislang nicht angewiesen. Weitere Hunde kann sie aus finanziellen Gründen aber keine mehr aufnehmen.